Bosnien-Herzegowina „Die Menschen lassen zu viel mit sich machen“

Sarajewo von oben: „Es geht hier fast nur um die Vergangenheit“
Sarajewo von oben: „Es geht hier fast nur um die Vergangenheit“ | Foto: Ulrich Ladurner

Auf der einen Seite inspirierende Geschichten und Menschen, auf der anderen Seite ein immer noch zerrissenes Land. Das fand Zeit-Reporter Ulrich Ladurner vor, als er auf Einladung des Goethe-Instituts nach Bosnien-Herzegowina fuhr. „Es ist Zeit, einen Weg aus dem Leid zu finden“, ist Ladurner überzeugt.

Mit welchem Bild von Bosnien-Herzegowina sind Sie in das Land gereist?

Ich war bereits 1993 und 1995 als Journalist in Sarajewo. Deshalb hatte ich noch das Bild vom Krieg vor Augen: wie sehr die Menschen am Leben hingen, ohne Wasser, ohne Strom und einer Stadt, die belagert und bombardiert wurde. Und trotzdem hat diese Stadt überlebt. Aber auch das Leid hat überlebt. Den Menschen erscheint die Zukunft wie eine Fata Morgana. Ich reise zurück mit dem Bild eines Landes, das blockiert ist, aber auch viele inspirierende Geschichten und Menschen hat. Wie den Bürgermeister von Tuzla, der gezeigt hat, was man unter schwierigsten Bedingungen schaffen kann.

Woran fehlt es in Bosnien-Herzegowina am meisten?

An Geld und Arbeit. Viele Menschen leben von den Zuwendungen ihrer Familien im Ausland. Die jungen Bosnier, die meisten gebildet, verlassen deshalb das Land – allein im letzten Jahr sollen es 60.000 gewesen sein.

Gerade jährt sich das Massaker von Srebrenica zum zwanzigsten Mal. Wo zeigen sich heute noch die Folgen des Bürgerkriegs?

Es geht hier fast nur um die Vergangenheit, um die Geschichte, dabei ist es an der Zeit, einen Weg aus dem Leid zu finden. Außerdem ist das Land noch zerrissen zwischen Serben, Kroaten und Bosniaken, das macht politische Entscheidungen kompliziert. Die Menschen lassen vieles mit sich machen, weil sie Angst vor neuen Konflikten haben. Zum Beispiel akzeptieren sie Korruption und Misswirtschaft. Es kann nicht vorangehen, solange die Menschen Angst haben müssen. Mehrmals ist es mir passiert, dass die Leute nicht wollten, dass ich in Artikeln ihre Namen nenne oder Fakten beschreibe, damit sie ihren Job nicht verlieren.

„Im Warteraum Europas“ haben Sie einen Ihrer Berichte genannt. Bosnien-Herzegowina strebt ja eine EU-Mitgliedschaft an. Wie weit ist das Land hiervon noch entfernt?

Ich denke, das dauert mindestens noch 20 bis 30 Jahre. Es braucht eine Zeit, in der das Land sich beweisen muss. Bosnien-Herzegowina hat noch nicht die Reformen durchgeführt, die für eine Annäherung wichtig wären. So ist zum Beispiel Milch eines der wichtigsten Exportgüter Bosniens, allein an Kroatien gingen bis zum Eintritt des Landes in die EU im Juli 2013 jährlich 80 Millionen Liter. Seitdem muss die Milch EU-Standards entsprechen. Die bosnischen Behörden aber hatten es versäumt, die neuen Regeln durchzusetzen. Inzwischen ist das möglich gemacht worden, aber es kam mit großer Verspätung.

Welcher Moment, welches Bild hat Sie während Ihres Aufenthaltes am meisten bewegt?

Das Gesicht von Emir Kusturica, dem Regisseur, der im Westen für große Kunst und Kultur steht und der sich in Bosnien mit düsteren serbischen Politikern umgibt, die für ethnische Säuberung stehen. Das Bild hat sich eingeprägt und spüren lassen: Der Nationalismus ist nur eingeschlafen, er ist immer noch da.

Sie haben das Land als Gast des Goethe-Instituts bereist, das ja auch Künstlerresidenzen anbietet. Halten Sie Residenzprogramme für sinnvoll?

Die Bedingungen sind ideal. Man hat Zeit zu recherchieren, sich ein genaues Bild zu machen. Im Gegensatz zu einem Künstler oder Literaten ist der Journalist viel schneller in der Öffentlichkeit. Die Resonanz kommt unmittelbar, zum Beispiel über die Kommentare auf meinem Blog.

Welche Möglichkeiten ergeben sich innerhalb einer Residenz, die Ihr Alltag nicht bietet?

Zeit. Und die Ruhe, den Dingen nachzugehen. Sonst hat man ja immer Termindruck, ohne lässt es sich aber freier arbeiten. Auch thematisch. Hätte ich im normalen Alltag der Redaktion die Geschichte mit dem Bürgermeister von Tuzla vorgeschlagen, hätte ich zu hören bekommen: „Ulli, die hatten Bürgerkrieg, lass uns mit dem Bürgermeister in Ruhe.“

Wie sah Ihr Arbeitsalltag in Bosnien-Herzegowina aus, was haben Sie dort erlebt?

Ich war eine Woche in Sarajewo und bin dann mit dem Auto quer durch das Land gefahren. Ich habe mich auch schon in Deutschland etwas vorbereitet und im Vorfeld Termine ausgemacht. Ich wusste zum Beispiel, dass es in Sarajewo viele arabische Touristen und Investoren und in Banja Luka eine deutsche Schule gibt. Ich bin hingefahren und habe die Menschen angesprochen und mir angehört, was sie zu sagen haben. Dabei hat mir geholfen, dass ich auch ein kleines bisschen Bosnisch verstehe.

Lohnt sich eine Reise nach Bosnien-Herzegowina auch privat?

Absolut. Alles was unter „Outdoor“ fällt, kann man hier gut machen. Zum Beispiel fischen, wandern, Mountainbike fahren oder in Flüssen schwimmen. Aber auch Städte wie Sarajewo mit ihrer einmaligen Kombination aus christlichen und muslimischen Lebenswelten sind interessant. Ich bleibe deshalb auch noch etwas länger.

Das Interview führte Jessica Guaia
 

Der Journalist und Buchautor Ulrich Ladurner arbeitet seit 1999 als Auslandsredakteur für die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Viele Jahre war er Korrespondent für Italien und Südosteuropa. Über seine Reisen, auch die durch Bosnien-Herzegowina, schreibt er unter anderem in seinem Blog Post von unterwegs.