Falk Richter im Interview „Ich mag den derben Humor der Australier“

Szene aus „Complexity of Belonging“: „Steter Austausch zwischen Text und Bewegung“
Szene aus Complexity of Belonging: „Steter Austausch zwischen Text und Bewegung“ | Foto: Jeff Busby

Tanzende Schauspieler, schauspielernde Tänzer. Und immer die Frage: Ab wann gehört man dazu? Regisseur Falk Richter und Choreografin Anouk van Dijk haben ein vom Goethe-Institut gefördertes Experiment unternommen: das Tanztheaterstück Complexity of Belonging. Im Interview erklärt Richter, warum.

Nachdem es im vergangenen Jahr mit großem Erfolg in Australien Premiere gefeiert hat, kommt „Complexity of Belonging“ jetzt auch nach Berlin. Worum geht es in dem Stück?

Richter: Die Frage nach Identität und Zugehörigkeit wird in unseren westlichen, globalisierten Gesellschaften, in denen sich die traditionellen Formen von Beziehungen und nationalen Identitäten auflösen, immer wichtiger. Ich interessiere mich für die Frage: „Wie definieren Individuen ihr ganz persönliches Gefühl der Zugehörigkeit?“ Zusammen mit Anouk van Dijk habe ich eine Gruppe aus Tänzern und Schauspielern zusammengestellt, die nicht nur großartige Künstler, sondern auch daran interessiert sind, ihre persönlichen Geschichten mit mir und dem Publikum zu teilen: Wie definieren sie „Heimat“? Wie definieren sie „Familie“? Wie halten sie Fernbeziehungen aufrecht? Wie drückt man seine Gefühle für jemanden über Skype, per E-Mail oder SMS aus, der weit weg ist? Wie wichtig ist ihnen ihre Herkunft, wie würden sie ihre eigene „Nation“ definieren? Wie sieht „ein echter australischer Mann“ aus und wie verhält er sich? Australien ist seit über 200 Jahren ein Einwanderungsland, in das Leute von überall her kommen, um von vorne zu beginnen. Deutschland erkennt erst seit kurzem die Tatsache an, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein, und wir beginnen langsam zu realisieren, dass auch Deutsche mit türkischer, bosnischer oder afrikanischer Herkunft eine neue und komplexere Gesellschaft formen. Deutschland und Australien haben beide eine traumatische Vergangenheit, die von Genozid geprägt ist und bis heute den politischen Alltag prägt. In Complexity of Belonging geht es um sehr persönliche, individuelle Geschichten der Leute, deren Leben von all diesen Einflüssen und Fragen berührt wird.



Sie beschreiben Ihre Arbeiten mit Anouk van Dijk als „Choreografisches Theater“. Was genau ist das Besondere daran?

Anouk und ich arbeiten mit einem Ensemble aus Schauspielern und Tänzern, aber in unserer Arbeit verwenden alle Text und Bewegung als Ausdrucksmittel. In der Show schaffen wir einen steten Austausch zwischen Text und Bewegung. Während der Proben arbeiten wir immer in einem großen Studio zusammen – die Schauspieler wärmen sich mit den Tänzern auf und arbeiten dabei körperlich, und die Tänzer bringen sich genauso wie die Schauspieler bei allen Diskussionen über den Inhalt des Stückes und den tiefergehenden, theoretischen Diskussionen mit den Dramaturgen und mir ein. Manchmal entsteht eine Szene durch eine körperliche Aktion, manchmal ist es ein Text, der die Bewegung in dieser Sequenz inspiriert. Wenn innerhalb der Performance alles perfekt verläuft, kann man nicht mehr sagen, wer Tänzer und wer Schauspieler ist.

Können Sie beschreiben, wie „Complexity of Belonging“ entstanden ist? Worin lag die Inspiration und was entstand zuerst? Text oder Tanz?

In meiner jüngsten Arbeit in Berlin habe ich mich mit der „Übergangsgesellschaft“ beschäftigt; einer Gesellschaft, die dabei ist, ihre grundlegenden Paradigmen zu verschieben. Deutschland empfinde ich als Gesellschaft, die sich mit starken Veränderungen konfrontiert sieht. Wir definieren neu, was es bedeutet, deutsch zu sein. Immer mehr Deutsche mit Migrations- oder Queer-Hintergrund haben eine bedeutende Position in Politik oder Kunst inne und beginnen, ihre Vorstellungen von einer modernen deutschen Gesellschaft einzubringen. Dadurch wird unsere Gesellschaft komplexer und interessanter; es bereichert sie. Gleichzeitig fürchten sich viele Leute vor dieser neuen Komplexität. Sie wollen die Dinge einfach halten, sie wollen einfache Definitionen und klare Hierarchien bezüglich Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung. Die Globalisierung geht gewissermaßen Hand in Hand mit diesem neuen Aufstieg des Faschismus, was alarmierend ist.

Sie haben schon mit zahlreichen Ensembles auf deutschen Bühnen gearbeitet. Welche Unterschiede gab es bei der Zusammenarbeit mit einem australischen Ensemble?

Ich war überwältigt, wie Schauspieler und Tänzer hier in Australien improvisieren können. Das kommt einfach natürlich; ich muss ihnen nur ein paar Schlüsselwörter geben, beschreiben, was ich suche, und Minuten später sehe ich, wie sich eine komplette Szene vor mir entfaltet. Einerseits ist das Teil ihrer Ausbildung, andererseits aber auch eine generelle Offenheit und Neugier. Die Schauspieler scheinen alle ein großes Talent sowohl für die Arbeit auf der Bühne als auch für den Film zu haben. In Deutschland sind Film und Bühne oft getrennte Welten. Ach ja, und da ist der Humor. Wie man weiß, ist Berlin nicht gerade als Welthauptstadt der Stand-up-Comedy bekannt. Australier sind sehr witzig. Ihr Humor ist derbe und direkt. Das mag ich sehr.



Welche Bedeutung hat „Complexity of Belonging“ innerhalb Ihres Gesamtwerks?

Dies ist mein erstes Stück, das ich in einer anderen Sprache verfasst habe. Zu Beginn der Proben habe ich noch auf Deutsch geschrieben, und Daniel Schlusser hat übersetzt. Damit habe ich bald aufgehört und entschieden, dass ich alle Texte direkt auf Englisch schreibe. Das ist also mein erstes australisches Stück, geschrieben auf Australisch – „with a little help from my friends“, wie es in dem Beatles-Song so schön heißt.

Für „Complexity of Belonging“ suchen Sie erneut die Zusammenarbeit mit Anouk van Dijk. Was macht diese für Sie so besonders?

Wir haben uns zum ersten Mal getroffen, als ich noch ein Student war und Anouk eine junge Tänzerin, und haben sofort begonnen, Ideen zu entwickeln, was wir gemeinsam auf einer Bühne mit Tänzern und Schauspielern machen würden, wenn wir denn irgendwann einmal die Möglichkeit dazu haben würden. Nun sind wir seit fast 20 Jahren befreundet. Seit 1998 arbeiten wir zusammen. Es besteht ein großes Interesse an den Arbeiten des anderen, und wir haben viel Vertrauen ineinander, was uns erlaubt, immer wieder neue Dinge auszuprobieren und einen Schritt weiter zu gehen als bei der vorangegangenen Produktion. Gemeinsam schaffen wir jedes Mal etwas, das wir allein so nie machen könnten.

Das Interview führte Gabriele Urban
 

Falk Richter, geboren 1969 in Hamburg, studierte Regie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg bei Jürgen Flimm. Seit 1994 inszeniert er an nationalen und internationalen Bühnen. Zu seinen bekanntesten und erfolgreichsten Texten gehören Gott ist ein DJ, Electronic City, Unter Eis und Trust. Seine Stücke liegen in mehr als 30 Sprachen vor und werden weltweit gespielt.