Ausstellung Harmonische Dissonanzen

„I'm not going to sing“
„I'm not going to sing“ | © Siren Eun Young Jung

Ausgangspunkt der Ausstellungsreihe „Discordant Harmony“ ist die Vorstellung einer historischen, politischen und kulturellen Einheit Asiens – aus asiatischer Sicht eine europäische Vorstellung. In der Realität ist der Kontinent von rigiden historischen und politischen Grenzen geprägt. Für das transnationale Projekt „Discordant Harmony“ hat das Goethe-Institut vier Kuratoren aus Peking, Taipeh, Seoul und Hiroshima eingeladen, mit künstlerischen Positionen einen kritischen Dialog über die kulturellen und philosophischen Gemeinsamkeiten Asiens zu eröffnen. Nach dem Auftakt in Seoul ist die Ausstellung noch bis zum 6. März 2016 in Hiroshima zu sehen. Der Leiter der Programmarbeit in der Region Ostasien Dr. Reimar Volker im Gespräch.

Herr Volker, der Titel der Ausstellung „Discordant Harmony“ durchkreuzt das in Europa gängige Klischee von Asien als einer harmonischen Gemeinschaft. Warum ist der Begriff der Harmonie in Asien so diskussionswürdig?
 
Die asiatische Kultur ist stark durch den Konfuzianismus geprägt. Die erste und unmittelbarste Assoziation mit dem Konfuzianismus ist aus westlicher Sicht das Streben nach Harmonie. Tatsächlich ist Harmonie Teil der asiatischen Ästhetik und des Miteinanders, der gesamten sozialen Interaktion. Das macht den Begriff in vielerlei Hinsicht schillernd und omnipräsent – aber auch offen für Vereinnahmungen, vor allem von politischer Seite: In China wurde 2005 unter dem damaligen Staatspräsidenten Hu Jinbao die „Harmonische Gesellschaft“ zur Staatsdoktrin erklärt.
 
„Karl Marx in 2013“ von Liu Ding „Karl Marx in 2013“ von Liu Ding | © Liu Ding Wir haben deshalb lange darüber diskutiert, ob wir den Begriff Harmonie überhaupt im Titel eines solchen Projekts verwenden können. Die Kuratoren haben das, denke ich, mit dem Zusatz „discordant“ gut gelöst.
 
Welchen Beitrag können die Künstler zu der Diskussion über den Begriff der Harmonie leisten?
 
Die Kuratoren haben die Ausstellung als Lern- und Forschungsfeld definiert, auf dem unterschiedliche Sichtweisen auf Asien oder auf die Vorstellung von Harmonie präsentiert werden. Die Standpunkte sind dabei bewusst sehr verschieden, auch die Formate und die Medien, die in den Kunstwerken verwendet werden. Es werden auf interessante Weise Fragen gestellt zum Begriff der Harmonie und zur individuellen und kollektiven Identität Asiens. Zum Teil sind es Arbeiten, die Bezug nehmen auf einen bestimmten Ort, mehrere Orte in einen Kontext stellen oder losgelöst von speziellen Orten eher Musik oder Tanz zum Inhalt haben.
 
Es geht bei dem Projekt auch darum, die Deutungshoheit über den Begriff Asien nicht der politischen Sphäre zu überlassen. Wir erleben in allen Ländern der Region Ostasien einen solchen Vertretungsanspruch: Jedes Land nimmt mit großen Museen, Biennalen, Ausstellungen für sich in Anspruch, für ganz Asien zu sprechen. Wir sind sehr glücklich, dass es mit der Ausstellung gelungen ist, eine Plattform zu schaffen, die nicht politisch instrumentalisiert wird und bei der sich die Künstler nicht vereinnahmt fühlen – sie können ihre persönlichen Visionen zu dem Thema präsentieren und zur Diskussion stellen.
 
Welche Relevanz hat diese Diskussion für Europa?
 
Die Diskussion ist deshalb interessant, weil die in Europa vorherrschende Vorstellung von Asien als Einheit hinterfragt wird. Die Vielfalt an Stimmen und Perspektiven ist sehr groß. Es gibt zudem interessante Querverbindungen: Nordost-Asien ist, ähnlich wie es Europa bis vor 25 Jahren war, noch stark geprägt von Teilungen, die ihren Ursprung im kalten Krieg haben: Nord- und Südkorea, aber auch China und Taiwan. Zudem gibt es noch immer große Spannungen, die auf die imperiale Vergangenheit Japans zurückführen.
 
Wird Europa in asiatischen Ländern als historische, politische und kulturelle Einheit wahrgenommen?
 
Europa scheint eher als abstraktes Konzept bekannt zu sein, weniger als eine lebendige Einheit. In der Ausstellung und auf der Website des Projekts gibt es von dem chinesischen Literaturwissenschaftler Wang Hui einen Vortrag zu diesem Thema: Warum Ostasien nie zu einer Einheit wie Europa verschmelzen kann, auch wenn das naheliegend scheint.
 
Wie haben die koreanischen Medien auf das Projekt reagiert?
 
Die Resonanz auf die Ausstellung in Seoul war sehr positiv. Wir hatten fast 50 Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften sowie im Fernsehen. Das Thema spricht sehr viele Menschen an in einer Region, in der Kultur eine Brücke schlagen kann zwischen Ländern, deren politisches Verhältnis nach wie vor sehr angespannt ist.
 
Die Ausstellung wird in vier Ländern Ostasiens gezeigt – und für jede Station um ortsspezifische Arbeiten erweitert. Zurzeit ist die Schau in Hiroshima zu sehen; Anlass ist der 70. Jahrestag des Atombombenabwurfs. Welche Künstler haben Sie eingeladen, sich hier zu beteiligen?
 

Aus der Serie „Cumulus. Hiroshima Peace Day“ von Yoneda Tomoko Aus der Serie „Cumulus. Hiroshima Peace Day“ von Yoneda Tomoko | © Yoneda Tomoko Die Kuratoren haben in Hiroshima 16 Künstler aus China, Korea und Japan eingeladen. Die Ausstellung wirft einen Blick über Hiroshima hinaus auf die Gegenwart und Zukunft der gesamten Region. Der Untertitel lautet deshalb „Reflections on the Imagination of Asia“. Einige der Künstler haben ortsspezifische Arbeiten entwickelt, die dieser Perspektive Rechnung tragen, wie etwa die japanische Künstlerin Yoneda Tomoko, die von Hiroshima aus in allen beteiligten Ländern fotografiert und die Bilder zu einer Serie gebündelt hat.
 
An wen richtet sich „Discordant Harmony“? Was wollen Sie mit dem Projekt erreichen?
 
Discordant Harmony richtet sich natürlich zunächst an die interessierte, breite Öffentlichkeit, nicht nur in den Ländern, in denen die Ausstellung zu sehen sein wird. Die Goethe-Institute der Region bilden durch das Projekt mit ihren lokalen Partnern eine neutrale Plattform, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema erlaubt. Dieser multilaterale Ansatz, der nicht primär auf einen direkten Austausch mit Deutschland ausgerichtet ist, macht das Projekt so besonders: Es entstehen Querverbindungen, Perspektiven und Diskussionsräume öffnen sich, die unter den momentanen politischen Rahmenbedingungen einzigartig sind.
 
Welche der Arbeiten hat Sie persönlich am stärksten beeindruckt?
 
„The Bell“ von Byungjun Kwon „The Bell“ von Byungjun Kwon | © Hiroshima Moca In Hiroshima hat mich die Arbeit von Byungjun Kwon besonders bewegt: „The Bell“ ist vor Ort entstanden. Zwei riesige Tempelglocken aus Japan und Korea werden durch einen Motor dauerhaft angeschlagen. Die unterschiedlichen Schwingungen werden elektronisch bearbeitet und verschmelzen zu einem Kombinationston. So werden die historischen und aktuellen Spannungen zwischen Korea und Japan elegant in physikalische Schwingungen übersetzt ­– und zu einem einzigen Ton aufgelöst. Das hat mich nicht nur als Musikwissenschaftler fasziniert, sondern auch den Bogen geschlagen zu meinen ersten Recherchen zu dem Projekt: Im Schlüsselwerk „Das Chinesische Denken“ des französischen Sinologen Marcel Granet (1884-1940) wird der Klang der Glocke als Zentrum des konfuzianischen Harmoniebegriffs beschrieben.
 
Die Fragen stellte Gabriele Stiller-Kern