Deutsch als Fremdsprache „Wir haben die Trendwende geschafft“

Deutschlerner in Japan: „Der Wirtschafts- und Studienstandort Deutschland ist attraktiv wie selten zuvor“
Deutschlerner in Japan: „Der Wirtschafts- und Studienstandort Deutschland ist attraktiv wie selten zuvor“ | Foto: Anja Schwab

Das Interesse an Deutsch als Fremdsprache ist weiterhin sehr hoch. Das zeigt eine neue Studie. In China, Indien und Brasilien gibt es sogar einen deutlichen Aufwärtstrend. Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, und Heike Uhlig, Leiterin der Sprachabteilung, erklären, warum.

Herr Ebert, alle fünf Jahre erhebt das Netzwerk Deutsch, wie viele Menschen weltweit Deutsch lernen. Jetzt liegen die neuen Zahlen vor. Was sind die zentralen Erkenntnisse?

Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts | Foto: Loredana La Rocca Ebert: Uns freut außerordentlich, dass in rund 60 Prozent aller befragten Länder die Nachfrage nach Deutsch gestiegen ist. Das betrifft vor allem Länder in Asien, Lateinamerika und Afrika. Insgesamt gesehen ist die Zahl mit 15,4 Millionen weltweit konstant geblieben, und damit ist es gelungen, den Rückgang seit 2000 zu stoppen. Das ist nicht selbstverständlich und zeigt zum einen, dass die Instrumente der Förderung von Deutsch als Fremdsprache Wirkung zeigen, und zum anderen, dass der Wirtschafts- und Studienstandort Deutschland attraktiv ist wie selten zuvor. Davon profitiert auch die deutsche Sprache. Die meisten Deutschlernerinnen und Deutschlerner gibt es nach wie vor in Europa, und die meisten – nämlich rund 13 Millionen – lernen Deutsch in der Schule.

Frau Uhlig, wie geht man bei einer so umfangreichen Studie denn überhaupt vor? 15,4 Millionen Deutschlerner weltweit, davon mehr als ein Drittel außerhalb Europas. Wie erfasst man eine so gigantische Datenmenge?

Uhlig: Hier arbeiten Goethe-Institut, DAAD, die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) und das Auswärtige Amt im Netzwerk Deutsch sehr eng zusammen: Nachdem ein gemeinsam erstellter Fragebogen an die Auslandsvertretungen geschickt worden ist, beginnt die wirklich aufwändige Arbeit im lokalen Netzwerk Deutsch: Alle Mittlerorganisationen tragen gemeinsam offizielle Statistiken zusammen und recherchieren Angaben zum Schul-, Hochschul- und Erwachsenenbereich. Dafür gebührt allen Beteiligten großer Dank. In sehr vielen Ländern ist es nicht so einfach, diese Statistiken zu bekommen, oft gibt es sie auch gar nicht, so dass man auch mit begründeten Schätzungen arbeiten muss. Das ist dann in der vorliegenden Studie auch angegeben.

Und welche Rolle hat das Goethe-Institut beim Erstellen der Studie genau gespielt?

Heike Uhlig, Leiterin der Sprachabteilung Heike Uhlig, Leiterin der Sprachabteilung | Foto: Loredana La Rocca Uhlig: Seit Beginn dieser Erhebungen laufen die Fäden beim Goethe-Institut zusammen: Im lokalen Netzwerk sind es die Kolleginnen und Kollegen der Goethe-Institute, die die gesammelten Daten in den Fragebogen übertragen, diesen dann in die Zentrale schicken, Nachfragen beantworten. In der Zentrale laufen dann alle Daten zusammen, wir bereiten sie auf, vergleichen mit den Erhebungen aus den früheren Jahren und analysieren gemeinsam im Netzwerk Deutsch die Ergebnisse.

Die Erhebung gibt es nun seit 1985. Was hat sich seither geändert? Lassen sich Trends ablesen?

Ebert: Es gab in den Jahren 1995 bis 2000 einen enormen Anstieg der Deutschlernerzahlen. Das hatte mit der euphorischen Aufbruchstimmung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der damit einhergehenden Westorientierung der ehemaligen Ostblockländer zu tun. Dann haben wir dort seit 2000 einen stetigen Rückgang beobachtet, der nun gestoppt scheint. Eine Trendwende also. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat aber auch Englisch in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas enormen Zuwachs bekommen, so dass heute fast überall Deutsch als zweite oder auch als dritte Fremdsprache gelernt wird und nur noch vergleichsweise wenige Schulen Deutsch als erste Fremdsprache anbieten. In allen Jahren waren die Lernerzahlen im Schulbereich am höchsten, dies hat sich nicht geändert. Geändert hat sich oft das Angebot an Fremdsprachen an den Schulen, das ist vielfältiger geworden und damit auch der Konkurrenzdruck auf die deutsche Sprache.

Wie erklären Sie sich den Anstieg der Lernerzahlen zum Beispiel in Asien?

Ebert: Das hat zum einen mit der bereits erwähnten Attraktivität Deutschlands als Studien- und Wirtschaftsstandort zu tun, zum anderen aber auch mit der Ausstrahlung der Initiative Schulen: Partner der Zukunft. Insgesamt bilden insgesamt 1.800 PASCH-Schulen ein weltumfassendes Netzwerk. Mehr als 500 davon werden vom Goethe-Institut betreut, die Deutschen Auslandsschulen und die Schulen, die das Deutsche Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz anbieten, von der ZfA. Vor allem in China und in Indien ist es gelungen, den Impuls, der von den PASCH-Schulen ausgeht, weiterzutragen. In anderen Ländern wurde Deutsch überhaupt erst mit PASCH eingeführt. Bleiben wir in China: 123 Schulen bieten dort inzwischen Deutsch als Unterrichtsfach an; gerade Schulleiter sind zunehmend an einer Internationalisierung ihrer Schulen interessiert, da fügt sich eine Aufnahme von Deutsch in die angebotenen Fächer natürlich gut ein. Auch in Indien wurde der Anstieg von Deutschlernern an Schulen durch zwei PASCH-Schulen ausgelöst, die den Impuls zur Einführung von Deutsch an inzwischen mehr als 700 Schulen geführt hat. Nach der Parlamentswahl in Indien 2014 hat dieses erfolgreiche Projekt einen Rückschlag erlitten, und das Goethe-Institut ist mit dem Auswärtigen Amt in intensiven Gesprächen mit der indischen Regierung, um wieder an die erreichten Erfolge anknüpfen zu können.

Die steigenden Zahlen in Ländern wie beispielsweise China, Indien, Brasilien, der Türkei und den Asean-Ländern steht ein weiterer Rückgang der Deutschlernerzahlen in der Russischen Föderation und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion entgegen. Wie kommt das?

Ebert: Nun muss man erstmal sagen, dass 1,5 Millionen Deutschlernende in Russland durchaus eine große Zahl ist und in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten immerhin auch drei Millionen Menschen Deutsch lernen. Die Ursachen für den Rückgang sind vielfältig und auch nicht immer zu beeinflussen: demografische Faktoren, Bildungsreformen, Urbanisierungsprozesse, die zur Schließung von Schulen auf dem Land führen, Diversifizierung des Fremdsprachenangebots an den Schulen.

Uhlig: Deutsch hat in Russland ziemlich unangefochten den Status als zweite Fremdsprache in den Schulen, und den konnten wir in den letzten Jahren auch ausbauen. Das hat viel mit steter sprachpolitischer Überzeugungsarbeit zu tun; das zweijährige Projekt „Lern Deutsch“ hat hier eine große Rolle gespielt. Auch die Lernerzahlen an den Goethe-Instituten und Sprachlernzentren sind in den letzten Jahren gestiegen.

Absoluter Spitzenreiter ist Polen mit 2,3 Millionen Deutschlernenden. Wie engagiert sich das Goethe-Institut dort?

Uhlig: Deutsch lernen hat in Polen eine lange Tradition. Die Reformprozesse im polnischen Schulsystem haben die zweite Fremdsprache als Pflichtfremdsprache verankert, und davon hat vor allem Deutsch profitiert. Auch in Polen sind es vor allem die beruflichen Chancen, die man sich verspricht, die entscheidend bei der Wahl einer Fremdsprache sind. Dazu kommen die vielen Austauschprogramme, die es zwischen Polen und Deutschland gibt. Das Goethe-Institut konzentriert seine Bemühungen derzeit vor allem auf Lehrerfortbildungen und innovative Unterrichtsprojekte, um die Qualität der Deutschkenntnisse zu verbessern.

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