Evgeni Mestetschkin im Interview „In Jerusalem existieren Welten nebeneinander“

„Unsere Aussteiger haben einen hohen Preis bezahlt“: Szene aus „Out of Mea Shearim“
„Unsere Aussteiger haben einen hohen Preis bezahlt“: Szene aus Out of Mea Shearim | Foto: Uri Rubinstein

Wie leben die Menschen in dem ultra-orthodoxen Jerusalemer Stadtviertel Mea Shearim? Und wie schaffen sie den Absprung, wenn sie dieses Leben nicht mehr leben wollen? Darum geht es in dem dokumentarischen Theaterstück Out of Mea Shearim. Ein Gespräch mit Regisseur Evgeni Mestetschkin.

 

Im Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim leben ultraorthodoxe Juden. Von der Außenwelt weitgehend isoliert, legen sie die Regeln der Tora besonders streng aus. Das Stadtviertel ist ein Kosmos, der Außenstehenden in der Regel verschlossen bleibt. Die deutsch-israelische Theaterproduktion Out of Mea Shearim der Jerusalemer Künstlerin Yulia Mestechkin und des Hamburger Regisseurs Evgeni Mestetschkin gewährt einen Einblick in das Leben und die religiöse Praxis dieser Menschen. Grundlage sind Biografien, Geschichten und Gedanken von acht Aussteigerinnen und Aussteigern, die den radikalen Bruch gewagt und die Jaffa Road überquert haben – jene Straße, die Mea Shearim von den übrigen Stadtteilen trennt. Zusammen mit den Regisseuren erkunden sie diese neue Welt im Theater – als Ausgestoßene, als Immigranten im eigenen Land. Unter ihnen Yossi, Sohn eines bekannten Rabbiners, der auf Facebook über seine Erfahrungen mit dem Ausstieg schreibt. Oder Racheli, die lange ein Doppelleben geführt hat und mittlerweile für eine Versicherungsgesellschaft arbeitet. Die gemeinsam mit dem Goethe-Institut produzierte Aufführung entstand im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums der deutsch-israelischen diplomatischen Beziehungen und wurde Anfang April zunächst in Jerusalem und wenig später in Hamburg gezeigt. Im Interview erzählt Regisseur Evgeni Mestetschkin, wie das Projekt entstanden ist.

Wie kam es zu „Out of Mea Shearim“?

Meine Schwester Yulia lernte zufällig einen jungen Mann kennen, der Mea Shearim verlassen hatte. Wir waren fasziniert von seiner Geschichte, und über ihn lernten wir weitere Aussteiger kennen. Nachdem wir beschlossen hatten, ein Theaterstück zu machen, starteten wir über Hillel, eine Organisation, die sich um diese Menschen kümmert, einen Aufruf bei Facebook. Die Reaktion war überwältigend. Es folgten viele Gruppen- und Einzeltreffen und eine erste Theatergruppe.

Das ist nicht die aktuelle Theatergruppe?

Nein. Aus der ersten Gruppe ist nur einer geblieben, alle anderen sind aus den unterschiedlichsten Gründen ausgestiegen. Auch die zweite Gruppe zerfiel. Die dritte Gruppe besteht aber nun seit April 2014, das sind die acht Menschen, die heute in dem Stück zu sehen sind. Es war harte Arbeit für sie, ihre Geschichten noch einmal zu durchleben. Ich bin begeistert, wie sie das alles hinbekommen haben. Sie haben sich enorm verändert in diesem Jahr, das sind ganz andere Menschen geworden. Es ist bewegend, wenn man das sieht.

Sind die Lebensgeschichten, die die acht Aussteiger aus Mea Shearim, dem Viertel der ultra-orthodoxen Juden in Jerusalem, auf die Bühne bringen, absolut authentisch?

Ja. Jeder spielt seine eigene Geschichte. Wir haben sie geschnitten und eine Choreografie daraus gemacht, aber kein Wort dazu gedichtet. Es ist wörtlich ihr Text.

Wie hatten Sie die orthodoxen Juden bis dahin wahrgenommen?

Straßenszene aus Mea Shearim: „Es geht uns nicht darum, die religiöse Praxis der Ultra-Orthodoxen zu diffamieren“ Straßenszene aus Mea Shearim: „Es geht uns nicht darum, die religiöse Praxis der Ultra-Orthodoxen zu diffamieren“ | Foto: Yulia Mestechkin Jedes Mal, wenn ich in Jerusalem bin, sehe ich zwei Welten, die nebeneinander existieren, weltlich und ultra-orthodox gekleidete Menschen im Stadtbild. Erst durch die Begegnung mit dem jungen Aussteiger öffnete sich ein Türchen in die andere Welt. Ich wusste, dass viele Leute in die Religion zurückkehren und nach Mea Shearim ziehen. Aber dass es so viele Aussteiger gibt, war mir neu.

Hat sich Ihr Bild von Mea Shearim verändert?

Die Bilder und Vorstellungen, die ich hatte, wurden auf den Kopf gestellt. Vieles war plötzlich ganz anders. Es ist eine sehr vielschichtige, komplexe und komplizierte Welt. Wir haben soviel Material zusammen, das würde für etliche Projekte reichen.

Was sind die Hauptgründe für die Aussteiger?

Meist ist es die Familiensituation, die damit verbundenen engen Regeln und Zwänge. Einige sind innerlich längst raus, bleiben aber drin, weil es sich in dieser Gemeinschaft sicher lebt. Es kann Nachteile haben, aber auch Vorteile, wenn das ganze Leben vorgeplant ist. Man weiß, wo man studiert, wo und wen man heiratet, was man in 20 Jahren macht, in 40 Jahren und wo man begraben wird.

Wie sind die Reaktionen aus Mea Shearim? Werden Sie angefeindet?

Nein. In Jerusalem waren sogar einige Ultra-Orthodoxe in den Vorstellungen, die haben auch an manchen Stellen gelacht. Für die meisten von ihnen liegt das Theater an sich völlig außerhalb ihrer Interessen und damit auch unser Stück. Es gibt aber nicht „die“ Ultra-Orthodoxen als Gruppe, es sind sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Regeln und Richtungen. Es geht uns ja auch nicht darum, die religiöse Praxis der Ultra-Orthodoxen zu diffamieren.

Wie werden Aussteiger von der Gemeinschaft behandelt?

Regisseur Mestetschkin: „Ich bin der deutsche Part in diesem Projekt“ Regisseur Mestetschkin: „Ich bin der deutsche Part in diesem Projekt“ | Foto: Thomas Röbke Unsere Aussteiger haben einen hohen Preis bezahlt und sind in großem Streit mit ihren Familien aus der Gemeinschaft ausgetreten. Die Mutter eines unserer Protagonisten sagte: „Es wäre besser gewesen, du wärest gestorben.“ Aber sie finden gerade alle wieder zusammen, das ist ein spannender Prozess. Sie beginnen, sich gegenseitig zu respektieren. Es ist kein Problem für sie, Mea Shearim zu besuchen.

Was ist schwieriger für die Aussteiger? Sich abzunabeln oder sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden?

Es ist schwieriger, sich neu zu finden. Diese Menschen haben kein Wissen über den normalen Alltag, menschliche Beziehungen und Kommunikation in der weltlichen Welt. Sie sind sehr ungeschützt, wie erwachsene Kinder.

Das Stück wurde auf Hebräisch mit deutschen Übertiteln aufgeführt. Sie sprechen kein Hebräisch, wie liefen die Proben ab?

Wir haben auf Hebräisch, Russisch, Deutsch, Jiddisch und Englisch geprobt. Meine Schwester beherrscht alle fünf Sprachen, wir haben uns gut verstanden. Es war eigentlich alles sehr locker. Das ganze Team hat sich gut verstanden. Auch meine Schwester und ich haben zum ersten Mal zusammen gearbeitet, aber es hat sehr gut funktioniert.

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut zustande?

Wir haben unser Projekt vorgeschlagen und das Goethe-Institut war sehr offen, sehr interessiert und hat uns wunderbar unterstützt.

Das Projekt fand im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums der deutsch-israelischen Beziehungen statt ...

... und ich bin der deutsche Part darin, das finde ich sehr symbolisch. Ich bin vor 20 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, ich habe einen deutschen Pass, aber Sie hören an meinem Akzent: Ich bin nicht wirklich deutsch. Aber was ist „deutsch“, was ist „israelisch“? Bei „deutsch-israelisch“ denkt man sofort an den Holocaust, beim Begriff „Israel“ an den israelisch-palästinensischen Konflikt – beides hat mit unserem Projekt nichts zu tun. Es ist ein Beispiel dafür, wie in der Zusammenarbeit von Deutschland und Israel etwas völlig Neues entsteht.

Das Interview führte Thomas Röbke

Probenszene: „Die Bilder und Vorstellungen, die ich hatte, wurden auf den Kopf gestellt“ Probenszene: „Die Bilder und Vorstellungen, die ich hatte, wurden auf den Kopf gestellt“ | Foto: Uri Rubinstein