Europoly „Klicken wir mal rein!“

Erstes Testshooting zum Filmprojekt in London unter dem Titel „Touched by Murder“
Erstes Testshooting zum Filmprojekt in London unter dem Titel Touched by Murder | Foto: Georgina Cammalleri

Deutschland ist im europäischen Vergleich wirtschaftlich stark, dennoch leiden Deutsche am stärksten unter Schlaflosigkeit. Anders in der Türkei: Dort schlummern Menschen statistisch ge-sehen am besten. Kuratorin und Filmemacherin Dorothee Wenner über überraschende Zahlen und die Filme für das Goethe-Projekt Europoly.

Ist Europoly ein Brettspiel zur Eurokrise?

Nein, Europoly will Film, Theater und Web auf besondere, vielleicht auch spielerische Weise zusammenbringen. Hintergrund ist aber schon die Finanzkrise. Die Idee hatte die ehemalige Leiterin des Instituts in Vilnius, Johanna Keller. Ihr Eindruck: In Europa herrscht ein vollkommen falsches Bild von Litauen, das nicht zu dem passte, wie sie selbst das Land wahrnahm. Viele Missverständnisse und Vorurteile prägen die europäischen Debatten. Dabei sind wir alle von der Eurokrise betroffen. Es ist aberwitzig so zu tun, als beträfe dies nur Griechenland oder Portugal.

Worum geht es bei den Filmen, die in diesem Projekt entstehen?

Ausgangspunkt sind Statistiken, die Alltag und Lebenswirklichkeiten in den Ländern Europas vergleichen. Aus unterschiedlichen Quellen haben wir zehn besonders überraschende Ergebnisse zu Themen wie Mordraten, Frauen in Führungspositionen und Hundebesitzer herausgefiltert, bei denen wir jeweils die zwei Länder mit extremen Gegensätzen gegenüberstellen. Wichtigste Kriterien: Die Daten widerlegen allgemeine Vorurteile und es lassen sich daraus Geschichten erzählen. Wir haben dann pro Statistik ein „Künstler-Paar“ gecastet. Sie kommen aus den entsprechenden Ländern und arbeiten gemeinsam am Film. Was sie aus dem jeweiligenThema machen, bleibt ihre künstlerische Freiheit. Klar war allen Beteiligten von Anfang an, dass Europoly keine ‚TV-Reportagen’ in Auftrag gibt: Wir möchten ungewöhnliche, persönliche Filme produzieren.

Wer sind die Künstler?

Matthias Lilienthal und Anna Mülter kuratieren die Performances für Europoly, die im Februar bei den Münchener Kammerspielen uraufgeführt werden: fünf Künstlerkollektive aus fünf Ländern. Für die Europoly-Filme haben Meike Martens – die Produzentin - und ich Regisseure und Protagonisten zusammengebracht. Die Protagonisten sind Künstler und Aktivisten aus unterschiedlichen Bereichen – Schriftsteller, Musiker, Schauspieler etc. Die Filmemacher kommen jeweils aus dem Land mit dem unerwarteten Statistikresultat, die Protagonisten aus dem Land mit total gegensätzlicher Datenlage. Beide kannten sich vorher nicht und sind offen für Experimente und neue Formate.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Kuratorin und Filmemacherin Wenner Kuratorin und Filmemacherin Wenner | Foto: Svenja Harten Der britische Filmemacher Marc Isaacs und der lettische Schauspieler Mārtiņš Meiers gehen der Frage nach, warum in dem Land mit den gefühlt meisten Kriminalgeschichten – nämlich England – statistisch gesehen viel weniger Menschen umgebracht werden als in Lettland. Oder Dänemark: Geht es um gerechte Lebensbedingungen, liegt unser Nachbarland meist ganz vorne. Aber wer hätte gedacht, dass Dänemark die geringste Rate von Frauen in Führungspositionen hat? Hier ist Litauen Spitze. Von dort kommt die Regisseurin Giedrė Žickytė, die dem dänischen Fernsehmoderator und Performer Emil Thorup zu dieser Fragestellung ein Treatment entwickelt hat. Wir kamen auf Emil, weil er in Dänemark für u.a. für seine provokante mediale Auseinandersetzung mit ‚Männerbildern’ bekannt ist. Die Dreharbeiten zu ‚Amazons’ sind schon weitgehend abgeschlossen.

Alle 15 Teams haben eine eigene Unterseite auf der Europoly-Webseite, genannt „LAB“ ­– was ist das?

Als Filmemacherin weiß ich, dass die die Entwicklung von Dokumentarfilmen oft so verläuft: Ich finde ein Thema spannend, recherchiere, treffe Leute und sortiere Material und allmählich entwickelt sich daraus die die Narration des Films. Der Arbeitsprozess gleicht dem eines Steinmetzes. Am Ende gibt es eine Menge interessantes Material, das nicht in den Film eingehen wird. Auch bei den Drehvorbereitungen und während der Produktion läuft selten alles wie geplant. Diesen Recherche- und Arbeitsprozess wollen wir im LAB transparent machen.

Wie funktioniert das?

Die Künstlerinnen kommunizieren ihre Gedanken, Ideen, Ansätze und Probleme offen auf unserer Plattform. Sie chatten, posten Links oder bereits fertige Sequenzen und veröffentlichen sogar ihren Email- oder Skype-Austausch. Aber auch wir Kuratoren oder interessierte Nutzerinnen und Nutzer können sich auf der Plattform einbringen. Später werden die fertigen Filme auf der Website zu sehen sein. Nach Abschluss des Projekts transformieren wir die Website dann in ein virtuelles Archiv, das zum Beispiel auch in der Bildungsarbeit eingesetzt werden kann. Über „tags“ wie zum Beispiel „Frauen“ oder „Litauen“ findet man dann unterschiedlichste Einträge – die auch Verbindungslinien zwischen den 15 Projekten herstellen.

Die Nutzer sind Teil des künstlerischen Prozesses?

Ja, sie können sich im LAB unmittelbar an den Diskussionen beteiligen. Ob und wie ihre Vorschläge angenommen werden, liegt letztlich an den Künstlerinnen und Künstlern. Wir hoffen, dass Europoly viele interessante Assoziationen zulässt. Und wir glauben, auf diese Weise die eigentlich trockenen Statistiken mit unserem Alltag in Verbindung bringen, so dass viele sagen: Da klicken wir mal rein! Grundsätzlich richten wir uns an ein internetaffines Publikum zwischen 18 und 30 Jahren. Wir sprechen aber auch die Follower und Fans der Künstler an sowie Menschen, die sich für die Themen Europa und Finanzkrise interessieren – das können selbstverständlich auch ältere sein.

Wie läuft das Projekt zeitlich ab?

Im April 2014 haben wir mit dem Konzept und der Auswahl von Themen und Künstlern begonnen. Seit diesem Juli ist die Webseite online und damit auch die LABs. Die Filme sollen bis spätestens Ende des Jahres fertig sein, die fünf Theaterprojekte werden im Frühjahr 2016 bei den Münchener Kammerspielen aufgeführt.

Was verbindet die Film- und Theaterprojekte im Projekt? Die Thematik: Alle Projekte beschäftigen sich mit der Finanzkrise und ihren Auswirkungen. Die Webseite funktioniert als Brücke, die inhaltliche Querverbindungen aufzeigt. Weil die Arbeitsprozesse im Theater und beim Film unterschiedlich sind, werden die Labs von den Performance-Kollektiven sicher ganz anders genutzt werden. Proben und Drehvorbereitungen haben eine ganz andere Dynamik. Derzeit – die Proben für die Performances haben ja noch nicht begonnen – stellen wir uns vor, dass die LABs im Theaterbereich wie virtuelle „Programmhefte“ werden, die Hintergrundwissen über Themen und Protagonisten vermitteln und schon im Vorfeld Interesse an den Produktionen wecken. So bilden etwa in einem Stück zehn Laienschauspielerinnen einen Chor von Kassiererinnen. Im LAB könnte man erfahren, wer diese Schauspielerinnen sind und wie die Regisseurin auf sie gestoßen ist.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Europoly?

Im Bereich Dokumentarfilm gibt es im Fernsehen immer weniger Sendeplätze,die Kinoauswertung von Dokumentarfilmen wird immer schwieriger. Auch deswegen experimentieren derzeit viele Filmemacher mit „cross-over“-Formaten zwischen Film & Internet. Das macht Europoly auch. Doch anders als beispielsweise mit „crowdfunding“ versuchen wir auf eine ganz neue Art, schon während der Treatmententwicklung unser Publikum zu finden. Außerdem wollen wir Diskurse anregen, die eine europäische Idee entwickeln, die sich nicht allein über die Wirtschaft definiert. Was ich besonders schön finde: Zwei Filmemacher interessiert ihr Thema so sehr, dass sie aus den Kurzfilmen später lange Versionen machen wollen.

Das Interview führte David Weyand