Raggabund im Interview „Alle sollten nach Deutschland kommen“

Raggabund in Buenos Aires: „Lateinamerika war immer die Insel der Inspiration“
Raggabund in Buenos Aires: „Lateinamerika war immer die Insel der Inspiration“ | Foto: Goethe-Institut Argentinien

Es war nicht nur eine Tour durch Lateinamerika, sondern auch eine Tour de Force: 13 Städte in einem Monat. Trotzdem waren die Bandmitglieder von Raggabund, die auf Einladung des Goethe-Instituts nach Südamerika gekommen waren, am Ende hochzufrieden. Wir haben die Musiker in Bogotá gesprochen.

Ihr nennt euch Raggabund. Was bedeutet der Name?

Caramelo: Das ist eine Mischung aus Reggae und Vagabund. Wir sind ja so eine Art musikalische Vagabunden – und der Reggae ist die Basis unserer Musik. Allerdings nicht die einzige, wir haben ganz viele Elemente, die wir verschmelzen: Da gibt’s Hip Hop, Latin, Cumbia, Elektromusik, der Luca rockt auch gerne einen ab ... Da kommt vieles zusammen.

Was bedeutet es für euch, eine multikulturelle Band zu sein?

Caramelo: Ich finde es ist natürlich eine Bereicherung, wenn verschiedene Kulturen sich zusammenfinden und was Neues schaffen. Aber letzten Endes sehe ich das auch als normale Entwicklung. Die Menschen haben sich immer ausgetauscht, sind umhergewandert und haben viele Erfahrungen ausgetauscht. Und ich finde, dass wir durch die Musik das widerspiegeln können, was zurzeit in Europa viel diskutiert wird – wo es ja auch Tendenzen gibt, sich abzuschotten. Wir repräsentieren eine neue Art von Deutschland, eine neue Art von Europa.

Was hat Deutschland zu eurer Musik beigetragen?

Paco: Wahnsinnig viel. Wir leben, seit wir klein sind, in Deutschland. Ein Großteil unserer musikalischen Inspiration ist deutsch. Wir wohnen in interessanten Städten, München und Berlin, quasi die Schmelztiegel des Multikulturalismus. Und wir sehen es als große Chance, in Deutschland leben zu können. Wir finden, alle sollten nach Deutschland kommen, um auch diese Chancen zu haben.

Und Lateinamerika?

Paco: Lateinamerika war natürlich immer die Insel der Inspiration. Seitdem wir klein waren, hieß es immer: „Unser Zuhause ist ein lateinamerikanisches Zuhause.“ Sobald die Tür zuging, waren wir in Lateinamerika. Da lief Salsa Cumbia, viele kolumbianische Rhythmen, und das hat unsere Musik geprägt. Auch viel die alten Stars und die Reisen.



Welchen Unterschied macht es auf Deutsch, Englisch oder Spanisch zu singen?

Paco: Jede Sprache ist ein eigenes Universum für mich. Wir sind multilingual aufgewachsen in verschiedenen Sprachen: Schweizerdeutsch, Italienisch, Hochdeutsch und Spanisch. Angefangen haben wir mit spanischer Musik, und wir haben gemerkt, dass die Leute es nicht ganz verstehen; dann haben wir angefangen, auf Deutsch zu singen. Deutsch ist eine klare Sprache, man kann Sachen sehr gut ausdrücken. Spanisch ist viel poetischer. Wenn ich im Spanischen „deine schönen Augen“ besinge, klingt das romantisch, im Deutschen klingt es kitschig und nach Schlager. Inzwischen können wir das gut verbinden. Wir sind jetzt sogar schon so weit, dass wir Songs auch übersetzen. Lieder, die wir auf Deutsch geschrieben haben, übersetzen wir ins Spanische.

Was könnt ihr uns über eurer neues Album „Buena Medicina“ erzählen?

Michele: Buena Medicina ist durch unsere langjährige Zusammenarbeit entstanden. Wir wollten endlich unsere gemeinsamen Erlebnisse in ein Album packen. Dadurch, dass wir alles mit der Band aufgenommen haben, ist ein sehr analoger und erdiger, handgemachter Sound entstanden.

Caramelo: Ja, und wir haben in dem Album den Anteil spanischer Lieder noch erhöht. Und wir hoffen, dass die Message, die wir da verpacken, dem einen oder anderen vielleicht auch als gute Medizin dienen kann.

Wie ist es euch auf der Tour durch Südamerika ergangen?

Paco: Diese Tour ist sehr intensiv. Wir sind ja immer nur paar Stunden pro Station da. Deshalb gibt es leider nicht genug Zeit, um den ganzen Reichtum dieser Länder entdecken zu können. Es ist ein Ansporn, um wiederzukommen. Jetzt sind wir in Kolumbien – und alle total glücklich. Wir waren gestern auf einem Champeta-Konzert, das hat uns auch sehr inspiriert. Die Leute hier sind so anders als in Europa. Wir Europäer könnten uns von dieser natürlichen Fröhlichkeit der Leute hier schon eine Scheibe abschneiden.



In Bogotá fand euer Konzert im Rahmen der 25-Jahr-Feier der deutschen Wiedervereinigung statt. Welche Erinnerungen habt ihr an das Ereignis?

Caramelo: Also ich kann mich erinnern, dass ich meinen Vater früher immer gefragt habe: „Wieso gibt es diese Teilung?“ Einem Kind das zu erklären ist natürlich nicht leicht. Mein Vater hat dann immer einfach nur gesagt: „Mein Junge, die beiden Staaten werden zusammenfinden.“ Aber er konnte mir nicht sagen, ob wir das erleben werden. Glücklicherweise war es dann so.

Paco: Ich fand vor allem sehr schön, dass in Deutschland eine solche friedliche Revolution möglich war – in einem Land, das für zwei Weltkriege verantwortlich war. Wir hoffen, dass Deutschland sich dieser besonderen Verantwortung bewusst ist und weiß, was für eine Gefahr von Nationalismus ausgehen kann. Es gab ja auch diesen Nationalismus im Osten und im Westen, den man ja teilweise leider immer noch spürt.

Das Interview führte Carolina Tafur