Baltimore Und was kann die Kunst?

Gedenken in Baltimore: Ein Graffito erinnert an Freddie Gray
Gedenken in Baltimore: Ein Graffito erinnert an Freddie Gray | Foto: Nate Larson

Der gewaltsame Tod von Freddie Gray hat der Stadt Baltimore traurige Schlagzeilen beschert. Einer Stadt, die weiß, was Krise ist. Aber auch Hoffnung kennt. Jetzt wollen die Menschen Gerechtigkeit. Eine Herausforderung für die Justiz – und für die Kultur. Eine Betrachtung von Wilfried Eckstein

Baltimore ist letzte Woche mit traurigen Nachrichten und erschreckenden Bildern in die Schlagzeilen geraten. Der 25-jährige Afroamerikaner Freddie Gray starb nach der brutalen Behandlung bei der Festnahme durch die Polizei. Schüler demonstrierten. Bürgerprotest eskalierte zu Gewaltausschreitungen gegen Geschäfte und Polizei. Der Ausnahmezustand wurde verhängt.

Daneben gab es noch ein anderes Bild in den Medien: das von Jugendlichen, die am Morgen nach den ersten Krawallen die Scherben zusammenkehrten, von der Entscheidung der städtischen Bibliotheken, für die Menschen weiterhin geöffnet zu bleiben,auch in der Nähe des von Krawallen geprägten Stadtviertels Sandtown-Winchester. „Die Menschen brauchen uns“, erklärte die Leiterin der zentralen Stadtbibliothek. „Wir wollen, dass dies ein sicherer Ort, ein sicherer Zufluchtsort für Familien und für die Öffentlichkeit ist.“ Auch andere Kultureinrichtungen machten weiter. Das Symphonie-Orchester von Baltimore lud zu einem kostenlosen Konzert ein, und die Dirigentin, Marin Alsop erklärte: „Ich hoffe, dass wir andere bei dem Versuch inspirieren können, die Welt zu verändern.“

Der Höhepunkt der Proteste ist hoffentlich vorüber, seitdem die 35-jährige Staatsanwältin Marilyn Mosby Anklage gegen sechs Polizisten wegen des Verdachts auf Körperverletzung mit Todesfolge verkündete. Die Menschen auf den Straßen in Baltimore, in Washington und anderen Städten der USA reagierten mit Hupkonzerten, Jubel und Blitzdemos.

Baltimore ist seit drei Jahrzehnten weit über die USA hinaus für hohe Kriminalität bekannt. Im letzten Jahr gab es 60.000 Verhaftungen, was bei einer Einwohnerzahl von etwas über 600.000 einen erschreckenden Eindruck hinterlässt. Die Krimiserie The Wire hat dieses nachteilige Image von Baltimore gefestigt.

Vielversprechende Stadtkultur

Aber es gibt immer mehr Künstler, die den Weg nach Baltimore finden. Junge Leute kommen aus anderen Bundesstaaten hierher, weil günstige Mieten und eine lebendige urbane Kultur vielversprechend sind. Längst nicht alle Stadtviertel wachsen, aber die Stadt war immer schon ein Transitort. In diesen Tagen sind es Immigranten aus dem Mittleren Osten, Afrika, Südamerika, die nach Baltimore kommen und von der Willkommenskultur der Stadt aufgenommen werden, was an der Krise der Stadt grundsätzlich nichts ändert, aber die Stadt eben lebens- und liebenswert macht.

Staatsgewalt trifft Bürger: Straßenszene am Rande einer Kundgebung in Baltimore Staatsgewalt trifft Bürger: Straßenszene am Rande einer Kundgebung in Baltimore | Foto: Nate Larson In dem Viertel, wo Freddie Gray wohnte, lebte bis Ende der Vierzigerjahre die afroamerikanische Mittelschicht. In der Nähe steht noch das Royal Theater, wo man Duke Ellington, Billie Holliday, Eubie Blake, Chick Webb (aus Baltimore) und andere Größen des Jazz hörte und sah. Diese Ära ist vorbei. Heute lebt ein Drittel der Bewohner hier unter der Armutsgrenze. Seit 30 Jahren liegt das mittlere Haushaltseinkommen bei 22.000 US-Dollar. Die Ernährungslage ist schlecht, jeder Fünfte ist arbeitslos. Analphabetismus, Jugendschwangerschaften und Drogenmissbrauch verdüstern die Aussichten auf eine Befreiung aus der Misere.

Baltimore hat auch andere Seiten, wunderschöne Seiten. Aber es gibt keine Ecke in der Innenstadt, die nicht durch eine tiefe Krise gegangen wäre oder noch immer geht. Dabei kann Baltimore auf eine glänzende Geschichte zurückblicken. Im 19. Jahrhundert war Baltimore die zweitwichtigste Einwanderungs-, Seehafen- und Industriestadt der USA. Noch heute zeugen prächtige Hochhäuser, schmucke Villen und kolossale Bauwerke im Stadtinneren von der einstigen Blüte dieser Handels- und Produktionsmetropole. In den Fünfzigerjahren setzte dann die Schrumpfung der Stadt ein, die bis heute anhält und die Zahl der Einwohner in den letzten 100 Jahren von 1,2 Millionen auf die Hälfte reduzierte. Damals begann das, was als Urban Sprawl die Stadtgeschichte der USA geprägt hat, der Auszug der Mittelklasse in die Vororte.

Charme, Humor und Beharrlichkeit

Es gibt aber einige Stadtgebiete, wie das Hafengebiet und das ehemalige Gewerbegebiet am Bahnhof, und eines das an Sandtown-Winchester grenzt, die eine zwar langsame, sich über zwei Jahrzehnte hinziehende, aber doch messbare Aufwärtsentwicklung aus der Dauerkrise nehmen. Dabei sind die Fakten die gleichen: Die Arbeitsplätze sind nicht zurückgekehrt, statistisches Wirtschaftswachstum merkt man nicht im Geldbeutel. Wie erklärt sich dann aber, dass manche Viertel wieder sicherer werden?

Im vergangenen Jahr organisierte das Goethe-Institut Washington ein Kulturprogramm zum Creative Placemaking. Was uns und andere europäischen Kulturinstitute interessierte, war die Frage, was kann Kunst in einer bedrückenden Stadtsituation Positives beitragen? Was können engagierte Bürger und Kulturschaffende tun, damit ein Stadtgebiet stabiler wird und wieder zu bürgerlichem Leben zurückfindet? Oft haben wir uns gefragt, ob uns in Europa diese Erfahrung von Baltimore erspart bleiben wird, und wie sich unsere Gesellschaften zu Hause auf die nächste Krise besser vorbereiten können?

Wir haben viel in und von Baltimore gelernt. Wir lernten Bildhauer, Maler, Galeristen, Theatermacher, Stadtplaner, Investoren und andere engagierte Leute kennen, die ihre Stadt Baltimore nicht aufgeben, die sich mit ihr identifizieren und daran arbeiten, dass sie nicht untergeht, sondern wieder aufblüht. Wir haben erlebt, wie man eine neue Nachbarschaftskultur schaffen kann, wie ein Park sicherer, eine Straße wieder begehbar wird. Wir haben verstanden, dass dieses Engagement Charme und Humor, aber auch Beharrlichkeit verlangt, die so unerbittlich sein muss, wie die Krise, der man die Stirn bietet.

Wilfried Eckstein leitet das Goethe-Institut Washington.