Myanmar Gemälde auf Häftlingskleidung

Htein Lin war auch während seiner politischen Gefangenschaft in Myanmar als Künstler tätig – allem Grauen zum Trotz
Htein Lin war auch während seiner politischen Gefangenschaft in Myanmar als Künstler tätig – allem Grauen zum Trotz | Foto: Mark Fenn/Al Jazeera

In erster Linie war Htein Lin immer Künstler. Doch wegen seines Einsatzes für die Demokratie in Myanmar geriet er in politische Gefangenschaft. Von den erlittenen Erfahrungen zeugt nun eine beeindruckende Ausstellung im neuen Goethe-Institut Myanmar.

Htein Lin spricht ganz ruhig über die Schläge, Folterungen und Misshandlungen, die er in den Jahren seiner Inhaftierung erleiden musste. Als politischer Gefangener unter dem ehemaligen Militärregime machte der Künstler in den berüchtigten Gefängnissen von Myanmar grausame Erfahrungen. Die schlimmste Folter erlitt er jedoch vor seiner Inhaftierung, erklärte er, während eines Machtkampfes mit Studentenaktivisten aus den eigenen Reihen, die ihn und einige Freunde beschuldigten, Spione der Polizei zu sein.

Manchmal hielten sie ein Messer über eine offene Flamme und drückten den vermeintlichen Informanten die heiße Klinge auf die Haut. Anderen wurden die Finger abgeschnitten, ein Mann wurde sogar geköpft, berichtete Htein Lin im Gespräch mit Al Jazeera. Er wurde „unzählige“ Male geschlagen. Bei den Verhören drückte man seinen Kopf unter Wasser, weil man sich von ihm ein Geständnis erhoffte, dass er Spion des Militärregimes sei.

Im vergangenen Monat fand in Myanmar die erste große Ausstellung des 49-jährigen Künstlers statt, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Londoner Exil mit seiner Frau, einer ehemaligen britischen Botschafterin in Myanmar. Viele der Werke zeugen von seinen Erfahrungen als politischer Gefangener und Aktivist. So versucht er die Brutalität zu verarbeiten, die er erlitten hat.

Das Herzstück der Ausstellung ist A Show of Hands, ein fesselndes multimediales Werk. Es besteht aus Hunderten von Gipsabdrücken, die er von den Händen ehemaliger politischer Gefangener genommen hat, und umfasst auch Video-, Foto- und Textdokumentationen.

Inzwischen hat er über 430 solcher Gipsabdrücke angefertigt. Sein Ziel ist es, 1000 ehemalige politische Häftlinge an dem Projekt zu beteiligen. Es mangelt nicht an Kandidaten – seit 1988 kamen Tausende wegen ihres Widerstands gegen die Militärherrschaft und anderer politischer „Verbrechen“ ins Gefängnis.

Opfer von Regime und Widerstand

Geboren wurde Htein Lin 1966 in der Region des Irrawaddy-Deltas. Während seines Jurastudiums engagierte er sich in den Achtzigerjahren an der Yangon University in der Studentenpolitik. Nach einem gescheiterten Volksaufstand am 8. August 1988 – bekannt als 8888 – war er einer der vielen Studenten, die in den Dschungel flohen, um der brutalen Niederschlagung durch das Militär zu entkommen. In einem Flüchtlingslager an der indischen Grenze nahm er Unterricht bei einem renommierten Künstler aus Mandalay, bevor er in ein Lager an der chinesischen Grenze kam, das von einer bewaffneten Widerstandsgruppe gegen das Militärregime, der All Burma Students' Democratic Front, betrieben wurde.

Dort wurden er und andere Studenten neun Monate lang festgehalten und gefoltert, da sie unter dem Verdacht der Spionage für das Regime standen. Am Ende konnte Htein Lin fliehen und nach Yangon zurückkehren, wo er sein Jurastudium abschloss, bevor er als Schauspieler arbeitete. 1998 wurde er verhaftet, weil man ihn beschuldigte, Gedenkveranstaltungen anlässlich des 10. Jahrestages des Aufstands vom 8.8.88 zu planen. Man verurteilte ihn zu sieben Jahren Haft und er verbrachte sechseinhalb Jahre hinter Gittern. Die Haftbedingungen waren grauenhaft. Einmal verbrachte Htein Lin sieben Monate in Einzelhaft. Einmal wurden er und andere Gefangene zu einem Spießrutenlaufen zwischen zwei Reihen von Gefängniswächtern gezwungen, die mit Kunststoffrohren auf sie einschlugen.

Dennoch schuf er unermüdlich Gemälde und Drucke, für die er „Farbstoffe“ verwendete, die von einem wohlwollenden Gefängniswächter hineingeschmuggelt wurden. Der Wächter weigerte sich aber, ihm einen Pinsel zu besorgen, und so improvisierte er mithilfe seiner Hände und verschiedener Gegenstände wie Injektionsnadeln, Zigarettenanzündern, Glasscherben und Seife.

Als „Leinwand“ mussten alte Häftlingskleidung, Sarongs und andere Stoffstücke herhalten, die ihm Mitgefangene gegen die in Myanmar beliebten Cheroot-Zigarren eintauschten. So gelang es ihm, während der Haft rund 300 Gemälde zu schaffen, die er in seiner Zelle versteckte und bei jeder Gelegenheit von Freunden hinausschmuggeln ließ.

Nach seiner Freilassung lernte Htein Lin die britische Botschafterin Vicky Bowman über ein Kunstprojekt kennen, an dem er beteiligt war. Damals, so erzählte er, „war die Situation sehr angespannt, überall gab es Informanten“. Aus Angst, dass seine Bilder aus dem Gefängnis von den Behörden beschlagnahmt und vernichtet würden, schmuggelte Bowman sie als Diplomatengepäck aus dem Land und schickte sie an das Archiv des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte in Amsterdam, wo sich die meisten auch heute noch befinden.

Ausstellung fürs neue Goethe-Institut

2006 heirateten Htein Lin und Vicky Bowman – im gleichen Jahr, in dem sie ihr Amt niederlegte. Das Paar zog nach London, wo die gemeinsame Tochter geboren wurde. Sieben Jahre lang konnten sie nicht nach Myanmar zurückkehren. „Sie erteilten meiner Frau kein Visum und sagten mir, dass ich bei meiner Rückkehr verhaftet würde“, erklärte Htein Lin. Nachdem eine Zivilregierung Reformen durchgesetzt hatte, zogen sie 2013 schließlich zurück.

Htein Lin erhielt nach seiner Rückkehr den Auftrag zur Ausstellung The Storyteller des Goethe-Instituts in Myanmar, das kürzlich ein renovierungsbedürftiges Gebäude in Yangon erwarb, das als neuer Standort dienen soll.

Das Gebäude selbst hat eine interessante Geschichte, sagt Htein Lin. Erbaut wurde es vor rund 100 Jahren durch einen chinesischen Geschäftsmann, im Zweiten Weltkrieg diente es als Zentrale der japanischen Geheimpolizei Kempeitai. Später wurde es von einer Gruppierung übernommen, die für die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft kämpfte, und in den Sechzigern beherbergte es die Yangon State Fine Arts School.

Einige Bilder von Htein Lin aus der Zeit im Gefängnis wurden speziell für die Ausstellung wieder ins Land eingeführt und werden in den ehemaligen Schlafräumen der Studenten ausgestellt, die eine bedrückende Ähnlichkeit mit Gefängniszellen aufweisen.

Zu seinen größten Fans gehört sein alter Freund Bobo, mit dem er gemeinsam aus dem Lager im Dschungel floh und später eine Gefängniszelle teilte. „Wenn du wissen willst, was in unserer Gesellschaft passiert ist, kannst du in dieser Ausstellung unglaublich viel erfahren“, so Bobo.

Den Artikel haben wir – leicht gekürzt – mit freundlicher Genehmigung von „Al Jazeera“ übernommen.