„Respect 2.0“ Jenseits des geschliffenen Worts

 Workshop des Comic- Künstlers Wladimir Lopatin alias Piterski Punk (Dt.: St. Petersburger Punk)  bei einer RESPECT- Ausstellung  im Rahmen des Comic Festivals „BOOMFEST“ in St. Petersburg, September 2015
Workshop des Comic- Künstlers Wladimir Lopatin alias Piterski Punk (Dt.: St. Petersburger Punk) bei einer RESPECT- Ausstellung im Rahmen des Comic Festivals „BOOMFEST“ in St. Petersburg, September 2015 | Foto: Wiktor Kuznetsow

Im Projekt „Respect 2.0“ zeichnen russische und europäische Künstler mit Gefangenen und Obdachlosen Comics zu sozialen Themen. Sie arbeiteten russlandweit mit Experten zusammen. Die Ergebnisse des Projekts sind jetzt in einer Ausstellung im Goethe-Institut Moskau zu sehen.

Natalia Dsjadko sitzt in einem kleinen Kellerbüro, das mit Kleiderspenden und Büchern vollgestellt ist. Einmal im Monat fährt sie mit ihrer NGO, dem Zentrum für die Reformierung des Strafrechts, in die Kolonie für jugendliche Straftäter in Moschaisk, um die Pakete zu verteilen. Oft bringt sie jemanden mit:  Künstler, Architekten, irgendjemanden, der mit den Insassen spricht. „Für die Jugendlichen ist das wichtig“, sagt Dsjadko. „Sie merken, dass man sie nicht vergessen hat.“ Auf dem Tisch liegen ein paar Comic-Hefte, entstanden sind sie in der Strafkolonie. Eins davon ist „Der Dieb“: ein kleines buntes Heft im japanischen Manga-Stil.

Entstanden ist es im Rahmen von „Respect 2.0“ einem russlandweiten Projekt des Goethe-Instituts, des Youth Human Right Movements und des Moskauer Comicfestivals KomMissia. Die Zeichnerin Olivia Vieweg steuerte die Bilder bei, Geschichte und Text kamen von den Jugendlichen selbst: zwei Mädchen werden beim Klauen erwischt; die eine kauft der wohlhabende Vater frei, die andere, aus einem armen Elternhaus, riskiert ihre Zukunft. Es ist eine simple Geschichte mit chronologisch geordneten Comicrastern, welche die Erfahrung der Jugendlichen spiegelt – am unteren Ende der Gesellschaft chancenlos zu sein. Dass Comics in der Sozialarbeit unter erschwerten Bedingungen gut funktionieren, um Jugendliche zum Sprechen zu bringen, hat das Zentrum bereits vor zehn Jahren erfahren. Damals lagen Graphic Novels noch in kaum einem Buchladen. Aber in den Gefängnissen entwickelten sie die ersten Storyboards. „Jeder kann das. Das ist ermutigend“, sagt Dsjadko.  

Das pädagogische Konzept dahinter ist simpel: die Ansprache über die Comics funktioniert auf Augenhöhe, ohne Barrieren. Jugendliche im Knast erzählen anderen Jugendlichen ihre Geschichte, wie sie ins Gefängnis kamen und von ihren Wünschen.

„Wir haben gesehen, dass der Comic ein tolles Instrument ist, um mit Jugendlichen über schwierige Themen ins Gespräch zu kommen“, sagt Sergej Simonow, der Programmleiter von Respect 2.0. „Der Dieb“ ist einer von 38 mehrsprachigen Comics, die im zweiten Teil des Comicprojekts entstanden sind. Russische und europäische Künstler arbeiteten dafür monatelang mit Experten und NGOs in Russland zusammen, besuchten Obdachloseninitiativen in Petersburg, Waisenhäuser in Zentralrussland und Schulen in Tschetschenien. Die Idee: Die Comic-Geschichten zu verschiedenen sozialen Problemen werden mit Betroffenen erarbeitet und dann zurück in die Schulen und Workshops gegeben. So entstanden verschiedene Zugänge zu sperrigen Themen wie Stereotype aufgrund der sozialen Herkunft, Vorurteilen gegenüber Nordkaukasiern, Obdachlosigkeit, aber auch Homosexualität – diese Comics sind allerdings mit der Altersschranke „18+“ versehen.

So verschieden die Comics sind, sie alle erzählen Geschichten aus dem Leben. „Man kann sich in ihnen wiedererkennen“, sagt Astrid Wege, die Leiterin des Kulturprogramms des Goethe-Instituts Moskau. Sie machen es einfacher, schwierige Themen an sich heran zu lassen. Sergej Simonow arbeitet regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen in den geschlossenen Schulen der Strafkolonien. Er kennt das Problem „Auf Anhieb öffnet sich niemand“, sagt er. Das Zeichnen, der Ausdruck jenseits geschliffener Worte, helfe da.

Die künstlerische Qualität der  Comics ist sehr unterschiedlich. Der Stil reicht von ausgefeilten Graphic Novels, über bunte Mangas, bis zu reduzierten Strichzeichnungen. Sie alle werden in einer Abschlussausstellung ab dem 18. November im Rahmen der Toleranzwoche im Moskauer Jüdischen Museum und Toleranzzentrum zu sehen sein. Auch der Comic von Alexej Iorsch über eine Reise nach Dagestan und die Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen. „Ich hatte vorgeschlagen, dass jemand in den Kaukasus fährt“, denkt er  darin. „Ehrlich gesagt, wollte ich aber, dass jemand anderes fährt.“ Für Simonow ist dieses Thema, die Vorurteile gegenüber Nordkaukasiern, besonders wichtig. „Wir leben in einem Land, aber es gibt Parallelgesellschaften“, sagt er. Er plant bereits ein Folgeprojekt.

Und das Konzept von Respect 2.0 scheint erfolgreich zu sein. 40 000 Comics wurden bereits weiterverschickt. Und noch mehr Hefte wurden online abgerufen.
 

Der Artikel haben wir mit freundlicher Genehmigung von der „Moskauer Deutschen Zeitung“ übernommen.