Gamescom 2015 Weibliche Nerds aus Südafrika

Das Leben ist ein Spiel: Besucher auf der Gamescom
Das Leben ist ein Spiel: Besucher auf der Gamescom | Foto: Christoph Deeg

Das Wort „Nerd“ steht seit 2004 im Duden. Es bezeichnet einen „sehr intelligenten, aber sozial isoliert lebenden Computerfan“. Verwendung: umgangssprachlich „abwertend“. Wer mit dieser Definition im Kopf zur Gamescom in Köln kam, wurde eines Besseren belehrt. Von Sonja von Struve

Nerd = Substantiv maskulin?

Hanli Geyser, Dozentin für Game Design Hanli Geyser, Dozentin für Game Design | Foto: privat Offenbar sind weibliche Nerds nicht vorgesehen. Ganze Foren zerbrechen sich den Kopf und verwerfen in regelmäßigen Abständen Vorschläge wie „Nerdine“ oder „Nerd-Mädchen“. Es gibt also noch keine Bezeichnung. Aber es gibt Hanli Geyser. Roter Bob, blaue Augen, trockener Humor und herzliches Lachen. Die Südafrikanerin unterrichtet Game Design an der University of Witwatersrand in Johannesburg und ist selbst leidenschaftliche Zockerin. „Ein Literaturprofessor muss Bücher lesen. Ich probiere Spiele durch: Strategiespiele, Brettspiele, Egoshooter“, sagt sie, grinst und nimmt einen Schluck Cola.

Die Sonne knallt auf den erstaunlicherweise völlig computerlosen Außenbereich der Gamescom. „Die Typen, die Ego-Shooter spielen und dann am lautesten im Internet rumkrakeelen, das sind auch die, die ein Problem mit Frauen in der Szene haben“, sagt Geyser, „unter Entwicklern gibt es eigentlich ausnahmslos Unterstützung. Schließlich brauchen wir Diversität. Und damit meine ich nicht nur ein paar weibliche Hauptcharaktere in Spielen.“

Als Dozentin für Game Design hat Hanli Geyser ihren kunstgeschichtlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft für Spiele verbunden. Auf der Gamescom ist sie zum ersten Mal und erstaunt, „dass viele hier unsere Spiele kennen, aber nicht mitbekommen haben, dass sie aus Afrika kommen“. Laut Geyser liegt das daran, dass solche Spiele inzwischen fast überall hergestellt werden können, sie haben keinen Bezug zum Herstellungsort. „Wir müssen unsere kulturelle, sprachliche, gesellschaftliche Bandbreite einbeziehen“, findet sie. „Wir haben elf offizielle Sprachen in Südafrika. Wir haben eine lange Brettspieltradition. Wir haben eigene Geschichten. Wenn unsere Entwicklungen international gespielt werden, geben sie uns eine Stimme für die weltweite Rezeption unserer Kultur.“

Um neue Spiele zu testen, muss man teilweise eine Stunde anstehen Um neue Spiele zu testen, muss man teilweise eine Stunde anstehen | Foto: Sascha von Struve

Nerd = sozial isoliert?

„Menschen spielen Spiele. Vom Spielplatz im Kindergarten bis hin zum Eintauchen in komplexe digitale Welten als Erwachsene.“ sagt Hanli Geyser. Wenn man sich auf der Gamescom umschaut, hat sie recht. Eltern mit Kindern, Paare, ganze Reisegruppen aus England oder den Niederlanden. Alleine und sozial Isoliert, sieht hier eigentlich niemand aus. Auch Geyser selbst ist nicht allein gekommen, sie ist Teil des Besucherprogramms des Goethe-Instituts, das insgesamt 20 Spielentwickler und -entwicklerinnen aus Südafrika und Korea zur Gamescom gebracht hat.

„Mehr Austausch zwischen Universitäten, Spieleentwicklern, Industrien, Spielkulturen – das wäre für mich der Hauptgewinn“, sagt Geyser mit Nachdruck. Ihr geht es um Gespräche über Kultur, Kunst und Erfahrung und um Spiele als das passende Medium unserer Zeit: „Spiele bieten einen neuen Raum für kulturellen Austausch und künstlerische Reflektion, in dem die viele Regeln unserer Alltagswelt aufgehoben sind.“

Mit ihrer Meinung ist die Dozentin nicht alleine. Simone Lenz hat für das das Goethe-Institut das EU-Projekt Faites vos jEUx ins Leben gerufen. Jugendliche aus Portugal und Deutschland kamen zusammen, um ihren Fragen an die EU spielerisch Ausdruck zu verleihen. „Spiele sind kommunikativ und interaktiv“, so Lenz zwischen Expertenworkshops und Testspielen auf der Gamescom, „dieses Potential eines „Multilogs“ sowohl in der spielerischen Interaktion als auch im Prozess der Spieleentwicklung beschrieb Richard D. Duke schon vor vierzig Jahren unter dem Titel Gaming: The Futures’s Language. Das greifen wir mit Projekten wie Faites vos jEUx oder Game Jams, etwa zum Thema Überwachung mit Studenten aus Boston, auf. Der Enthusiasmus und die integrative Produktivität aller Beteiligten sprechen dabei für sich.“ Jetzt, auf der Gamescom, treffen Jugendliche aus dem Projekt auf die Entwicklerin aus Südafrika und andere Experten. Universalsprache: Die Begeisterung für Spiele.

Nerd = umgangssprachlich abwertend?


Der Shortcut zu den Tickets für die Gamescom 2015 heißt www.gamescom.de/gamescom/Für-Alle. Wenn die Gamescom für alle ist, was machen dann die Nerds? Oder sind alle Nerds? „Afrika hat eine gesunde Filmindustrie, es gibt viel Literatur aus Afrika; Spiele können dieselbe Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Und – ganz pragmatisch betrachtet – die Spielentwicklung ist eine Milliarden-Dollar-Industrie“, erklärt Hanli Geyser. Für sie sind Spiele keine Randerscheinung, die nur wenige, in Kellern sitzende Menschen betrifft. Sie sind Kulturgut, Bildungsmöglichkeit, soziales Phänomen und natürlich auch ein erfolgsversprechender Berufszweig: „Spiele können ein Türöffner sein. Etwas leicht Zugängliches, was die Leute schnell verstehen, womit sie sich identifizieren“, sagt Geyser. Von dieser Basis aus könne man leicht in andere computertechnische Felder wechseln. Auch international. „Es ist viel einfacher, zu jemandem hinzugehen und zu sagen ,Hey, du kannst ein Spiel entwickeln‘, als zu sagen ,Hallo, möchtest du deinen Lebensunterhalt mit der Programmierung von Software verdienen?‘.“

Die fast 350.000 Besucher, die die Gamescom in diesem Jahr zählte, geben Geyser recht. Gaming ist längst gesellschaftsfähig. Daran ändert auch der alte Herr nichts, der vor dem Messegelände auf die Straßenbahn wartet und sich beschwert: „Manche dieser Kinder da drüben verdienen mehr Geld als die Profi-Golfer.“ Vielleicht ist es Zeit, das Wort „Nerd“ im Duden zu überarbeiten. Und vielleicht, ja vielleicht, könnte man es durch „Golfer“ ersetzen.