MOOC für Kulturmanager „Das Lernformat des 21. Jahrhunderts“

Letzte Vorbereitungen für eine Vernissage am Bangkok Art and Culture Centre, eine der Video-Fallstudien, für die die Teilnehmer Strategien entwickelten
Letzte Vorbereitungen für eine Vernissage am Bangkok Art and Culture Centre, eine der Video-Fallstudien, für die die Teilnehmer Strategien entwickelten | Foto: Bilderfest GmbH

17.000 Teilnehmer aus mehr als 170 Ländern: Keine schlechte Bilanz für einen Weiterbildungskurs im Kulturmanagement. Und das ganz ohne überfüllte Hörsäle. Drei der Studenten haben uns von ihren Erfahrungen mit dem Format MOOC berichtet – im Chat.

Die Skype-Häkchen sind grün. Sally, Ayşe und José sind online. Es ist Freitag, 9 Uhr, in Plettenberg Bay, Südafrika. 10 Uhr in Istanbul. Und 1 Uhr nachts in San José, Costa Rica. Die drei sind Teilnehmer des Mentored Open Online Course, kurz: MOOC. Der Online-Kurs des Goethe-Instituts und der Leuphana Universität Lüneburg richtete sich im Frühjahr an alle, die sich im Kulturbereich beruflich weiterbilden wollten. Im Gespräch mit Nishant Shah, dem akademischen Leiter des MOOC Managing the Arts: Marketing for Cultural Organizations, ziehen die drei Teilnehmer Bilanz. Ein Chat-Protokoll.

Nishant Shah: Danke an alle … Wir vernetzen uns hier gerade in verschiedenen Zeitzonen, um darüber zu sprechen, wie ihr den MOOC erlebt habt. Aber bevor es losgeht: Wollen wir eine Vorstellungsrunde machen?

José Manuel Sibaja: Ich lebe in San José und bin als Berater hauptsächlich im Bereich Internationale Beziehungen tätig. Darin habe ich auch meinen Abschluss gemacht. Im Moment arbeite ich bei einer Stiftung für Kulturerbe. Am Montag bin ich 32 geworden.

Nishant: Nachträgliche Geburtstagswünsche, José! Wir sollten einen Kuchen für dich anschneiden.

Ayşe Taşpınar: Ich bin 27, arbeite in Istanbul in einer zivilgesellschaftlichen Organisation und bin spezialisiert auf Kommunikation. Nach meinem Bachelor in Politik und Internationalen Beziehungen habe ich einen Master in Konfliktanalyse und -lösung gemacht. Außerdem bin ich im Ausschuss des Cultural Innovators Network, einer Non-Profit-Organisation für junge Aktivisten im Kulturbereich.

Sally Arnold: Ich komme aus Südafrika, bin 61 und habe Kunstgeschichte an der Universität in Frankfurt studiert. Jetzt arbeite ich als bildende Künstlerin in Südafrika.

Nishant Shah, Lüneburg: „Je mehr Wissen wir teilen, desto mehr lernen wir“ Nishant Shah, Lüneburg: „Je mehr Wissen wir teilen, desto mehr lernen wir“ | Foto: Gopal Patel Nishant: Die Gruppe ist so bunt zusammengewürfelt wie der MOOC. Die Teilnehmer kommen aus vielen Disziplinen, Herkunftsländern und Altersgruppen. Vor allem seid ihr mit eurer Berufserfahrung keine klassischen Studenten. Was hat euch motiviert mitzumachen? Was habt ihr erwartet?

Sally: 1993 habe ich für Südafrika auf der Biennale in Venedig Kulturprojekte organisiert. Jetzt, 20 Jahre danach, wollte ich wissen, was in der Kunstszene gerade passiert. Über das Alumniportal Deutschland habe ich vom MOOC erfahren. Für mich ist der MOOC das Lernformat des 21. Jahrhunderts – integrativ und mit einer riesigen Reichweite.

José: Ich habe schon an mehreren MOOCs teilgenommen, aber an diesem hat mich die Struktur gereizt. Weil es nicht nur darum ging, Videos zu schauen, etwas zu lesen und in einem Forum zu posten. Es ist ein interaktiver Kurs, in dem man zusammenarbeitet und laufend Feedback bekommt. Der MOOC passte perfekt zu meiner Arbeit bei der Stiftung. Von San José aus Einblicke in Kultureinrichtungen der ganzen Welt zu bekommen, war großartig.

Ayşe: Für mich bot der MOOC eine Plattform, von Menschen aus vielen Bereichen und Ländern zu lernen. Ich denke, es ging vor allem darum, zu verstehen, was Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen kommen, über ein Thema denken, wie sie reagieren und miteinander interagieren.

Nishant: Ayşe, ich glaube, du hast es auf den Punkt gebracht. Interaktion auf so vielen Wegen wie möglich. @José und @Sally – Das Goethe-Institut war da ein Pionier. Bei unseren Recherchen haben wir keinen anderen MOOC gefunden, der sich mit Kulturmanagement beschäftigt. Wir hoffen, das Feld wächst weiter.

Nishant gibt gerade eine Nachricht ein … In der Zwischenzeit zur Info: Das Besondere am Konzept des MOOC war die intensive Betreuung. Akademisches Lehrpersonal unterstützte die Lerngruppen und gab Feedback zu ihren Arbeitsergebnissen.

Nishant: Die Wege, auf denen ihr zum MOOC gekommen seid, könnten nicht unterschiedlicher sein. Würdet ihr euch alle als Kulturmanager bezeichnen?

Ayşe Taşpınar, Istanbul: „Es ist die Gruppenarbeit, die den MOOC ausmacht“ Ayşe Taşpınar, Istanbul: „Es ist die Gruppenarbeit, die den MOOC ausmacht“ | Foto: privat Ayşe: Noch nicht, vielleicht am Ende des Kurses. Ich bin aber viel optimistischer geworden, was den Kultur- und Kunstsektor, meine Arbeit und mein Netzwerk angeht.

Sally: Dass ich selbst Künstlerin bin, hilft mir, besser zu verstehen, wie wichtig es ist, dass Kunst sorgfältig und rücksichtsvoll gemanagt wird.

José: Obwohl ich schon Kulturprojekte geplant habe, hatte ich das Gefühl, dass mir ein fundiertes Wissen fehlt. Es gibt hier in San José zwar fast jeden Tag Kulturveranstaltungen, aber keine speziellen Ausbildungen für Kulturberufe.

Nishant: So wie José von seinen Erfahrungen in San José spricht, frage ich mich, welche Herausforderungen und Probleme ihr in eurem Umfeld für das Kulturmanagement seht.

Ayşe und Sally geben gerade eine Nachricht ein … In der Zwischenzeit zur Info: Besonders in Ländern des Globalen Südens haben Kultureinrichtungen einen rasant wachsenden Bedarf an qualifiziertem Personal. Da Ausbildungsgänge für Kulturmanagement diese Nachfrage oft nicht decken können, bietet das Goethe-Institut seit sieben Jahren in verschiedenen Weltregionen Weiterbildungen in dem Bereich an. Dieses Präsenzangebot ergänzt der 14-wöchige MOOC.

Ayşe: In der Türkei ist es leider so, dass Kultur und Kunst immer hinter der politischen und sozialen Agenda zurückstehen. Wir haben viele Künstler und Menschen, die sich dafür interessieren. Aber der Kunstbereich ist nur einer kleinen Elite zugänglich und es gibt keine Bemühungen von der Politik, ihn für ein größeres Publikum zu öffnen.

José Manuel Sibaja, San José: „Kultur zu managen, ist eine Kunst für sich“ José Manuel Sibaja, San José: „Kultur zu managen, ist eine Kunst für sich“ | Foto: privat Nishant: Was uns beeindruckte, war, wie viele Menschen sich im Forum darüber unterhielten, wie sich Kultur auf sozialen und politischen Wandel auswirkt. Und wie sehr wir Kunst und Kultur brauchen, um unsere Gesellschaft zu ändern.

Sally: Ich bin davon überzeugt, dass Kunst und Kultur für eine funktionierende Gesellschaft essenziell sind und professionell organisiert werden müssen.

Nishant: Mich würde sehr interessieren, welche Erfahrungen ihr in dem MOOC gemacht habt ... Wie hat die Organisation in Teams funktioniert, habt ihr eine gemeinsame Basis gefunden, um Ideen zu entwickeln?

Ayşe gibt gerade eine Nachricht ein … In der Zwischenzeit zur Info: Die Teilnehmer konnten auf der Online-Lernplattform die theoretischen Grundlagen von Kulturmanagement lernen. Im Fokus stand auch der Praxisbezug: In fünfköpfigen virtuellen Kleingruppen arbeiteten die Teilnehmer zu Fallstudien aus vier Kultureinrichtungen in Bangkok, Berlin, Budapest und Lagos.

Ayşe: Es ist die Gruppenarbeit, die den MOOC ausmacht. Alle zwei Wochen haben wir eine neue Aufgabe bekommen. Weil wir so unterschiedliche berufliche Hintergründe, Interessen und Stärken haben, hat jeder einen anderen Zugang gefunden. So hat sich intuitiv eine Struktur in unserem Team ergeben. Molemo, eine Kollegin aus Südafrika, hat sich zum Beispiel darum gekümmert, eine Umfeldanalyse zu unserer Kultureinrichtung zu erstellen. Ich habe zum Programm von Trafó recherchiert. Und am Ende hat José unsere Ergebnisse zusammengeschrieben. Während der ganzen Zeit haben wir uns über die Plattform und über WhatsApp ausgetauscht und uns Feedback gegeben. Dadurch hat jeder dazugelernt. Und ich habe Freunde in Costa Rica und Südafrika gefunden!

Sally Arnold, Plettenberg Bay: „Der MOOC ist integrativ und hat eine riesige Reichweite“ Sally Arnold, Plettenberg Bay: „Der MOOC ist integrativ und hat eine riesige Reichweite“ | Foto: John Brock Sally: Zu unseren unterschiedlichen Berufen und Interessen kam, dass wir alle aus verschiedenen Kulturen kommen. Im Team lernten wir die Perspektiven anderer Kulturen kennen.

Nishant: Dafür haben wir den MOOC entworfen. Er sollte für eine neue Form des Lernens eine Plattform schaffen, die das Wissen für Kulturmanager der Zukunft zusammenträgt. Die Teilnehmer des MOOC haben neue Formate gefunden, miteinander zu lernen. Wir denken nicht mehr aus der Sicht eines einzelnen Lerners, sondern aus der einer Lerngemeinschaft. Je mehr Wissen wir teilen, desto mehr lernen wir.

José: Eigentlich haben wir, vielleicht sogar ohne es zu merken, schon bei der Organisation unserer Arbeit in den Teams die Rolle von Kulturmanagern übernommen. Weil wir immer wieder neu aushandeln mussten, wie wir uns aufteilen, wie wir uns austauschen und in verschiedenen Kulturen und Zeitzonen zueinander finden.

Nishant: Was war das Wichtigste, das ihr gelernt habt?

Sally: Ein Gefühl dafür zu entwickeln, ob ein Kulturprojekt das Potenzial in sich trägt, auf lange Zeit künstlerisch und sozial zu wirken und ökonomisch tragfähig ist.

Ayşe: Ich habe durch die Fallstudien sehr viel gelernt. Entscheidend war nicht, ob Projekte erfolgreich werden, sondern ob sich aus ihnen Fragen entwickeln, für die wir gemeinsam nach Antworten suchen müssen. Ich wünsche mir, in Zukunft in Teams und Organisationen arbeiten zu können, die davon überzeugt sind, dass der Zugang zu Kultur und Kunst ein Menschenrecht ist.

José: Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass es egal ist, wie viel Erfahrung man als Projektmanager schon hat. Kultur zu managen ist eine Kunst für sich. Man braucht dafür nicht nur Wissen, wie man etwas organisiert, sondern auch den Spürsinn für die Kulturen, in denen man arbeitet.

Nishant: Das war ein schönes Fazit, José. Vielen Dank an alle. Wenn ihr irgendwann in Deutschland seid, kommt vorbei. Guten Tag und gute Nacht.

Protokoll: Franziska Bauer