Deutsches Kino in Australien Mit Schiller auf den Nanga Parbat

Voller Saal bei der Festivaleröffnung in Sydney
Voller Saal bei der Festivaleröffnung in Sydney | Foto: Wesley Nel

Zuschauerraum statt roter Teppich: Beim deutschen Filmfest in Australien steht das Publikum im Mittelpunkt – und weiß das zu schätzen. Auch für das Goethe-Institut, den Organisator, ist das Festival ein großer Erfolg. Obwohl Schiller in diesem Jahr Goethe fast die Schau gestohlen hätte. Von Klaus-Peter Claus

„Festgemauert in der Erden ... “ – Schillers Lied von der Glocke in Melbourne. Ruth, wohl weit über 80, die Zigarette lässig im Mundwinkel, rezitiert das Gedicht nach der Aufführung von Dominik Grafs Schiller-Film Geliebte Schwestern. Sie steht auf den Eingangsstufen eines der Kinos, in denen das Goethe-Institut in Australien das 14. Audi Festival of German Film ausrichtet. 50 Filme in zehn Kinos in acht Städten des Kontinents. Der Zustrom der Zuschauer zeugt von enormem Interesse.

Deutsche Filme sind im australischen Kino-Alltag die Ausnahme. Gerade mal einer oder zwei schaffen es pro Jahr in den regulären Verleih. Ruth steht für einen Teil des Publikums: Deutsche, die oft aus politischen Gründen während oder unmittelbar nach der Nazidiktatur hierher gekommen sind. Sehnsucht nach der Heimat treibt sie an. Für die zweite wesentliche Gruppe steht der Mittdreißiger Shawn. Der Tüftler aus der IT-Branche hat am Goethe-Institut die deutsche Sprache erlernt. Jetzt will er mehr über das Land erfahren, von dem er weiß, dass es zu den wirtschaftlich stabilsten der Welt gehört.



Shawn nutzt das Festival, um sich intensiver mit Deutschland bekannt zu machen, um über die Filme „ein Gefühl für den Alltag in Germany zu kriegen“, wie er sagt. Der Grund ist handfest: „Gut möglich, dass ich mal für einige Jahre nach Deutschland gehe.“ – Nur zwei Beispiele für die Strahlkraft des Festivals. Dessen grundsätzlicher Erfolg nicht verwundert: Kino gehört in Australien zu den Freizeitaktivitäten. Und Deutschland ist eines der wenigen Länder, über die, vor allem wegen des hohen Lebensstandards und der kulturellen Vielfalt, in Australien ausgiebig diskutiert wird.

Auf den vielen vom Goethe-Institut während des Festivals organisierten Panels und Diskussionen geht es oft hoch her, besonders dann, wenn Fragen der Identität im Zentrum stehen. Wenn der deutsche Journalist darüber nachdenkt, dass es seiner Generation nach wie vor schwerfällt, so etwas wie Nationalstolz zu entwickeln, führt das zu einem regen Gedankenaustausch zwischen den Generationen, zwischen Deutschen und Australiern, zwischen Menschen aus verschiedensten sozialen Schichten.

Der Star des Abends: Florian Stetter mit Festivalbesuchern Der Star des Abends: Florian Stetter mit Festivalbesuchern | Foto: Wesley Nel Menschen wie Ruth gestehen, dass „der Blick auf das Land der Kindheit natürlich ein verklärter ist“. Jüngere wie Shawn, wundern sich, dass Deutsche, die nach 1945 geboren worden sind, die Last der Geschichte auf ihren Schultern zu verspüren meinen. Die Gespräche erreichen eine erstaunliche Tiefe und Intensität. Als Gesprächspartner hat das Goethe-Institut Künstler, Wirtschaftsfachleute, Journalisten aus dem deutschsprachigen Raum wie aus Australien eingeladen.

Eine der wesentlichen Grundlagen des Festival-Erfolgs: Hier gehört dem Publikum wirklich die Hauptrolle. Es kann und soll sich bitte einmischen, Fragen stellen. Anders als auf vielen anderen Festivals steht hier nicht die Selbstdarstellung der Organisatoren im Zentrum, sondern die Erfüllung der Publikumsbedürfnisse. Da holt denn auch mal der Chef des Goethe-Instituts Australien einen Kaffee für einen betagten Festivalbesucher, sorgt eine Mitarbeiterin dafür, dass die jugendlichen Verehrerinnen den Schauspielstar Florian Stetter nicht nur von weitem bewundern können, sondern mit ihm ins Gespräch kommen, Foto inklusive.



Spätnachts garantiert die Goethe-Crew denn auch, dass der eloquente Hauptdarsteller von gleich mehreren der hier gezeigten Filme, etwa Nanga Parbat und Die geliebten Schwestern, ins Bett kommt, um am nächsten Morgen wieder hellwach beim Festival-Karussell mitmischen zu können.

Natürlich ereignen sich zahlreiche kleine Katastrophen oder amüsante Episoden am Rande: Hotelzimmer werden unter Wasser gesetzt, Anzüge am Flughafen vergessen, das Goethe-Institut wird zum Postamt für Fan-Briefe an den Schiller-Darsteller Stetter umgewandelt ... All das und mehr wird locker nebenbei geregelt.

Beim Eröffnungsabend in Sydney bekommt jede Besucherin und jeder Besucher eine Rose überreicht. Ruth steckt sich die Blüte ans Revers der Kostümjacke. Ihr Kommentar: „Ein Lächeln aus Deutschland.“ Ruth hat anderes erlebt. Wovon sie den Jungen, wie Shawn, erzählt.