Goethe-Medaille Ein dreifaches Hoch

Ausgezeichnet: Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann mit Preisträgern und Laudatoren
Ausgezeichnet: Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann mit Preisträgern und Laudatoren | Foto: Maik Schuck

Was haben der Philosoph Sadik Al-Azm, die Theatermacherin Eva Sopher und der Museumsdirektor Neil MacGregor gemeinsam? Sie haben sich alle drei ganz besonders um den internationalen Kulturaustausch, vor allem auch die Vermittlung deutscher Kultur, verdient gemacht. Dafür wurden sie jetzt geehrt.

Großer Bahnhof in Weimar. 28. August, es ist wieder einmal Johann Wolfgang von Goethes Geburtstag. Der 266., um genau zu sein. Und im Weimarer Stadtschloss wird zur großen Feierstunde geladen. Geehrt wird heute allerdings nicht der große deutsche Dichter. Statt seiner dürfen sich drei zeitgenössische Kulturgrößen über eine besondere Auszeichnung freuen. Goethe steht immerhin mit seinem guten Namen für die gute Sache: Denn es ist die Goethe-Medaille, ein offizielles Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland, mit der Eva Sopher, Neil MacGregor und Sadik Al-Azm ausgezeichnet werden.


„Die drei Preisträger stehen in ganz besonderer Weise für eine aktive kulturelle Überlieferung und tragen mit ihrer aufklärerischen, humanistischen Haltung zur Verständigung in der Welt entscheidend bei“, begründete Klaus-Dieter Lehmann die Auszeichnung von Sadik Al-Azm, Eva Sopher und Neil MacGregor für die Goethe-Medaille. Die Verleihung 2015 stand unter dem Motto Der Geist der Geschichte. Lehmann betonte die Aktualität dieses Themas. Die Biografie von Eva Sopher, die als Jüdin vor den Nationalsozialisten fliehen musste und in Brasilien eine neue Heimat fand, belege an einem individuellen Schicksal eindrücklich die historische Verantwortung Deutschlands in der derzeitigen Flüchtlingskrise. „Die Hilfsbereitschaft, die den Geflüchteten in vielen Städten von tausenden Bürgerinnen und Bürgern begegnet, ist ein gutes Beispiel für gelebte Solidarität. Gleichzeitig hören wir immer mehr Nachrichten von Übergriffen radikaler Zellen und ihrer Mitläufer, die nicht nur gegen gültiges Recht verstoßen, sondern auch die Grundprinzipien menschlichen Anstands verletzen.“ Lehmann betonte: „Das Goethe-Institut verurteilt diese Geschehnisse in aller Deutlichkeit, da es sich in der ganzen Welt für einen offenen Dialog und gegen jede Form der Diskriminierung einsetzt. Das Wissen um Herkunft und Geschichte bildet die Grundlage für eine Gleichwertigkeit der Kulturen und die Bereitschaft, sich auf andere Kulturen einzulassen“, so Lehmann weiter. „Die drei geehrten Persönlichkeiten wirken in ihrem Schaffen jeweils auf einzigartige Weise dem derzeit zu beobachtendem „Zerbrechen der geschichtlichen Zeit“ entgegen und vertrauen der Bildungsmacht der Kultur.“

Eva Sopher Eva Sopher | Foto: Tiago Trindade Eva Sopher, die Präsidentin des Theatro São Pedro in Porto Alegre, hat mit ihrem leidenschaftlichen Engagement für die Bühnenkunst die Kulturlandschaft Porto Alegres maßgeblich geprägt. Sie schuf mit dem renommierten Theater eine einzigartige internationale Begegnungsstätte für Bühnenkünstler jeglicher Couleur. Sopher wurde 1923 in Frankfurt geboren. Als Tochter einer deutsch-jüdischen Familie musste Eva Sopher Ende der Dreißigerjahre vor den Nationalsozialisten fliehen und fand in Brasilien Zuflucht. Bei der Preisverleihung konnte Sopher nicht persönlich anwesend sein und wurde per Video aus Brasilien zugeschaltet.

„Kultur ist meine Religion“, laute das Credo Sophers, erzählte die Schauspielerin Hanna Schygulla in ihrer Laudatio. Schon als junges Mädchen habe sie in São Paulo Zeichnen und Bildhauerei gelernt und mit 16 Jahren in einer Kunstgalerie gearbeitet. „Später hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Tür und Tor weit offen zu halten für andere Künstler aus der ganzen Welt und natürlich auch für die Kultur, die aus Deutschland kam.“ Letzteres sei angesichts Sophers persönlicher Geschichte keine Selbstverständlichkeit. Aber für Sopher sei es „natürlich“, ohne dass sie dabei leichtfertig über die Vergangenheit hinweggehe. „Sie gibt Raum für die Unschuld neuer Beziehungen.“

Nachdem Sopher das Theatro São Pedro Mitte der Siebzigerjahre vor dem Abriss bewahrt hatte, schuf sie eine Spielstätte, die in ihrer Lebendigkeit und Internationalität bis heute bemerkenswert ist. Deutsche Tanz- und Theatergrößen wie Pina Bausch, Susanne Linke, Claus Peymann und Hanna Schygulla waren hier bereits zu Gast. Auch der international erfolgreiche Pianist Nelson Freire, sowie der 1994 verstorbene Musiker und Komponist Tom Jobim traten im Theatro São Pedro auf.

Sadik Al-Azm Sadik Al-Azm | Foto: privat Der syrische Philosoph Sadik Al-Azm gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen in der arabischen Welt. Er setzt sich seit Jahrzehnten aktiv für das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ein. Mit seinem Engagement steht er für die Verständigung zwischen der arabisch-islamischen Welt und Westeuropa. In Folge der eskalierenden Gewalt in Syrien erhielten Sadik Al-Azm und seine Frau 2012 politisches Asyl in Deutschland.

Al-Azm studierte Philosophie an der Amerikanischen Universität in Beirut, wo er später auch lehrte. Der Philosoph hatte weltweit schon zahlreiche Professuren inne, etwa an der Universität Damaskus, aber auch in Berlin und Hamburg. Im Zentrum seines Denkens stehen die Werke von Immanuel Kant und Karl Marx. Al-Azm bezieht die Theorien der Aufklärung auf die arabisch-islamische Welt, deren Modernisierung durch Säkularisierung er fordert. „Sadik wurde und wird zu Recht im Westen gefeiert“, sagte der Islamwissenschaftler Stefan Wild in seiner Laudatio, erinnerte aber zugleich an das schwierige Verhältnis, das man in arabischen Ländern mit Al-Azm habe. Dort werde er zwar viel gelesen, aber nie gefeiert. „Kein arabischer Politiker hat je eine seiner Thesen aufgenommen. Soweit ich weiß, hat keine arabische Universität je gewagt, ihm einen Preis zuzuerkennen.“

Neil MacGregor Neil MacGregor | Foto: British Museum Der Schotte Neil MacGregor leitet das British Museum, das am zweitmeisten besuchte Museum der Welt. Er verknüpft in seinen Ausstellungen komplexe kunsthistorische und historische Themen und bringt durch sein kuratorisches Engagement einem breiten Publikum ein neues Geschichtsbewusstsein näher, zuletzt in der anlässlich des Mauerfall-Jubiläums konzipierten Ausstellung Germany–Memories of a Nation.

Eine Reihe von BBC-Radiovorträgen, in denen MacGregor die Geschichte der Welt in 100 Objekten erklärt, und ein daraus entstandenes Buch haben ihn berühmt gemacht. MacGregor wuchs in Glasgow auf und lernte bereits in seiner Schulzeit Deutsch. Sein akademischer Ausbildungsweg spiegelt seine breitgefächerten Interessen wider: So studierte er Französisch und Deutsch (New College, Universität Oxford), Philosophie (École normale supérieure, Paris), Rechtswissenschaften (University of Edinburgh) sowie Kunstgeschichte (Courtauld Institut, Universität London). 1987 wurde er Direktor der National Gallery in London, seit 2002 leitet er das British Museum. Im Oktober wird MacGregor Leiter der Gründungsintendanz für das Humboldt-Forum in Berlin.

In ihrer Laudatio hob Marion Ackermann, die Künstlerische Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, MacGregors Humanität und seine Liebe zur Sprache besonders hervor. Er habe aber auch etwas, was „für einen Museumsdirektor selbstverständlich erscheint, aber leider doch allzu selten anzutreffen ist: Vertrauen in den offenen, künstlerischen Prozess“. MacGregor habe es als einer der ersten auch als Aufgabe des Museums gesehen, die Produktion von Kunst anzuregen. „Legendär ist es, dass er in seiner Zeit als Direktor der National Gallery den großen Künstlern das Museum öffnete und sie sich Tag und Nacht darin aufhalten ließ.“

Die Verleihung der Goethe-Medaille, die in diesem Jahr unter dem Motto Der Geist der Geschichte stand, fand in Anwesenheit von Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, dem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, der Staatsministerin Maria Böhmer und dem Oberbürgermeister der Stadt Weimar Stefan Wolf statt.

Die Goethe-Medaille wurde 1954 vom Vorstand des Goethe-Instituts gestiftet und 1975 von der Bundesrepublik Deutschland als ein offizielles Ehrenzeichen anerkannt. Von 1992 bis 2008 wurde sie jährlich anlässlich des Todestags Goethes in Weimar verliehen. 2009 fand die Verleihung erstmals am 28. August, dem Geburtstag Goethes, statt.

Seit der ersten Verleihung 1955 sind insgesamt 335 Persönlichkeiten aus 62 Ländern geehrt worden. Zu den Preisträgern gehören unter anderen Daniel Barenboim, Pierre Bourdieu, John le Carré, Lars Gustafsson, Agnés Heller, György Ligeti, Sir Karl Raimund Popper, Robert Wilson, Jorge Semprún, Billy Wilder und Helen Wolff.

-db/svs-