„Kultur wirkt“ Zwischen Wert und Bewertung

Das Projekt Spieltrieb in Krakau
Das Projekt Spieltrieb in Krakau | © Andrzej Banaz

Lässt sich die Wirkung von Kulturarbeit belegen? Das Goethe-Institut beschäftigt sich mit dieser Frage seit mehreren Jahren unter wissenschaftlicher Begleitung. In Berlin wurden jetzt Ergebnisse dazu präsentiert und auf einem hochkarätig besetzten Fachpodium diskutiert.

Von Patrick Wildermann

Kaum jemand wird die Notwendigkeit von Kulturarbeit im internationalen Dialog grundsätzlich infrage stellen, ihre Fähigkeit bezweifeln, Brücken zu bauen und Netzwerke zu stiften. Der Punkt ist nur, dass in Zeiten schmaler werdender Budgets der Druck wächst, diese Segnungen auch konkret und möglichst in Zahlen zu belegen. Nicht zuletzt, um Legitimationsgrundlagen für die weitere Förderung zu schaffen. Dessen ist sich auch das Goethe-Institut bewusst. Allein – wer im Bereich der Kultur nach Evaluation verlangt, begibt sich notwendigerweise auch ins Feld der Kontroversen. In den Widerstreit von Werten und Verwertbarkeit, Instrumenten und Instrumentalisierung.

Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis

Generalsekretär Johannes Ebert Generalsekretär Johannes Ebert | © Bernhard Ludewig „Worin zeigt sich die Wirkung von Kulturarbeit? Wie misst man sie, wie bildet man sie ab?“, fragt Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, im „me Collectors Room“ in Berlin-Mitte. Ebert eröffnet hier den Diskussionsabend „Kultur wirkt – Mit Evaluation Außenbeziehungen nachhaltig gestalten“, zu dem das Goethe-Institut Vertreter verschiedener Kultureinrichtungen, der Europäischen Kommission und des Auswärtigen Amtes geladen hat.

Der Generalsekretär schärft dabei gleich eingangs das Bewusstsein für das Unbestimmbare, das im Zuge einer Evaluation nicht aus dem Blick geraten darf. Dass etwa „der Prozess der Kulturarbeit bisweilen wichtiger ist als das Ergebnis“. Dass es so etwas gibt wie „den Eigenwert des Ästhetischen“. Und dass schließlich eine Wirkungsmessung eben nicht nur zum Ziel haben dürfe, Geldgeber zufrieden zu stellen. Sondern vielmehr „Handlungshorizonte öffnen“ und Lerneffekte für die weitere strategische Planung zeitigen solle. Es gelte „weiter zu denken“, Best-practise-Modelle zu entwickeln, sich fortwährend kritisch zu reflektieren und mit Partnern und der Politik in nachhaltige Diskurse zu treten.

Dem Unvorhergesehen Raum geben

Elke Kaschl Mohni Elke Kaschl Mohni | © Bernhard Ludewig Seit Jahren schon beschäftigt sich das Goethe-Institut unter wissenschaftlicher Begleitung mit der Wirkungsmessung von Kulturarbeit. Einige der Prämissen, die sich in der internationalen Zusammenarbeit bei Projekten bewährt haben, umreißt anschaulich Elke Kaschl Mohni, Leiterin der Abteilung Strategie und Evaluation: „Wirkung beruht auf Relevanz“. Das heißt, die Bedeutung eines Projekts muss auch für die Partner und die Zielgruppe im jeweiligen Land zu erkennen sein. Oder: „Das Unvorhergesehene erhält Raum“. Schließlich seien in der Rückschau oft jene Projekte als besonders gelungen zu betrachten, die eine unplanbare Wendung genommen hätten. Auch mache, so Kaschl Mohni, „die Arbeitsweise den Unterschied“. Was meint, dass eine erfolgreiche Kooperation „kontextsensibel und kultursensibel“ angegangen werden müsse.

Als Beispiel aus der Praxis führt sie das „Cultural Innovators Network“ (CIN) an, ein gemeinsames Projekt von 20 Goethe-Instituten im Mittelmeerraum. Seit der Gründung 2012 hat das CIN ein weitreichendes und stetig wachsendes Netzwerk von jungen Kunst- und Kulturschaffenden gestiftet, die sich mit dem gesellschaftlichen Wandel in ihren jeweiligen Ländern befassen. Evaluiert wurde dieses Projekt nach der „Akteur-Netzwerk-Theorie“ von Michael Callon, die besonderes Augenmerk auf Brüche und überraschende Wendungen legt. Mithin genau die passende Methode, um Interviews, teilnehmende Beobachtung oder Fokusgruppen auszuwerten und somit Zusammenhänge besser zu verstehen. Teilnehmer, so Kaschl Mohni, hätten durchaus von Reibungen innerhalb des Netzwerks berichtet. Aber ebenso zu Protokoll gegeben, sie könnten nun besser mit demokratischen Entscheidungsprozessen umgehen.

Die Angst vor den McKinseys des Kulturbetriebs

In der Mitte: Barbara Gessler In der Mitte: Barbara Gessler | © Bernhard Ludewig Freilich – im Kontext der Wirkungsmessung von Kulturarbeit kommen auch Bedenken auf. Wiederholt macht auch im „me Collectors Room“ das Wort von den vermeintlich drohenden „McKinseys“ des Kulturbetriebs die Runde. Die Sorge also, dass bei der Evaluation Qualität hinter die reine Wirtschaftlichkeit zurückfallen könnte. Was allerdings Barbara Gessler – bei der Europäischen Kommission zuständig für das Programm „Kreatives Europa“ – auf der Podiumsdiskussion in die durchaus diskussionswerte Frage umkehrt, weshalb Kultur nicht auch Wirtschaftsfaktor sein solle? „Es ist per se nichts Schlechtes daran, Jobs zu schaffen.“

Frage aus dem Publikum Frage aus dem Publikum | © Bernhard Ludewig Die Befürchtung, dass die Evaluation den Prozess eines Kulturprojektes von vornherein in ein Korsett zwängen könnte, zerstreut wiederum Stefan Duppel vom Auswärtigen Amt: „Wir vereinbaren Ziele. Und schauen dann auf das Ergebnis.“ Der Weg dorthin aber sei frei für jene spontanen Richtungsänderungen und Reaktionen auf das Unvorhergesehene, die im Zweifelsfall gerade Wert und Relevanz eines Projekts ausmachten.

Die Bestimmung dieser Relevanz folgt dabei eben keiner „Eins-zu-eins-Logik“, wie Johannes Ebert schon eingangs klar gemacht hatte. Sie findet ihren Ausdruck „nicht notwendigerweise in einem Werk“. Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, führt als Beispiel an: „Wenn wir uns nach mehreren Jahren aus einem Programm in einer strukturschwachen Region zurückziehen und das Projekt wächst auch ohne uns sichtbar – dann ist es auch relevant.“