Lutz Dammbeck im Interview „Man muss ein bisschen verrückt sein“

Szene aus „Overgames“: Ein absoluter Experimentalfilm
Szene aus Overgames: Ein absoluter Experimentalfilm | Copyright: Lutz Dammbeck

Von Joachim Fuchsberger bis zum Dschungelcamp: Spiele-Shows sind ein zentraler Bestandteil deutscher Fernsehkultur. Lutz Dammbeck machte sich in seinem Film Overgames auf die Suche nach den Wurzeln der Gameshows – und erhielt dafür 2015 den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts. Ein Interview.

Herr Dammbeck, worum geht es in Ihrem Film „Overgames“?

Dammbeck: Ich möchte versuchen, dies auf Englisch zu beantworten: „It’s a film about the healing of insane by insane and made by crazy people.“ Man muss ein bisschen verrückt sein, so ein Projekt anzufangen und mit einem so großen Zeit- und Kostenaufwand ins Ungewisse zu segeln. Insofern ist es ein absoluter Experimentalfilm.



In Ihrem Film „Overgames“ werden die Deutschen als eine verrückte Nation bezeichnet, als ein Patient, der geheilt werden muss. Wie ist Ihre persönliche Diagnose – wie sehen Sie die Deutschen?

Ich denke schon, dass das „Identitätsproblem“, das die amerikanischen Psychiater in den Fünfzigern und Sechzigern analysiert haben, auch in meiner Generation und bei meinen westdeutschen Altersgenossen und Künstlerkollegen zu sehen ist, wenn es um bestimmte Themen geht. Themen, die die nationale Identität ansprechen, und die Fragen „Was ist deutsch?“ oder „Was sind wir, wenn wir sagen, wir sind Deutsche?“. Natürlich ist die momentane Situation nicht die günstigste, um über nationale Identität nachzudenken – das kommt noch hinzu. Insofern liefert das Material, das dieser Film von 1930 bis 1950 referiert, zumindest eine Plattform, auf der man versuchen könnte, über diese Dinge zu diskutieren.

Ihr Filme enthält Collagen aus historischem Archivmaterial, in einer Fülle, die man schon als Zuschauer kaum überblickt. Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?

Der Zeitrahmen von der ersten Drehbuchfassung bis zur Fertigstellung scheint sehr lang – fast acht Jahre. Aber natürlich gab es dabei immer wieder Pausen: Man muss auf die Finanzierung warten, es gibt Drehpausen, es gibt Pausen, in denen man sich um Archivmaterial bemüht. Und man braucht die Zeit bei der Intensität des Materials und der Kraftanstrengung, die es bedeutet, eine Auswahl aus 80 Stunden Archivmaterial zu treffen. Ich musste ja alles im Kopf haben, bevor ich anfangen konnte, zu schneiden.

Der Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts bedeutet, dass Ihr Film weltweit zugänglich gemacht wird. Die Jury ist davon überzeugt, dass der Film vielfältige interkulturelle Diskussionen anstoßen wird. Welche Fragen bleiben Ihnen nach Fertigstellung des Films?

Diese Frage ist übrig geblieben: Wie könnte man es schaffen, auch in schwierigen Zeiten, in denen es darum geht zu „ent-staatlichen“ und zu „ent-grenzen“, eine Diskussion über nationale Identität zu führen? Ich bin nicht überzeugt von der Hoffnung, dass sich diese Problematik auflösen wird, indem wir eine multikulturelle, eine globale Gesellschaftsordnung bekommen.

Filmemacher Dammbeck: „Am Anfang keine Ahnung von Gameshows“ Filmemacher Dammbeck: „Am Anfang keine Ahnung von Gameshows“ | Foto: DOK Leipzig 2015 Ihr Film ist für die große Leinwand gemacht. In welche Richtung entwickelt sich Ihrer Meinung nach der Dokumentarfilm in Zeiten von Youtube und Streaming am heimischen Laptop?

Man muss dafür sorgen und kämpfen, dass diese Leinwände erhalten bleiben. Das ist eine Heidenarbeit. Mir gefallen die neuen Technologien eigentlich nicht, weil ich denke, dass sie etwas „abschneiden“, nämlich unser Denken, unsere Empfindung, wenn wir sie technischen Apparaten und Prozessen, die wir nicht verstehen, übergeben. Als Ergebnis kommt aus der Blackbox etwas heraus, was auf bestimmte Art und Weise seiner Kreatürlichkeit, seiner Organik bar ist, weil es gefiltert ist.

Welche Gameshows schauen Sie gerne?

Ich hatte am Anfang keine Ahnung von Gameshows, weil es nicht mein Interessensfeld ist. Ich musste mich aber dann damit beschäftigen. Es hat mich an meine Kindheit erinnert: Mein Vater war Trainer auf der Pferderennbahn in Leipzig. Mittags traf man sich im Café. Da kamen Bankbeamte, leichte Mädchen, Zocker und Glücksspieler. Das war diese seltsame Mischung aus Zirkus, Profisport, Varieté, und das hat mir als Kind immer gefallen. All das fand ich ein bisschen in den Gameshows wieder. Ich habe auch großen Respekt davor, so wie man Artisten und Zirkusleute achtet, denn die wissen viel besser als die Skinner- und Pawlowexperten, wo man „drücken“ muss. Genauso wissen auch gute Moderatoren genau, wie man eine bestimmte Reaktion erzeugt: Trauer, Freude, Glück, Lachen. Aber natürlich beschäftigen sich diese Profis nicht mit dem „Überbau“, was mich wiederum interessiert. Das spiegelt sich auch in meinem Film: Die Moderatoren reden über ihr eigenes Metier, von dem sie etwas verstehen, und da schwindeln sie auch nicht. Das ist doch wichtig im Dokumentarfilm, dass die Leute nicht zu viel schwindeln.