„The Power“ in Seoul Warten auf den Untergang

Szene aus „The Power“: Woran geht die Welt zugrunde?
Szene aus The Power: Woran geht die Welt zugrunde? | Foto: Im Yeong-Hwan / NTCK

Ein roter Drache, eine verwirrte Armee, ein Amoklauf. Und natürlich der Weltuntergang. The Power lässt wenig aus. Das in Seoul uraufgeführte Stück ist eine Parabel auf die südkoreanische Gesellschaft. Von Kerstin Car

Wenn man den Einwohnern von Südkoreas Hauptstadt Glauben schenkt, sind die Straßen in Downtown Seoul zur Zeit wie leergefegt. Der Grund dafür sei die Angst vor dem Mers-Virus, sagen sie. Glaubt man seinen eigenen Augen, ergibt sich ein anderes Bild: Menschen drängen aneinander vorbei, die Geschäfte beschallen die Straßen mit lautem K(orea)-Pop, hier und da und eigentlich überall Streetfood-Verkäufer – alles erleuchtet und umspielt von blinkenden und strahlenden Neonschildern.

Seoul vibriert. Die Weltmetropole hat sich nach Besatzung und Militärdiktatur durch Fleiß, Willen und Arbeitseifer in kürzester Zeit in eine globale Wirtschaftsmacht mit rapide ansteigendem Wohlstand verwandelt. Und sie bietet in gigantischen Ausmaßen ein Mehr an allem Vorstellbaren, das in ein Meer aus Neon getaucht wird. In Myeongdong, einem der Touristen- und Shoppingviertel, tönen Trubel, Menschen, Geschäftigkeit, K-Pop und Straßenlärm.

Inmitten dieser koreanischen Wunderkammer befindet sich auch das Myeongdong-Theater, an dem Nis-Momme Stockmanns gesellschafts- und kapitalismuskritisches Stück The Power unter der Regie von Alexis Bug seine Weltpremiere feierte. Das Stück ist eine Kooperation der National Theater Company of Korea mit dem Goethe-Institut. Es behandelt die Schwierigkeiten in einem streng hierarchisch strukturierten Land, dessen Gesellschaft und Machtverhältnisse aktuell jedoch im Wandel begriffen sind.

Nicht minder poppig, überdreht und unterhaltsam wie die Straßen in Myeongdong kommt auch das Stück daher, das eine launige Endzeitstimmung proklamiert. Der Mensch könne sich eher das Ende der Welt vorstellen, als das Ende des Kapitalismus, zitiert Stockmann den britischen Kulturtheoretiker und Blogger Mark Fischer und lässt die Uhren in seinem Stück auf 5 vor 12 stehen bleiben.

Alle warten auf den Weltuntergang. Und alle arbeiten dem Weltuntergang entgegen. Birk Odenkirk, Angestellter in einem Unternehmen, findet einen Brief ohne Adressat und Absender, der zudem „nur im äußersten Notfall“ zu öffnen sei. Mit der ungewissen Situation ist er sichtlich überfordert. Die Soldaten der grünen Armee, die sich wegen verlorengegangener Abzeichen zuerst nicht schlüssig darüber sind, wer überhaupt der befehlshabende Offizier ist, gehen schließlich daran zugrunde, dass der verehrte Drache nicht grün, sondern rot ist. Unterdessen artet in der Chefetage des Versicherungskonzerns Globex ein Streit in einen Amoklauf aus. In der U-Bahn erhält die Rolle des „Ich“ von einem Obdachlosen eine Lehrstunde über die Wirklichkeit.

Tanz auf dem Vulkan

Am Ende der Inszenierung wäre man nicht verwundert, würde Birk neben seinem Job auch noch seinen Verstand verlieren – spielt doch die Inszenierung mit den Theatermitteln und dem wiederkehrenden Zur-Schau-Stellen der Theatersituation, die einzig von Birk nicht als Theater, sondern als seine Wirklichkeit verstanden wird. Während die anderen mit ihren Rollen spielen und wie selbstverständlich auf den Weltuntergang warten, hebeln sie Birks Realität aus den Angeln.

Mit The Power wird eine Parabel inszeniert, die sich nicht nur auf die südkoreanische Gesellschaft anwenden lässt, sondern auf alle Gesellschaften, in denen sich der Mensch selbst bereits so dekonstruiert hat, dass er sich nur noch über Hyperrealitäten definieren kann, die er selbst konstruiert hat. Somit ist er nicht mehr Zuarbeiter und Opfer eines „Systems“, sondern auf dem Vulkan tanzender Handlanger und Schöpfer.

Auch wenn während der ersten Aufführungen einige Sitze im Theater aufgrund der Warnungen vor Mers leer blieben, schien das Publikum dem Weltuntergang begeistert beizuwohnen: Es klatschte zur Musik, summte zusammen mit der Figur des Autors das Urbrummen und applaudierte ihm bei der abschließenden Weltuntergangs-Dankesrede. „Denken Sie daran: Niemand von uns muss sich schlecht fühlen. Wir haben hier ziemlich viel erreicht. Danke.“

Und dann kommt, was im Text steht: Während ein Chor die Musik zum Weltuntergang liefert, ergießen sich auf der Bühne Konfettiregen und Theaterfeuerwerk. Nur die im Text angekündigte Explosion bleibt aus. Aber aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben. Es ist immer noch 5 vor 12.