Die Stadt und ich (2) Gast? Freundschaft!

Blick auf die Stadt: In Marokko fühlte sich unsere Autorin herzlich willkommen
Blick auf die Stadt: In Marokko fühlte sich unsere Autorin herzlich willkommen | Foto: Arne Hoel / World Bank

„Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ Woran denken Sie, wenn Sie das Zitat hören? Richtig: Casablanca. Anne Allmeling, Teilnehmerin des Journalistenaustauschs Nahaufnahme, geht es da nicht anders. Doch Humphrey Bogart kommt in ihrer Geschichte nicht vor. Dafür Hanane.

Der Flieger von Frankfurt nach Casablanca hat Verspätung. War ja klar, denke ich mir – mit der Pünktlichkeit nimmt es die marokkanische Fluglinie offenbar nicht so genau. Dumm nur, dass ich einen Anschlussflug nach Rabat habe. Ob die Verbindung noch klappt? Ich frage den Steward. Der beruhigt mich – alles kein Problem! Eine junge Marokkanerin dreht sich zu mir um und bietet mir an, mich zum Gate zu begleiten. Sie muss auch nach Rabat. Wie aufmerksam, denke ich. In Deutschland ist mir das noch nie passiert.

Hanane und ich kommen ins Gespräch. Sie kehrt gerade von einer Geschäftsreise nach Süddeutschland zurück, erzählt von ihren Eindrücken von Nürnberg und von ihrer Arbeit bei einem marokkanischen Telekommunikationsunternehmen. Ich will mehr wissen. Wir sprechen über unsere Familien und Freunde, über unseren Alltag in Köln und Rabat.

In Rabat ist Hananes Koffer verschwunden. Sie ist geknickt: In dem Koffer befinden sich viele persönliche Dinge, die ihr am Herzen liegen.

Für mich ist ein Hotelzimmer in der Innenstadt reserviert. Hanane wohnt gleich in der Nähe des Flughafens. Trotzdem besteht sie darauf, mich mit dem Auto zum Hotel zu fahren. Mein Argument, ich könne mir problemlos ein Taxi nehmen, lässt sie nicht gelten. Dabei ist es schon nach 22 Uhr. Ich bin sprachlos über diese Hilfsbereitschaft. Auf dem Weg schlägt Hanane vor, zusammen noch etwas essen zu gehen. Um diese Zeit? Ob denn da noch etwas offen sei, frage ich erstaunt.

Hanane lacht. Marokkaner, sagt sie, könnten immer essen (ein Satz, den ich in den folgenden Wochen noch häufiger hören werde). Deshalb hätten die Restaurant-Küchen auch um diese Zeit noch geöffnet. Hanane bringt mich zum Hotel, ich stelle meinen Koffer ab, dann geht es weiter in ein typisch marokkanisches Restaurant. Wir sitzen draußen auf der Dachterrasse. Es gibt frischen Minztee und Tajine, eine Art Kartoffelauflauf mit Hühnchen. Hanane und ich reden und reden, bis wir die letzten Gäste sind.

Abschluss mit Couscous

Schon am nächsten Tag schreiben wir uns über Facebook. Eigentlich wollen wir uns treffen, aber ständig kommt etwas dazwischen. In den drei Wochen, die ich in Rabat verbringe, muss Hanane dreimal nach Casablanca fahren, um sich um ihren verlorenen Koffer zu kümmern. Ohne Erfolg. Ich verbringe einige Tage im Süden Marokkos, und wir verpassen uns wieder. Trotzdem sind wir fast täglich in Kontakt.

Kurz vor meiner Abreise klappt es dann doch mit einem Wiedersehen. Hanane lädt mich zu sich nach Hause ein – zum Couscous-Essen. Das hat in Marokko Tradition: Jeden Freitag, nach dem Mittagsgebet, gibt es das beliebte Nationalgericht. Mit der Straßenbahn fahre ich in Rabats Nachbarstadt Salé, wo Hanane wohnt. Sie holt mich von der Haltestelle ab und führt mich in eine Straße mit vielen kleinen verwinkelten Häusern. Salé gilt als „Schlafstadt“ für Marokkaner, die in Rabat arbeiten, sich die teure Miete in der Hauptstadt aber nicht leisten können oder wollen.

Von Hananes Mutter und Vater werde ich gleich willkommen geheißen. Ich lerne auch drei ihrer Schwestern, ihre Schwägerin und deren kleinen Sohn kennen. Wir unterhalten uns auf Englisch, Französisch und Arabisch und lachen viel. Hanane hat durchgesetzt, dass ich im Wohnzimmer der Familie empfangen werde – und nicht im offiziellen Empfangsraum, wie es sonst für Gäste üblich ist. Sofort fühle ich mich hier zu Hause. Ein Berg von Couscous wird in einer riesigen Tonschale hereingetragen, und alle greifen zu.

Ich bin nicht sehr geschickt darin, mit der rechten Hand einen Couscous-Ball zu formen. Hananes Mutter hilft mir, ihre Schwestern geben Tipps und versorgen mich mit den größten Gemüsestücken. Es schmeckt hervorragend. Anschließend gibt es für jeden ein Glas Milch und Gebäck, das ich aus meiner Lieblingsbäckerei mitgebracht habe. Dann muss ich zurück nach Rabat, Hanane fährt mich in die Innenstadt.

Am späten Abend kommt sie noch einmal in meinem Hotel vorbei – und strahlt: Ihr Koffer ist wieder da. Zum Abschied hat Hanane mir ein Tongefäß gekauft, in dem ich auch zu Hause eine Tajine zubereiten kann. Und sie verspricht: Ich zeig' dir, wie es geht – bei meinem nächsten Besuch in Deutschland.