Teilen und Tauschen Die neue „Sharing Economy”

Publikumsfrage bei der Podiumsdiskussion „Ours to Govern and to Own“
Publikumsfrage bei der Podiumsdiskussion „Ours to Govern and to Own“ | © Goethe-Institut New York/ Jacobia Dahm

Airbnb und Uber sind mittlerweile in aller Munde, Plattform-Kooperativismus ist neu. Wie genossenschaftliche Internetplattformen die „Sharing Economy“ mit Gemeinnützigkeit und Fairness bereichern könnten, wurde am Goethe-Institut New York in der Reihe „Teilen und Tauschen“ diskutiert.
 

Von Christoph Bartmann

Es gibt nicht nur eine „Sharing Economy“, sondern mindestens zwei. Der Eindruck drängt sich auf, wenn man sich ein wenig mit dem ziemlich neuen Phänomen des „Platform Cooperativism“ beschäftigt. Während die eine „Sharing Economy“ von Silicon Valley-Firmen wie Uber, Lyft und Airbnb beherrscht wird, legt es die andere darauf an, die Macht der digitalen Quasi-Monopole durch gemeinnützige Plattformen zu brechen oder wenigstens zu beschränken. Technisch möglich werden solche Ideen durch Open Source-Software. Den theoretischen Rahmen liefern Konzepte, für die man schon im 19. Jahrhundert den Begriff „Mutualismus“, also die Nutzung der Produktionsmittel auf Gegenseitigkeit, geprägt hat. Mit solchen einerseits utopisch wirkenden, andererseits recht handfesten Überlegungen knüpft der neue „Platform Cooperativism“ an anarchistische Gedanken an und versucht, sie in der Ära des digitalen Kapitalismus wieder aktuell zu machen.
 
Plattform-Kooperativismus als neues Modell
 
Der Medientheoretiker Trebor Scholz Der Medientheoretiker Trebor Scholz | © Goethe-Institut New York/ Jacobia Dahm In New York stößt der Plattform-Kooperativismus auf großes Interesse. Eine Konferenz an der New School brachte im November 2015 mehr als tausend Aktivisten, Programmierer, Internetunternehmer und andere Teilnehmer zusammen, um die Möglichkeiten eines kooperativen Internets zu diskutieren. Ausgelöst wurde diese Diskussion ganz wesentlich von dem aus Berlin stammenden und an der New School lehrenden Aktivisten und Medientheoretiker Trebor Scholz. Er ist es auch, der den Begriff „Platform Cooperativism“ geprägt hat. In seinem Buch „Uberworked and Underpaid: How Workers are Disrupting the Digital Economy“, das in Kürze erscheint, erklärt Scholz, wie man mit selbst gebauten und selbst verwalteten Internet-Plattformen Arbeit fairer vermitteln und besser bezahlen kann, als es etwa Amazon und Uber tun. Während dort nur die Eigentümer der Plattform reich werden und die vermittelten Arbeitskräfte oft unterhalb des Mindestlohns bleiben, sind Plattformkooperativen im Besitz von Genossenschaften. Wie tragfähig das in der nicht-virtuellen Welt vielfach erprobte Modell in der digitalen Sphäre ist, muss sich zeigen – aber ein Anfang scheint gemacht.
 
Die Podiumsdiskussion „Ours to Govern and to Own“ im Goethe-Institut New York brachte einige der Sprecher der November-Konferenz noch einmal zusammen. Neben anderen sprach Felix Weth, Gründer der deutschen Plattform Fairmondo, über seine Erfahrungen mit einem alternativen Gegen-Amazon. Emma Yorra vom Center for Family Life in Sunset Park, Brooklyn, berichtete von neuen sozialpolitischen Initiativen in einer stark von mexikanischen Migrantinnen und Migranten geprägten Nachbarschaft. Dort gibt es jetzt eine United Handyman-Kooperative für Handwerkerjobs, eine Kooperative namens Beyond Care für Kinderbetreuung und „We can do it!“ für Hausreinigungsdienste. Die Alternative zu solchen selbstverwalteten Service-Kollektiven heißt in New York und anderswo Handy.com. Handy soll für bezahlte Hausarbeit das werden, was Uber für Fahrdienste schon ist. Den Nutzern verspricht Handy Rundum-Komfort, die vermittelten Arbeitskräfte sind einem superflexiblen und schlecht bezahlten Regime unterworfen.
 
Faire Arbeitsverhältnisse per Mausklick?

Emma Yorra Emma Yorra | © Goethe-Institut New York/ Jacobia Dahm Emma Yorras Center for Family Life zum Beispiel funktioniert ganz anders. Das Center ist keine Einrichtung der öffentlichen Hand, auch wenn es neuerdings von ihr unterstützt wird. Es ist vielmehr die zentrale Anlaufstelle für Fragen und Probleme, die Menschen aus dieser Nachbarschaft üblicherweise haben: Rechtsberatung, Englischkurse, Schulungen aller Art und Arbeitsvermittlung – das alles in einer Einrichtung, die sich weder als Behörde versteht noch als bloße Sozialstation.
 
An solchen Orten wird mit Gegenmodellen für die Dienstleistungsindustrie experimentiert. Wenn es schon für viele Männer und Frauen kaum Alternativen zu schlecht bezahlten, ungelernten Service-Jobs gibt, sollten wenigstens solche Arbeitsverhältnisse etwas fairer gestaltet und rechtlich besser abgesichert sein. Weil aber die Kunden dank Handy und anderer Plattformdienste die Arbeitskräfte mit nur einem Mausklick buchen möchten, müssen auch die Kooperativen lernen, benutzerfreundlich zu werden. Ihr Erfolg oder Misserfolg wird wesentlich von der Qualität der Apps abhängen, die die Kooperativen entwickeln. Im Gegensatz zu  den Gründern von Uber oder Airbnb steht ihnen dazu kein Risikokapital zur Verfügung,. Die Programmierer, die wir in Brooklyn trafen, schienen trotzdem zuversichtlich. Von ihnen wird es vor allem abhängen, ob der Transfer alter Träume von Gemeinnützigkeit und Fairness ins Internetzeitalter tatsächlich gelingt.