Poets Translating Poets Gedichte als Schmuggelware

Nusrat Sheikh, Daniela Danz und Andreas Altmann.
Nusrat Sheikh, Daniela Danz und Andreas Altmann. | © Goethe-Institut/Madiha Aijaz

Etwa 50 Lyrikerinnen und Lyriker, fast 20 Sprachen: Zusammen mit der Literaturwerkstatt Berlin organisiert das Goethe-Institut einen Austausch zwischen Gegenwartslyrik aus Südasien und Deutschland. Eine mehrsprachige Website zeigt die Ergebnisse.

„Meine Füße brennen auf Straßen und Plätzen / unter verächtlichen Blicken. / Über Sehnsüchte schreibe ich nur in Gedichten.“ Von der Rolle der Frau in einem Land, in dem ihre Stimme „vor Gericht / nur halb soviel wie die eines Mannes zählt“, handelt das Gedicht „Brennende Füße“ von Amar Sindhu. Die Schriftstellerin und Professorin engagiert sich für Menschenrechte, insbesondere für die Rechte von Frauen, und hat den Lehrstuhl für Philosophie an einer der ältesten Universitäten Pakistans, der Sindh University in Jamshoro, inne. Die Übersetzung ins Deutsche stammt vom Lyriker Andreas Altmann – und ist im Rahmen des Projekts „Poets Translating Poets. Versschmuggel mit Südasien“ entstanden.

Bei dem Projekt bringt das Goethe-Institut die Idee des „Versschmuggels“ in Zusammenarbeit mit der Literaturwerkstatt Berlin nach Südasien: Dichter übersetzen Dichter, indem sie paarweise zusammenarbeiten und die Gedichte des anderen in die eigene Sprache übertragen. Im direkten Austausch „schmuggeln“ die Schreibenden stilistische Zusammenhänge und poetische Traditionen in die andere Sprache. Seit Juli 2015 bringt eine Reihe von fünftägigen Workshops in Indien, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka ungefähr 50 Lyrikerinnen und Lyriker sowie fast 20 verschiedene Sprachen zusammen. Von Juni bis Dezember 2016 werden die Beteiligten ihre Übersetzungen bei Veranstaltungen in Deutschland und Südasien präsentieren.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts Poets translating Poets Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts Poets translating Poets | © Goethe-Institut/Madiha Aijaz Erste Ergebnisse der Workshops – wie Altmanns Übersetzung von Sindhus Gedicht – sind bereits jetzt auf der Website von Poets Translating Poets dokumentiert. Übersetzung und Original stehen dort nebeneinander, zum Teil auch mit einer Hörfassung des Originals, etwa auf Bengali, Gujarati, Kashmiri, Marathi oder Deutsch. Dabei wird nicht nur die Vielfalt der regionalen Sprachen (und Schriften) Südasiens erfahrbar, sondern auch die sehr unterschiedlichen Themen und Traditionen, die die Gegenwartslyrik dort prägen.

Politik, Krieg und Flucht sind genauso Thema wie das Gedichteschreiben und Schöpfungsmythen. „Scheiße, seit 40, 50 Jahren nur Gequatsche / Politik, total sinnlos, auch nur Quatsch“ übersetzt Ulrike Draesner Zeilen aus dem Gedicht „Der Fischer und seine Frau“ von Neerav Patel. In „srishthi – Gedicht um Gedicht“ erzählt Harish Meenashru die Geschichte einer „nicht existierenden Ameise“, die „in die nicht existierende Erde beißt“ und damit eine Reihe von Verwandlungen auslöst.

Die deutschen Übersetzungen finden immer wieder schöne Wendungen wie die „Unbehaust Umherstreifenden“ in Shafi Shauqs Gedicht „Überdenkt Eure Behausungen“ in der Übersetzung von Gerhard Falkner. Einzelne Wörter werden hier und da in die andere Sprache „geschmuggelt“ wie das „hudhud“ eines Wiedehopfs in der Übersetzung von Ulrike Almut Sandig eines weiteren Gedichts von Shafi Shauq.

Die deutschsprachigen Gedichte wiederum liegen teilweise in mehreren Übersetzungen vor – in unterschiedlichen Sprachen Südasiens, zum Teil aber auch in zwei verschiedenen Fassungen in der gleichen Sprache. Zum Beispiel wurde Andreas Altmanns Gedicht „farben und geräusche“ nicht nur von der eingangs erwähnten Amar Sindhu ins Sindhi übersetzt, sondern auch von Afzal Ahmed Syed ins Urdu und von Attiya Dawood ebenfalls ins Sindhi. Im Vergleich zeigen sich die vielfältigen Möglichkeiten innerhalb der gleichen Sprache.

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