„Writers in Exile“ Eine Obhut für Autoren

In der Bibliothek des Goethe-Instituts: Autorin Adouani freut sich über ihre erste Veröffentlichung in deutscher Sprache
In der Bibliothek des Goethe-Instituts: Autorin Adouani freut sich über ihre erste Veröffentlichung in deutscher Sprache | Foto: David Weyand

Schreiben kann gefährlich sein. Mitunter lebensgefährlich. In vielen Ländern müssen regimekritische Autoren mit Repressionen rechnen – und am Ende fliehen. Der PEN und das Goethe-Institut unterstützen Schriftsteller wie die Tunesierin Najet Adouani im deutschen Exil. Von David Weyand

Blumen wachsen und welken in den Gedichten der tunesischen Schriftstellerin Najet Adouani. Jasmin symbolisiert das Mediterrane, steht für Schönheit und Frieden. „Die Rosen sind meine Tränen und das Blut der Menschen, die für ihre Rechte kämpfen“, sagt sie. Und Blumenduft erinnert sie an den Garten der Mutter. Doch statt deren Blütenpracht riechen zu können, schlendert die Autorin im Frühsommer unter grauen Wolken durch eine Oase in Berlin – Prinzessinnengarten heißt das Fleckchen Erde zwischen Kreisverkehr und Mietshäusern.

Eine junge Frau mit Pfauenfeder im Hut führt die Gruppe des Goethe-Instituts durch den Nachbarschaftsgarten. Vor einem Bienenstock bleiben sie stehen. Adouani – dunkel gekleidet, schwarzer Zopf, Sonnenbrille im Haar – fragt in stockendem Deutsch: „Was essen die in der Stadt?“ Ein paar Meter weiter zeigt sie auf weiße, mit Erde gefüllte Säcke. „Und warum pflanzt ihr die Setzlinge da rein?“, fragt sie mit leiser Stimme. „Ich interessiere mich für Details, die sind wichtig für meine Texte“, erklärt die Dichterin. Adouani wurde 1956 geboren, eigentlich sollte sie gar nicht zur Schule gehen, weil sie ein Mädchen ist. Aber dann gewann sie schon als Jugendliche Literaturpreise, später studierte sie Journalismus und arbeitete für Zeitungen und das Radio.

Ihr ganzes Leben ist von Sprache geprägt, doch jetzt steht sie wieder am Anfang: Sie lernt am Goethe-Institut Deutsch. Zum Ende ihres Kurses besucht sie mit ihrer Lehrerin und 15 Sprachschülern aus Chile, England, den USA, Taiwan und der Türkei den Berliner Stadtteil Kreuzberg. Najet Adouani ist nicht nur älter als die meisten, sie ist auch aus einem besonderen Grund hier. Während andere in Deutschland studieren oder arbeiten wollen, musste sie vor drei Jahren aus Tunesien fliehen. Schon wieder. Bereits zwischen 1982 und 1997 lebte sie in Bagdad, Beirut, dem Jemen, Prag und auf Zypern im Exil.

Adouanis Worte für Frauenrechte, Freiheit und Frieden erzürnten nach der tunesischen Revolution auch die neuen Herrscher. „Der Kaffee ist schwarz, auch der Rosenstock trägt Trauer. Der Frühling hat versäumt, an meinen Balkon zu kommen, zerstoben ist er im Sturm des Arabischen Frühlings, so blieben Zweige und Äste kahl“, schrieb sie im Sommer 2012. Ausgewählte Prosa, entstanden zwischen 1982 und 2012, ist kürzlich unter dem Titel Meerwüste im Verlag Lotus Werkstatt erschienen – ihr erstes ins Deutsche übersetzte Buch.

Wie, wann und wo sie ihr drohten oder was sie befürchtete, darüber schweigt die Autorin aus Sorge um ihre drei erwachsenen Söhne, die geblieben sind. Sie selbst floh im Oktober 2012 zunächst nach Weimar, wo sie das Friedl-Dicker-Stipendium erhielt. So dankbar sie für die Zeit in Weimar ist, so war sie doch froh, als sie im April 2013 ins Writers-in-Exile-Programm des PEN-Zentrums Deutschland aufgenommen wurde und umziehen konnte. „In Berlin fühle ich mich wohler, ich mag die Programmkinos, bekomme nordafrikanisches Essen, und die Graffitis erinnern mich an die Wandmalereien während der Arabischen Revolution.“

„Sprache ist der Schlüssel zur Integration“

Vom Gemeinschaftsgarten gehen die Deutschschüler weiter zum nahegelegenen Oranienplatz. „Flüchtlinge protestierten hier im vergangenen Jahr für ihre Rechte“, erklärt die Lehrerin. Eine Passantin blökt sie an: „Ihr habt ja keine Ahnung, alles Lüge!“ Verdutzte Gesichter bei den Schülern, ein Lächeln auf dem Gesicht der Lehrerin: „Das nennt man Berliner Schnauze, darüber haben wir bereits gesprochen.“ Für Najet Adouani ist es der dritte Sprachkurs, ihre Lieblingswörter: Freiheit, Demokratie, Gesundheit.

Bernd Zabel, Referent im Fachbereich Literatur und Übersetzung des Goethe-Instituts und Mitglied im Präsidium des PEN-Zentrums Deutschland, hat vor zwei Jahren dafür gesorgt, dass die Exil-Autoren kostenfreie Deutschkurse belegen können. Bislang haben sechs Autoren das freiwillige Angebot angenommen. „Sprache ist der Schlüssel zur Integration“, sagt Zabel. Insgesamt gibt es das PEN-Programm schon seit 1999, finanziert wird es mit jährlich 370.000 Euro vom Kulturstaatsministerium. Akut gefährdete Autoren aus Ländern wie Aserbaidschan, China, Iran, Kolumbien, Syrien, Togo oder Vietnam können damit bis zu drei Jahre sicher in Deutschland leben und arbeiten. Zurzeit sind es acht Stipendiaten.

Autor Liu: „Ich kann schreiben, was ich will“ Autor Liu: „Ich kann schreiben, was ich will“ | Foto: privat Einer von ihnen ist Liu Dejun. Der 39-jährige Menschenrechtsaktivist und Blogger aus China wurde mehrmals verschleppt, misshandelt und inhaftiert. Sein Freund, der Dissident Ai Weiwei, hat seine Geschichte verfilmt. Nach einem Auslandsaufenthalt kehrte Liu nicht in seine Heimat zurück, seit November 2013 ist er Gast des PEN-Zentrums. Die beste Erfahrung: „Ich kann in sozialen Medien und meinem Blog schreiben, was ich will.“ Seine chinesische Website wurde zensiert, jetzt schreibt er auf www.freeinchina.org aus Nürnberg über Menschenrechte in China. Manche Artikel verfasst er sogar auf Deutsch, das hat er am Goethe-Institut in Schwäbisch-Hall gelernt. Jetzt will er noch Jura studieren, „um zukünftig besser für Menschenrechte in China eintreten zu können“. Gerne würde Liu heimkehren, er vermisst seine kranken Eltern. Doch er stehe auf einer Schwarzen Liste und es wäre sehr gefährlich, sagt er.

Angst und Traumata bleiben

Mansoureh Shojaee ist in fast derselben Situation. Die iranische Feministin und Journalistin reiste 2010 nach ihrer dritten Haftstrafe im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran zu ihrer Schwester nach Deutschland. Sie wollte sich von den Strapazen erholen, Kontakte zu Frauenrechtlerinnen knüpfen und dann wieder in den Iran zurück. Dann inhaftierte das Regime ihre Anwältin. Shojaee protestierte und gab Interviews, damit wurde auch gegen sie wieder Anklage erhoben. Sie entschied sich zu bleiben. Von 2011 bis Ende 2013 war sie ebenfalls Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm. „Eine wundervolle Zeit, in einer warmherzigen, sicheren und freundlichen Atmosphäre“, erinnert sie sich.

Feministin Shojaee: Seit fünf Jahren im Exil Feministin Shojaee: Seit fünf Jahren im Exil | Foto: privat Einen Deutschkurs hat sie allerdings nicht besucht. „Ich hätte die Chance gerne genutzt, um die Sprache von Goethe und Grass zu verstehen“, sagt sie. „Aber ich war in dieser unklaren Situation gefangen: Ich wollte in mein Land zurück und habe meinen Sohn, politische Freunde und Aktivitäten vermisst.“ Bernd Zabel versteht das gut: „Wir müssen sehr sensibel mit den Teilnehmern umgehen, Angst um Familie und Freunde, aber auch Erinnerungen und Traumata belasten sie.“ Neben Sicherheit, einer Unterkunft und den Sprachkursen vermittelt das Writers-in-Exile-Programm den Autoren auch Kenntnisse über Land und Leute sowie soziale und berufliche Kontakte. Auf Lesungen und Autorentagen in Augsburg, Hamburg oder Leipzig traf auch Najet Adouani deutsche Kollegen und konnte erstmals wieder ihre Texte vor Publikum lesen. „Das sind tolle Erlebnisse, manchmal fühle ich mich wie ein Popstar“, sagt sie.

Auf der Berlintour steht die letzte Station an – die Spree. Sie erfahren, wo die Berliner Mauer verlief und dass DDR-Bürger oft erschossen wurden, wenn Grenzer sie beim Fluchtversuch erwischten. Najet Adouani schaut aufs andere Ufer, ihre Herzohrringe schwingen beim Schütteln des Kopfes. Sie seufzt: „Das ist furchtbar, wieso machen Menschen so etwas mit anderen Menschen?“