Die Stadt und ich (3) Monstrum Beirut, Faszinosum Beirut

Hamra, das Viertel, in dem ich wohne und arbeite
Hamra, das Viertel, in dem ich wohne und arbeite | Foto: Hans-Ulrich Brandt

Anfangs machte mir Beirut Angst, ich traute der Stadt nicht. Zu viel hatte ich gehört, zu wenig wusste ich. Aus gierig aufgesogenen Informationen hatte ich mir eine Realität zusammengebaut, die zu meiner Gaststadt passen sollte – es aber nicht tat. Eine Nahaufnahme von Hans-Ulrich Brandt

„Ein Besuch in einer anderen Welt sollte ohne Identität oder, soweit wie möglich, ohne sie erfolgen. Es wäre doch Unsinn, dass man sich plagt und reist, nur um sich seines Fremdseins, seines Europäertums zu versichern.“ Das schrieb der libanesische Journalist und Schriftsteller Abbas Beydoun, einer der bedeutendsten Dichter der arabischen Sprache. Nun kommt er jeden Tag zu mir in die Kulturredaktion von As-Safir, die mich, den Gast aus Deutschland, beherbergt, und lädt mich ein zu Café oder Tee und ich ihn zu Gebäck. Er ist, wie mein Vater war, er liebt Süßigkeiten. Vielleicht freue ich mich deshalb so, wenn er mich anlächelt und erneut in die Tüte greift. Reden können wir nicht viel, mein Französisch ist zu schlecht – sein Englisch nicht vorhanden. Aber an unserem kleinen Ritual halten wir fest.

Beydoun kennt meine Situation. Auch er hat an einem Austauschprojekt teilgenommen, besuchte seinen Schriftstellerkollegen Michael Kleeberg in Berlin und der ihn in Beirut. In dieser Zeit schrieb er die wunderbare Erzählung Ein Herbst in Berlin, etliche Gedichte und ein Porträt über Kleeberg mit dem Titel Ein anderes Land, aus dem das Eingangszitat stammt.

Ich gebe zu, mir ist es in den ersten Tagen nicht leicht gefallen, Abbas Beydouns berechtigten Ansprüchen zu genügen und meine eigene Identität zu vergessen. Ich schaffte es nicht, mich sofort mit offenem Blick in das Abenteuer Beirut zu stürzen. Die Stadt wirkte auf mich am Anfang verschlossen, monströs; ich erkannte nur Chaos, keine Strukturen. Und sie machte mir auch Angst, ich traute ihr nicht. Zu viel hatte ich gehört über die bedrohliche politische Lage des Libanon. Ich wusste um die Gefahr des immer näher rückenden syrischen Bürgerkriegs, um die Spannungen zwischen den vielen religiösen Gruppierungen. Und ich wusste natürlich von den Anschlägen, die immer wieder im Land passieren. Aus all diesen gierig aufgesogenen Informationen hatte ich mir eine Realität zusammengebaut, die zu Beirut, meiner Gaststadt, passen sollte – es aber nicht tat.

Ich kam nachts kurz nach 3.00 Uhr an. Flughäfen sind zwar nie dazu angetan, den ersten Kontakt mit einer Stadt besonders liebenswert zu gestalten, um diese Zeit aber fühlte ich mich wie irgendwo ausgesetzt. „Lost in Beirut“. Mit dem Taxi fuhr ich über leere Stadtautobahnen durch düstere Viertel, eine bedrohlich erscheinende fremde Welt. Wo war ich hier?

Das Gefühl des Hierseins

Am nächsten Morgen sah ich, was mich umgab – von da an wurde es besser. Ich lernte schnell, mich zu orientieren in dieser Stadt, in der Straßennamen selten eine Rolle spielen und viele Häuser keine Nummern haben. Ich ignorierte den Verkehrslärm, der unbeschreiblich ist, und gewöhnte mich an die rüde Art der Auto- und besonders der Mopedfahrer. Ich entdeckte zwischen all den kaputten und leerstehenden Häusern das Schöne, Faszinierende – eine alte Villa mit Ornamenten und gusseisernen Ziergittern vor den Balkonen; einen großen Baum in der Wüste aus Beton; ein Café in einer Seitengasse, mit Sonnenschirmen vor der Tür und singenden und tanzenden Kellnerinnen. Kurz: Ich entdeckte den Charme des Hamra-Viertels, in dem ich wohnen und arbeiten durfte, des Viertels, in dem so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft gut zusammenleben; ich erfreute mich jeden Tag am Sprachgewirr in den Straßen.

Ich spürte die große Gastfreundlichkeit der Menschen, die keinen Zweifel duldet. Und ich spürte ihre Bereitschaft, meine Offenheit für alles Neue durch eine immer größere Nähe zu vergelten. Bereits in Bremen konnte ich Ibrahim kennenlernen. Erst zeigte ich ihm meine Stadt – wobei er mich dafür viel weniger brauchte; dann führte er mich behutsam durch Beirut. Ohne seine Hilfe wäre mir vieles schwerer gefallen. In diesen fast zwei Monaten sind wir Freunde geworden.

Während ich dies schreibe, blicke ich auf ein Ölgemälde. Mein Beiruter Kollege Iskandar hat es gemalt und mir geschenkt. Er ist nicht nur Journalist und Schriftsteller, er ist auch Maler. Das Bild zeigt zwei Frauen in bunten Kleidern, ihre Gesichter sind nur Schemen, sie lassen viel Raum für Phantasie. Ich mag es sehr. „Zur Erinnerung an Beirut – Danke, mein Freund“, hat Iskandar hinten drauf geschrieben. Was soll ich sagen: Chukran, danke, Iskandar, ich bin gerührt.

Und so ist aus dem anfänglichen Fremdsein ein Gefühl des Hierseins geworden. In meinen Geschichten aus Beirut habe ich darüber geschrieben. Eines Abends sprach mich auf dem Heimweg ein Mann an. Er fragte mich, ob ich der Journalist aus Deutschland sei, der in „As-Safir“ die schönen Geschichten über den Alltag schreibt. Ich fragte ihn, wie er mich denn erkannt habe. Er sagte, er habe mich aus der kleinen Straße kommen sehen, in der die Zeitung ihren Sitz habe. Außerdem würde ich nicht unbedingt aussehen wie ein Libanese. Und dann bedankte er sich für meine Artikel. Er freue sich jetzt schon auf den nächsten, würden sie doch zeigen, dass es auch Schönes gebe im Alltag Beiruts, nur würde es keiner mehr bemerken.

Abbas Beydoun hat es einmal ähnlich ausgedrückt: „Dieses Land braucht den fernen Betrachter, um ein wenig von dem Stolz wiederzufinden, den es verloren hat.“