Daniel Sempeho über Dar es Salaam „18 Kilometer in drei Stunden”

„Durchschnittlich verdienen die meisten Menschen in Tansania umgerechnet etwa 72 Euro im Monat“
„Durchschnittlich verdienen die meisten Menschen in Tansania umgerechnet etwa 72 Euro im Monat“ | Foto: Imke Stahlmann / Flickr

Die Dar es Salaamer nehmen jeden in ihre Familie auf, der Hilfe braucht, sagt Daniel Sempeho. Im Interview erzählt der Goethe-Mitarbeiter, welche Spuren die deutschen Kolonialherren hinterlassen haben und wie man auf dem Weg zum Strand auch mal drei Stunden im Stau stehen kann.
 

Stimmt es eigentlich, dass man in der Wirtschaftsmetropole Dar es Salaam auf Schilder trifft mit der Aufschrift „Achtung! Herabfallende Kokosnüsse!“?

An manchen Stränden oder in der Nähe zum Ozean stehen die Kokospalmen tatsächlich sehr dicht. Weht da eine stärkere Brise, können die Kokosnüsse leicht herunterfallen, und das ist nicht ungefährlich. Deshalb gibt es diese Schilder.

Wo ist Dar es Salaam am schönsten?

Am schönsten ist es meiner Meinung nach am Strand. Im Süden und Norden der Stadt gibt es die besten Stellen für einen entspannten Sonnentag. Auch auf den nahegelegenen Inseln finden sich tolle Strände mit weißem Sand und blauem Wasser. Teilweise muss man allerdings eine etwas längere Fahrzeit in Kauf nehmen, denn Dar es Salaam ist eine der am schnellsten wachsenden Städte Ostafrikas, und die Wege sind lang. In den letzten Jahren hat die Stadt ihr Aussehen stark verändert, Hochhäuser und moderne Bauten ersetzen mehr und mehr kleine Gebäude und alte Häuser.

Welches Gericht sollte man sich in Dar es Salaam auf keinen Fall entgehen lassen?

Da gibt es so viele gute Gerichte, dass ich keines speziell empfehlen kann. Als Stadt im Küstengebiet von Ostafrika zwischen Somalia und Mosambik erlebt Dar es Salaam viele Einflüsse von außerhalb – auch und vor allem in der Esskultur. Unter den Speisen lassen sich viele indische, orientalische und afrikanische Gerichte finden. Eine bunte Mischung also, aus der jeder seine Favoriten wählen kann.

Welche Spuren hat die deutsche Kolonialzeit in Dar es Salaam hinterlassen?

Nachdem Dar es Salaam von den Arabern als Hafenstadt angelegt worden war, entwickelten die deutschen Kolonialherren die Stadt weiter. Diese deutschen Strukturen erkennt man noch heute in einem kleinen Teil der Stadt: Ein alter Bahnhof sowie einzelne Gebäude aus der Kolonialzeit sind noch erhalten. Allerdings müssen mittlerweile viele Bauten nach und nach modernen Vierteln weichen.

Worin unterscheiden sich die Tansanier am meisten von den Deutschen?

In Tansania ist der Familienbegriff sehr weit. Freunde oder Kollegen werden schnell als Familienmitglieder anerkannt. Hat ein tansanischer Kollege Probleme in der Familie, hilft man ihm sofort aus. Dem deutschen Verständnis von Familie mit Großeltern, Eltern und Geschwistern entspricht das eher weniger.

Das monatliche Nettoeinkommen eines deutschen Haushalts betrug im Jahr 2012 im Durchschnitt 2.700 Euro. Wie gut könnte eine Familie in Dar es Salaam damit leben?

Für Tansanier ist das eine Menge Geld. Auch der in Deutschland herrschende Mindestlohn von 850 Euro wäre für die Menschen hier bereits ein Spitzengehalt. Natürlich verdienen manche mehr als 2.700 Euro monatlich – das ist aber eine sehr kleine Schicht der Bevölkerung, z.B. Leute, die für internationale Organisationen oder größere Firmen arbeiten. Die meisten Menschen verdienen in Tansania durchschnittlich 1.500 Schilling im Monat, das sind etwa 72 Euro.

Dar es Salaam – Sportbegeisterte Großstadt mit breitem kulturellen Angebot Dar es Salaam – Sportbegeisterte Großstadt mit breitem kulturellen Angebot | Foto: David Davies / Flickr Was bewegt die Dar es Salaamer derzeit am meisten?

Ein großes Thema sind die diesjährigen Präsidentschaftswahlen. Die Menschen diskutieren über die Kandidaten der verschiedenen Pateien und deren Eignung. Außerdem bewegen die Lebensverhältnisse in der Großstadt Dar es Salaam die Menschen sehr, besonders der Verkehr: Im Stadtraum ist es keine Seltenheit, auf einer Strecke von 18 Kilometern bis zu drei Stunden im Stau zu stehen. Ob in Zeitungsberichten oder bei Geschäftsterminen, zu denen sich Leute verspäten – Verkehrsstaus sind immer ein Gesprächsthema. Auch die Versorgungslage beschäftigt die Menschen, denn es kommt fast jeden Monat für mehrere Tage zu Wasser- und Stromausfällen, ohne dass die Bürger entsprechend informiert werden.

Was machen kulturell interessierte Menschen in Dar es Salaam in ihrer Freizeit am liebsten?

Dar es Salaam bietet als Großstadt natürlich ein breites kulturelles Angebot. Großer Beliebtheit erfreuen sich die vielfältigen musikalischen Angebote – von Hip-Hop für die jungen Leute über afrikanische und orientalische Klänge bis hin zu Stücken kubanischen Ursprungs für die ältere Generation. Die Tansanier sind außerdem sehr sportbegeistert: An erster Stelle steht – ähnlich wie in Deutschland – der Fußball.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?

Am meisten freue ich mich tatsächlich auf das Herbst- und Winterwetter in Deutschland. Außerdem empfinde ich es als sehr angenehm, mit meinen Freunden und Verwandten über ganz andere Themen zu reden als in Tansania. Außerdem ist natürlich das umfangreiche kulturelle Angebot in Deutschland großartig.

Daniel Sempeho, geboren 1974 in Leipzig, lebte seinen Traumberuf aus Kindheitstagen – Abenteurer – als Journalist aus. Nachdem ihn familiäre Bande im Jugendalter nach Tansania zogen, brachte ihn dieses Berufsziel schon zu Studienzeiten in die verschiedensten Städte und Ecken der Region. Nach mehrjähriger Arbeit als Redakteur für eine Jugendzeitschrift und Fachberater für Kommunikation verschlug es ihn vor vier Jahren zum Goethe-Institut Dar es Salaam, in dem er sich seither um die Programmarbeit kümmert. In seiner freien Zeit vergnügt er sich vor allem an der frischen Luft und erkundet dabei gerne die Unterwasserwelt oder taucht in einen historischen Roman ein. Seine Verbindung zu Deutschland geht dabei nicht verloren: Regelmäßig macht er sich auf den Weg gen Norden, um seine dort lebenden Verwandten zu besuchen.