Flüchtlinge Kammerspiele werden zur Willkommensbühne

Puppen unterwegs: Die Performance „Paradise Mastaz“ der Gruppe Hajusom
Puppen unterwegs: Die Performance Paradise Mastaz der Gruppe Hajusom | Foto: Lutz Saure

Mit einem Open Border Kongress widmen sich die Münchner Kammerspiele ganz den Themen Flucht, Ankunft und Asyl, das Theaterhaus wird zum Munich Welcome Theatre. Mit dabei: vom Goethe-Institut unterstützte Tanz- und Theaterprojekte sowie Filme für und mit Flüchtlingen. Von Pepe Egger

„Ein Konversionsprojekt“ nennen die Macher den Open Border Kongress: Konversion im Sinne von Umwandlung, Umnutzung der Münchner Kammerspiele, ihrer Räume und Möglichkeiten in eine vielfältige Anstalt zur Erkundung des Themas Flucht und Vertreibung.

Viele Münchnerinnen und Münchner werden davon nicht überrascht sein, so viel ist bereits geschrieben worden über den neuen Intendanten der Kammerspiele, Matthias Lilienthal: Er wolle das Theater mit der Gegenwart kurzschließen, sagt man, nicht bloß die Gegenwart im Theater be- oder abhandeln, sondern „in die Stadt hinaus“ gehen, oder eben die Stadt ins Theater hereinholen.

Folgerichtig also, dass die Kammerspiele unter Lilienthal sich dem vielleicht drängendsten Thema des Hier und Heute so nähern, frontal, Hals über Kopf, dass jetzt eben nicht nur in einem Stück der Komplex Flucht thematisiert wird, sondern das ganze Theater umgekrempelt, aus dem ganzen Haus ein Munich Welcome Theatre gemacht wird. Nicht zuletzt ist es eine Reaktion darauf, dass eben hier, in München in den vergangenen Wochen ein besonders großer Teil der Flüchtlinge ankam.

Der Open Border Kongress, kuratiert von den Künstlern Björn Bicker und Malte Jelden, soll erkunden, wie das Theater – und Kunst und Kultur überhaupt – die Geflohenen einbeziehen und teilhaben lassen kann. Ein dementsprechend großer Teil des Programms vom 16. bis 18. Oktober besteht aus Diskussionen (zu Flüchtlingsprotesten, Einwanderungspolitik oder der Rolle von Kulturinstitutionen in der Einwanderungsgesellschaft), Vorträgen (über Europas Grenzregime oder darüber, wie man eine Flüchtlingstheatertruppe aufzieht) und Dokumentarfilmen (über eritreische Flüchtlinge im Chiemgau oder Geflohene in Griechenland).

Migration als Normalfall menschlicher Existenz

Dazu kommt eine ganze Reihe von Projektvorstellungen von Aktivisten sowie Ehrenamtlichen, in denen sich die Kreativität einer Willkommenskultur von unten zeigt: Flüchtlingsradio, Friedenstafel, Cafés, Fahrradladen, Möbelproduktion, die Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco und eine zu gründende Silent University.

Aber es gibt auch Theater im engeren Sinn, etwa von der Gruppe Hajusom aus Hamburg, die von sich selbst sagt: „Alle Performer tragen ihre individuellen Landkarten in sich, für sie ist Migration der Normalfall menschlicher Existenz.“ Sie spielen die Performance Paradise Mastaz, in der Puppen als Touristen oder Migranten von Westafrika bis Deutschland unterwegs sind, bis sich ihre Fäden verheddern, überkreuzen (am 17. Oktober um 17 sowie am 18. Oktober um 15 Uhr).

Oder der Tanzworkshop Rêve en noir│en blanc, ein Traum in Schwarz-Weiß, in dem – vom Goethe-Institut unterstützt – minderjährige Flüchtlinge mit Schauspielstudenten der Otto Falckenberg Schule zusammen ein Stück entwickeln. Geleitet wird Workshopreihe von Taigué Ahmed, der – ehemals Mitglied des tschadischen Nationalballetts – seit 2005 bereits im Tschad in Flüchtlingslagern Tanzworkshops gegeben und Tanzstücke aufgeführt hat (am 18. Oktober von 11 bis 16 Uhr).

Taigué Ahmed wird dann auch in einer vom Goethe-Institut organisierten und moderierten Podiumsdiskussion unter dem Titel Cultural Relief über die Möglichkeiten, Erfolge und Grenzen der Kulturarbeit mit Flüchtlingen diskutieren. Mit dabei sind Pınar Demiral (Her Yerde Sanat/Überall ist Kunst), Maren Niemeyer (Forum on Culture and Humanitarian Relief, Goethe-Institut) und Wolfgang Hauck, Leiter der bayerischen Stelzentheatergruppe Die Stelzer, die seit 2014 in der Osttürkei mit Flüchtlingen arbeitet (am 18. Oktober um 16 Uhr).

Die Suche nach der inneren und äußeren Balance

Wolfgang Hauck und Pınar Demiral können dabei aus erster Hand von ihrer vom Goethe-Institut geförderten Zusammenarbeit in einem Flüchtlingslager in Nusaybin in der Osttürkei erzählen, wo syrische, jesidische, irakische Flüchtlinge in den Lagern der türkischen Katastrophenschutzbehörde zwar sicher und mit dem Nötigsten versorgt, aber ohne Perspektiven leben.

Eine Stelze ist hier wie eine Bühne zum Anschnallen: Sobald ein Stelzenläufer erscheint, erzeugt er um sich herum einen theatralischen Raum, erschafft noch in der tristesten Umgebung für einen Augenblick eine andere Welt.

Doch nicht nur um Unterhaltung geht es dabei. Wolfgang Hauck beschreibt, wie die wackligen und instabilen Stelzen bei Jugendlichen, die an an Traumafolgestörungen leiden, zur psychologischen Stabilisierung beitragen: Weil sie das Stelzenlaufen zwingt, sich ganz gegenwärtig um ihre Balance zu bemühen und über das äußere auch das innere Gleichgewicht zu unterstützen.

Da hat sich das Theater bis zum Äußersten von der Guckkastenbühne, dem roten Vorhang entfernt, sich in die Trostlosigkeit der Lager begeben, und doch wirkt es vielleicht hier am stärksten. Hauck jedenfalls berichtet, wie die ersten zehn Teilnehmer, die er im osttürkischen Mardin ausgebildet hat, bereits mehr als 25 andere Jugendliche geschult haben. Einer von ihnen hat sich mit fünf Paar Stelzen auf den Weg zurück über die Grenze in den Irak gemacht, um dort die Arbeit in Flüchtlingslagern fortzusetzen und seine Erfahrungen zu teilen.