Leningrad-Blockade 900 Tage Hunger und Tod

Im zweiten Jahr der Blockade: Leningrader müssen nach einem Bombenangriff ihre Häuser verlassen
Im zweiten Jahr der Blockade: Leningrader müssen nach einem Bombenangriff ihre Häuser verlassen | Foto: RIA Novosti archive, image #2153 / Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0

Warum ist die dreijährige deutsche Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg hierzulande so wenig bekannt? Das fragt ein Kunstprojekt des Goethe-Instituts und des Hamburger Kunstvereins – und schafft damit zugleich ein bisschen Abhilfe. Von Petra Schellen

Sieht ein St. Petersburger heute einen Kinderschlitten, wird ihm mulmig zumute. Denn auf Kinderschlitten transportierten die Bewohner des damaligen Leningrad ab dem Herbst 1941 ihre Toten – verhungert oder erfroren, umgebracht durch deutsche Artillerie. Drei Jahre lang, vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944, belagerte die deutsche Wehrmacht Leningrad; im September 1941 schlossen Wehrmacht und Waffen-SS einen Ring um die Stadt, woraufhin fast keine Lebensmittel mehr hinein gelangten.

Einzig über den winters zugefrorenen Ladogasee wurde Nahrung gebracht – viel zu wenig für die damals zweieinhalb Millionen Einwohner der Stadt. Sie mussten sich mit immer kleineren Brotrationen behelfen, Suppen aus Tischlerleim essen, Krähen und Katzen, Vaseline und Glyzerin. Plünderungen, Morde wegen Lebensmittelkarten, sogar Kannibalismus hat es in dieser Zeit in Leningrad gegeben. 1,2 Millionen Menschen starben; viele kippten einfach um auf den Straßen, in denen schon massenhaft Tote lagen.

Über diese Belagerung, eines der größten Verbrechen der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs, ist in Deutschland überraschend wenig bekannt. Um dem abzuhelfen, haben die Goethe-Institute Moskau und St. Petersburg gemeinsam mit dem Hamburger Kunstverein und dem Metropolis-Kino eine Ausstellung konzipiert, dazu ein Filmprogramm und ein Symposion. 900 und etwa 26.000 Tage, dieser Projekttitel erklärt sich leicht: Die Blockade dauerte 900 Tage und liegt inzwischen rund 26.000 Tage zurück. Genau das seien die beiden interessanten Pole, sagt Astrid Wege, in Moskau für die Kulturprogramme des Goethe-Instituts zuständig. „Einerseits geht es um die historischen Fakten und andererseits um Formen des Erinnerns – sowohl in Russland als auch in Deutschland.“

14 deutsche und russische Künstler haben sich daher zur Vorbereitung voriges Jahr in St. Petersburg getroffen: um über Fakten und Gedenkkulturen zu sprechen und der offiziellen, oft statischen Mahnmalskultur eine künstlerisch-performative entgegenzusetzen. Und um zu eruieren, wie groß in Russland die Kluft zwischen offiziellem und privatem Gedenken ist – und warum Deutschland der Blokada nur so spärlich gedenkt.

In Russland habe man „lange nicht offiziell über die individuelle traumatische Erfahrung dieser Blockade sprechen“ können, sagt die Historikerin Ekaterina Makhotina von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Der Diskurs in der Sowjetunion über den Krieg und die Vergangenheit war lange ein heroischer; wer die Blockade überlebt hatte, galt allein aufgrund dessen als „Held“.

Erst in den Siebzigerjahren konnten Überlebende, etwa die Autoren Ales Adamowitsch und Daniil Granin, Sammelbände mit Blockade-Tagebüchern herausgeben, die allerdings zensiert wurden. Zu den eindrucksvollsten zählt das von Tanja Savitschewa: „13. April um 2 Uhr morgens – Onkel Wasja starb“, schreibt die damals Zwölfjährige. „11. Mai um 4 Uhr nachmittags – Onkel Joscha starb. 13. Mai um 7.30 Uhr morgens – Mama starb. Die Savitschews sind tot. Alle tot. Nur Tanja ist noch übrig.“ Passagen aus den Aufzeichnungen Savitschewas, die 1944 starb, zwei Jahre nach ihrer Evakuierung, dienten in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1945 und 1946 als Beweismaterial. Zudem seien sie an fast allen russischen Denkmälern für die Blockade eingemeißelt, berichtet Makohtina.

Zeugnisse des Grauens

Überhaupt: Tagebücher „führten die Menschen während der Leningrad-Blockade massenhaft“, sagt Makhotina, die selbst aus St. Petersburg stammt. „Die Menschen haben sich vom Hunger abgelenkt, haben minutiös notiert, was sie an dem Tag gegessen hatten, um sich zu disziplinieren und nicht die ganze Brotration auf einmal zu essen.“ Es gebe also viele persönliche Zeugnisse des Grauens; das habe auch die Öffnung weiterer russischer Archive in den Neunzigerjahren gezeigt.

„Trotzdem: Wenn heutzutage in Russland am 9. Mai der Tag des Sieges gefeiert wird, ist das primär eine heroische Erinnerung“, so Makhotina. „Aber viele Leningrader leisten an diesem Tag auch persönliche Trauerarbeit und gehen zum Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof, wo rund 500.000 der insgesamt 1,2 Millionen Blockade-Opfer beigesetzt sind.“ Und Hamburg, das seit 1957 eine Städtepartnerschaft mit dem heutigen St. Petersburg pflegt? Als die besiegelt wurde, „hat die Sowjetunion mit keinem Wort an die Blockade erinnert“, sagt Axel Schildt, Direktor der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte. „Es ging da wohl eher um Entspannung.“

Auch ein Mahnmal für die Blockade-Opfer gibt es in Hamburg nicht. „Das zu initiieren ist nicht Ziel des Projekts“, sagt Bettina Steinbrügge, Chefin des Hamburger Kunstvereins. „Aber wir können auf diese Leerstelle hinweisen und das Thema in der Öffentlichkeit platzieren.“ Und das auf verschiedenen Ebenen: Von einer „Hungerküche“-Performance mit Rezepten aus der Blockadezeit über den Umgang mit Dunkelheit – Leningrad hatte während der Blokada nur selten Strom – bis zur Reflexion der letzt- und diesjährigen Künstlerbegegnung reichen die Installationen und Performances im Kunstverein. Begleitend zeigt das kommunale Kino Metropolis ein vierteiliges Filmprogramm aus alten und neueren Dokumentationen.

Dabei wird es nicht zuletzt um das Schließen von Wissenslücken gehen. Denn es ist nicht nur zu vermerken, dass im belagerten Leningrad trotz aller Not Bibliotheken, Theater und Schulen funktionierten und am 9. August 1942 sogar Schostakowitsch‘ Siebte, die „Leningrader“ Sinfonie, aufgeführt wurde. Nein, in Russland kursiert auch immer mal wieder die Frage, ob sich die Hungertoten Leningrads nicht durch eine Kapitulation hätten verhindern lassen können. „Dabei ist historisch längst belegt, dass Hitler befohlen hatte, ein eventuelles Kapitulationsangebot nicht anzunehmen“, sagt Makhotina. „Sein Ziel war die Vernichtung der Bevölkerung.“

Leningrad, sagt auch Schildt, sei für Hitler genauso symbolbehaftet gewesen wie Stalingrad: „Diese Städte trugen die Namen seiner politischen und ideologischen Widersacher, und deshalb wollte er sie auslöschen.“ Warum sich die Deutschen bis heute weit stärker an den Kampf um Stalingrad erinnern als an die Leningrad-Blockade, kann der Historiker nur vermuten. „Vielleicht liegt es daran, dass Stalingrad massenhaft deutsche Opfer forderte – und Leningrad nicht.“ Auch die Sowjetunion habe den Blockade-Opfern lange keine Stimme gegeben, unterstreicht Makhotina. Sie seien einfach nicht öffentlich sichtbar gewesen.

Den Artikel haben wir mit freundlicher Genehmigung der „taz“ übernommen, wo er am 14. Oktober erschienen ist.