Hilmar Hoffmann zum Neunzigsten „Ich gehe zum Kanzler“

Ein Mann mit Kontakten und Visionen: Hilmar Hoffmann 2009 in seinem Haus in Frankfurt am Main
Ein Mann mit Kontakten und Visionen: Hilmar Hoffmann 2009 in seinem Haus in Frankfurt am Main | Foto: (c) dpa – Report / Frank Rumpenhorst

Er war einer der prägendsten Präsidenten, die das Goethe-Institut hatte. Mit ihm an seiner Spitze trotzte es in schwierigen Zeiten so mancher Bedrohung. Jetzt wird Hilmar Hoffmann 90 Jahre alt. Ein Rückblick auf eine turbulente Amtszeit. Von Christoph Mücher

War Hilmar Hoffmann ein großer Präsident? Eine bejahende Antwort drängt sich insofern auf, als Hilmar Hoffmann mit seinen 1,93 Metern Körpergröße, dem silbergrauen Haar und den stets wachen Adleraugen eine Erscheinung war, die sofort auffiel. Dabei ist das Präsidentenamt im Goethe-Institut eigentlich „nur“ ein Ehrenamt. Statt großzügiger Entlohnung gibt es eine Aufwandsentschädigung und jede Menge Arbeit. Zumindest wenn man will.

Und Hilmar Hoffmann wollte. Schon als Hoffmann das Amt im Jahr 1993 übernahm, war klar, dass hier ein hochaktiver Präsident ins Amt gekommen war, der seine jahrzehntelange Erfahrung in der kommunalen Kulturpolitik nun in das weltumspannende Geschäft des deutschen Kulturinstituts einbringen wollte. Als Gründer der Oberhausener Kurzfilmtage und des Frankfurter Museeumsufers, um nur zwei wesentliche Errungenschaften einer langen Karriere zu nennen, war der Autor von Kultur für alle in Deutschland und der Welt bestens vernetzt und hungrig, seine Kenntnisse, Kontakte und Visionen für das Netzwerk der Goethe-Institute rund um den Globus einzusetzen.

Lohn und Ansporn war ihm dabei das Gefühl, hier über ein „Reich zu regieren“, in dem die Sonne nicht untergeht, wie er gerne betonte. Entsprechend war es ihm ein Gräuel, wenn einzelne Standorte aus dem in jahrzehntelanger Arbeit fein gesponnenen Netzwerk bedroht waren und immer wieder setzte er sich in den Flieger, um Institute wie Genua oder Toulouse durch Verhandlungen vor Ort vor der Schließung zu retten. Unvergessen die Sitzung des höchsten Goethe-Gremiums, als die Nachricht vom „Eichel-Plan“ hereinplatzte: eine Kürzung des Etats um elf Prozent – das hätte die Schließung von mindestens 20 Goethe-Instituten zur Folge gehabt.

Genialer Netzwerker

Während sich allgemeine Depression und Schweigen im Raum breit machte, ging ein Blitz durch den Präsidenten, der seinem Namen Hilmar („der im Kampf Bewährte“) einmal mehr alle Ehre machte: „Ich gehe zum Kanzler.“ Tatsächlich hat er es geschafft, in einem persönlichen Gespräch Gerhard Schröder klarzumachen, dass eine Schließung der deutschen Kulturinstitute etwa in Bordeaux, Thessaloniki, Oslo oder Glasgow wenig zu Deutschlands und des Kanzlers Ruhm beitragen würde. Der Kanzler korrigierte die Entscheidung und halbierte die Kürzung.

Verständnis für die Schnittmenge zwischen Kultur und Wirtschaft: Goethe-Präsident Hoffmann Verständnis für die Schnittmenge zwischen Kultur und Wirtschaft: Goethe-Präsident Hoffmann | Foto: Antje Meinen Dass Kanzler und Präsident derselben Partei angehörten, dürfte dabei nicht den Ausschlag gegeben haben. Hoffmann hatte über alle Parteigrenzen hinweg bemerkenswert gute Kontakte zu Gleichgesinnten. Das galt besonders auch für eine „Spezies“, mit der die deutschen Kulturdiplomaten des Goethe-Instituts vor der Ära Hoffmann den Kontakt eher gemieden hatten: die Vertreter der deutschen Wirtschaft. Als Instinktpolitiker begriff Hilmar Hoffmann sehr früh die Schnittmenge zwischen den Interessen der sich nach 1945 wieder neu in der Welt einordnenden Kulturrepublik und der exportorientierten deutschen Wirtschaft. Er verstand deren Anliegen und Denken, und eine seiner wohl größten Leistungen war es, in den acht Jahren seiner Präsidentschaft die gesamte Institution dabei „mitzunehmen“. Und dabei auch gleich zweistellige Millionensummen für Großprojekte: vom fein ausgestatteten Veranstaltungssaal in der amerikanischen Hauptstadt, zu dem er Berthold Beitz überredete, über ein internationales kulturelles Rahmenprogramm zur Expo 2000 in Hannover (finanziert durch den Energieversorger PreussenElektra) bis hin zum ersten multimedialen Deutschkurs, für den er Porsches mächtigen Vorstand Wendelin Wiedeking gewann.

Unter Hoffmann lernte das Goethe-Institut in Großprojekten zu denken. Oft waren es Männerkontakte, die der wort- und erfahrungsmächtige Hilmar Hoffmann geschickt einsetzte – ein schweres Erbe für die feinsinnige und überparteiliche ehemalige höchste Richterin Jutta Limbach, die 2002 Hilmar Hoffmanns Nachfolge antrat (sehr erfolgreich übrigens, aber das sei hier nur am Rande erwähnt). „Wieviel brauchen wir?“ lautete die berühmte Frage an den Sponsoring-Referenten, wenn das Goethe-Gespann am Firmensitz eines deutschen Konzerns angekommen war, und der agile Präsident sich mit einem letzten Zug des Kammes durchs silbergraue Haar auf den Einsatz vorbereitete. Und oft genug war bei Verlassen des Gebäudes eine Stunde später die genannte Summe „eingefahren“.

War Hilmar Hoffmann also ein großer Präsident? Zweifelsohne. Er war – und ist es bis heute – ein unerschrockener Kämpfer, der sich (und die Seinen) nie schonte, wenig auf den eigenen Vorteil schaute, stets ein Ohr für die Sorgen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte und einer der großartigsten und zugleich rätselhaftesten Institutionen Nachkriegsdeutschlands zu neuer Professionalität und Vernetzung verhalf. Wenn heute hochkarätige Vorstände deutscher Dax-Riesen im Wirtschaftsbeirat das deutsche Kulturinstitut strategisch beraten, ein eigener Unterausschuss des Deutschen Bundestags die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik sachkundig und engagiert begleitet und der „Souverän“ in Form des Deutschen Steuerzahlers gut über die Arbeit „seines“ Goethe-Instituts informiert ist, dann ist das auch ein Verdienst eines großen Präsidenten.