Buchprojekt des Goethe-Instituts Moderne Kinoarchitektur in den Tropen

Nicht nur von innen großes Kino: das Cine Estúdio  in Namibe
Nicht nur von innen großes Kino: das Cine Estúdio in Namibe | Foto: Walter Fernandes

Futuristische Kinos, die sich an ihre tropische Umgebung anpassen, Treffpunkt und kulturelles Gedächtnis in einem sind. Angolas Lichtspielhäuser haben Kolonialzeit und Krieg überstanden – nun setzt sich das Buchprojekt Angola Cinemas für ihren Erhalt ein. Ein Gespräch mit Herausgeber Miguel Hurst.

Das Gebäude auf dem Einband sieht aus wie ein in der Wüste gelandetes Raumschiff. Wie kommt ein Kino im Süden Angolas zu einer solchen Architektur?

Die Architektur des Cine Estúdio in Namibe ist einer Pflanze nachempfunden, der Welwitschia – eine echte Wüstenpflanze, die mit wenig Wasser auskommen muss. Passend zum Süden unseres Landes, wo es sehr heiß und trocken ist, sind auch unsere Kinos gebaut: offen und durchlässig, an unser tropisches Klima angepasst. Viele der Kinos, die in den 60er- und 70er-Jahren gebaut wurden, waren Freiluftkinos mit Terrassenbars. Ein Großteil der Architekten, die in Angola Kinos bauten, kam aus Portugal. Sie waren vor der ideologischen Starre des Salazar-Regimes geflüchtet und hingen den Ideen des neuen sozialen Bauens an. In den Kolonien konnten sie ungehindert experimentieren, vor allem auch mit neuen Materialien wie Stahlbeton, die sie bis zur Grenze des Möglichen – scheinbar gegen die Gesetze der Statik – erprobten.

Angola hat einen 27-jährigen Bürgerkrieg hinter sich, warum ist es wichtig, ausgerechnet die Kinos fotografisch zu dokumentieren?

Miguel Hurst: „Wir müssen unsere Geschichte bewahren, damit wir unsere Gegenwart und Zukunft gestalten können“ Miguel Hurst: „Wir müssen unsere Geschichte bewahren, damit wir unsere Gegenwart und Zukunft gestalten können“ | Foto: Walter Fernandes Ein Bild kann eine Geschichte ohne Worte erzählen. In Angola leben wir aktuell in einer Rekonstruktionsphase. Überall entstehen neue Gebäude. Die Schaffung einer modernen angolanischen Identität ist ein wichtiges Thema für uns. Wir können unsere Vergangenheit in diesem Prozess nicht einfach ausblenden. So wie es unsere Buchautorin Paula Nascimento sagt: In einer jungen Gesellschaft, die gerade einen Krieg hinter sich hat, in dem viele Strukturen ganz oder teilweise zerstört wurden, gehört es zum Aufbau einer nationalen Identität unbedingt dazu, sich Gedanken zu machen, was vom kulturellen Erbe wiederhergestellt und was eingerissen werden soll.
Die Kinos spiegeln sehr direkt die gesellschaftliche und politische Entwicklung Angolas wider. Und sie waren sehr, sehr beliebt. Die Menschen gingen nicht nur in die Kinos, um sich Filme anzuschauen. Man konnte mit der ganzen Familie ausgehen, Freunde treffen, seine neuen Kleider ausführen, Neuigkeiten erfahren, den oder die Liebste treffen, sich verlieben. Ins Kino zu gehen, war ein gesellschaftliches Ereignis.

Gab es keine Einschränkungen, was zum Beispiel den Zugang zu den Kinos oder die Auswahl der Filme betraf? Angola war doch bis 1975 portugiesische Kolonie.

Die ersten Kinos in den 30er/40er-Jahren waren architektonisch geschlossene Bauten, auch das Publikum war eher eine geschlossene Gruppe: weiß und privilegiert. Erst ab 1961 öffneten sich die Kinotüren allen Bevölkerungsgruppen. Es lief alles, was aus Hollywood kam: Ben Hur, Casablanca, Die Drei Musketiere. Aber auch Filme aus Portugal und Brasilien.
In den 60er-Jahren wurden Kino- und Debattierclubs gegründet und viele der Kinos wurden als Bühne für Unterhaltung genutzt: Hier fanden Konzerte, Shows und Theateraufführungen statt. Ray Charles und Charles Aznavour waren in Angola, Miss-Wahlen wurden organisiert, Getränke und Eis verkauft. In den 70er-Jahren entstanden auch angolanische Filme. Nach der Unabhängigkeit Angolas im Jahr 1975, unsere Regierung war damals stark links ausgerichtet, war es verboten, Filme aus den USA zu importieren. Von da an haben wir Filme aus Polen, der Tschechoslowakei und aus dem Ostblock gesehen.

Wie kommt es zu dem Untertitel des Buches „Fiktion der Freiheit“?

Besonders die 60er-Jahre waren in Angola eine Zeit des Aufbruchs, des wachsenden Widerstands gegen das Kolonialregime. Viele afrikanische Staaten wurden in dieser Zeit unabhängig. Dieser Wunsch nach Freiheit zeigt sich eben auch in der Architektur.

Viele der Kinos sind inzwischen verfallen, ihre Zukunft ist unklar Viele der Kinos sind inzwischen verfallen, ihre Zukunft ist unklar | Foto: Walter Fernandes Wofür stehen diese Kinos in einem breiteren Kontext, vor allem im Spannungsfeld zwischen westlicher und afrikanischer Kultur und Ästhetik?
Die gesamte Architektur in Angola ist portugiesisch bzw. abendländisch geprägt. Viele der einwandernden Architekten wie Francisco Castro Rodrigues oder Vasco Vieira da Costa verfolgten soziale Ideen, wollten bessere Lebensbedingungen für die arbeitende Bevölkerung. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts begann das portugiesische Regime, den Bau von Städten in den Kolonien zu planen. Viele Entwürfe haben sich dabei von einheimischer Bauweise beeinflussen lassen: Afrika brauchte Bauten, die sich an das Klima und an die lokalen Bedingungen anpassen.
Es war die Geburtsstunde der tropischen Architektur. Obwohl Einflüsse vom Modernismus aus Brasilien stark vertreten sind, würde ich sagen, dass unsere Architektur, der angolanische Modernismus, eine einzigartige angolanische Architektursprache entwickelt hat.

Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?

2004 war ich Leiter des angolanischen Filminstituts. Wir hatten für das Kino „Cine Kalunga“ in der südlichen Provinz Benguela eine Vorführung von drei Filmen organisiert, ich war zum ersten Mal dort. Aus der Luft betrachtet, sieht das „Cine Kalunga“ wie eine alte Filmkamera aus – die Offenheit und Schönheit dieses Gebäudes haben etwas so Starkes und Faszinierendes, dass ich beschloss, die Kostbarkeiten der Architektur und Kinokultur Angolas zu dokumentieren. Das neu gegründete Goethe-Institut in Angola war offen für diese Idee – jetzt ist das Buch da.

Angola ist flächenmäßig dreimal größer als Deutschland und besitzt 18 Provinzen. Wie haben sie dieses Mammut-Projekt organisiert?

Es war ein großes Abenteuer! Nicht nur, dass wir alle Kinos auflisten und Genehmigungen einholen mussten, um die Gebäude fotografieren zu können, wir mussten in mühevoller Kleinarbeit auch erst alle Informationen über die Kinos zusammentragen. In 30 Monaten haben wir ein riesiges Land ohne Autobahnen bereist. Manchmal verhagelte uns das Wetter einen ganzen Foto-Tag. Manchmal gab es andere Veranstaltungen in den Kinos und wir kamen gar nicht hinein. Wir mussten oft improvisieren.

Viele der Fotos in dem Bildband zeugen vom Verfall der Lichtspielhäuser. Wie sieht die Zukunft der Kinos aus?

Wir haben einen langen Krieg hinter uns. Fünf oder zehn Prozent der Angolaner wollen unsere Kinos wiederhaben bzw. erhalten. Und es gibt erste Initiativen der Regierung, die historischen Gebäude zu erhalten und sie für Veranstaltungen wieder zu eröffnen. Der Rest der Bevölkerung kümmert sich nicht darum. In Angola fehlen Strom und Wasser. Man geht zu Fuß zur Arbeit, die meisten haben keine Autos. Man muss sich tagsüber mit so vielen Problemen auseinandersetzen, dass die Menschen keinen Kopf für historische Themen haben. Trotzdem ist das Buch für uns Angolaner extrem wichtig: Wir müssen unsere Gedanken, unsere Seele und unsere Geschichte bewahren, damit wir unsere Gegenwart und Zukunft gestalten können.

Wie geht das Projekt weiter?

Viele der Kino-Architekten sind bis heute unbekannt, es gibt kaum Dokumentationen, Pläne, oder Zeichnungen zur Entstehung der Kinos. Eine Website soll helfen: Unter www.cineafrica.net sammeln wir laufend neue Informationen. Wir hoffen, dass wir die Seite zu einer kontinentalen Datenbank der Kinosäle in Afrika ausbauen können. Außerdem produzieren wir gerade eine Ausstellung zu dem Buch: sie wird im September 2015 in Luanda gezeigt und geht danach auf Reisen.

-svs/gsk-