Dichtung und Übersetzung „Eine herrliche Überforderung aller Sinne“

„Das Überraschende war, dass wir so viel gemeinsam haben“: Die Dichter Salman Abbas and Sylvia Geist im angeregten Gespräch
„Das Überraschende war, dass wir so viel gemeinsam haben“: Die Dichter Salman Abbas and Sylvia Geist im angeregten Gespräch | Foto: Goethe-Institut Mumbai / Vivek Muthuramalingam

Fünfzig Lyriker, zwanzig Sprachen, neun Städte in Südasien: Das Goethe-Institut hat ein Übersetzerprojekt auf den Weg gebracht, das Brücken baut, wo andere Mauern hochziehen. Von Sandra Kegel

Nicht lange nach unserer Ankunft geben zwei indische Kollegen einen entscheidenden Hinweis: „Please, don't mention the m-word“, sagen sie zu unserer Verblüffung. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, auf keinen Fall je Bombay zu sagen, sondern: Mumbai. Doch dann war Mumbai das geschmähte „M-Wort“, aber warum?

Indien erlebt derzeit eine beispiellose Welle an Gewalt, ideologisch und physisch. Gerichtet ist sie gegen all jene, die sich der neuen Hindu-Begeisterung nicht unbedingt anschließen möchten. Sanskrit und Yoga werden als Allheilmittel propagiert, hindukritische Bücher und Filme zensiert, inzwischen ist die Stimmung so aufgeheizt, dass es immer wieder zu Gewalt kommt.

Wenn aber in der größten Demokratie der Welt eine bestimmte Kultur zum Maß aller Dinge werden soll, wird nach Ansicht vieler Schriftsteller wie Chandrahas Choudhury oder Nayantara Sahgal das Credo einer Nation verraten, die allein zweiundzwanzig offizielle Regionalsprachen kennt – mehr als hundert werden gesprochen – und in der neben Hindus eben auch Muslime, Christen, Sikhs, Parsen, Buddhisten, Juden und Jains leben. In einer Weltanschauungsgemeinschaft fühlen sich Millionen zwangsläufig ausgeschlossen.

In dieser aufgewühlten Lage hat das Goethe-Institut zusammen mit der Literaturwerkstatt Berlin und der Unesco ein vielsprachiges Lyrikprojekt auf den Weg gebracht, das deutsche und südasiatische Dichter aus den verschiedensten Regionen in einen Dialog führt. Der Gedanke, zu einer Zeit, da Mauern hochgezogen und ganze Volksgruppen ausgegrenzt werden, das Gespräch zu eröffnen, hat etwas Bezwingendes. Poets Translating Poets ist das in seiner Art und Größe wohl einmalige Projekt überschrieben, das unter der Federführung von Martin Wälde, dem Leiter des Goethe-Instituts in Bombay, inzwischen an acht Städten Südasiens stattgefunden hat.

Versschmuggelei könnte man das Vorhaben auch nennen: Man bringe fünfzig Dichter aus Deutschland und Indien in kleinen Gruppen für jeweils eine Woche an einem Ort zusammen, jeder mit vier Gedichten im Gepäck. Goethe-Institute, ob in Dhaka, Colombo, Karachi oder Chennai, werden kurzerhand zur Übersetzerwerkstatt umfunktioniert, und Dichter übersetzen, was das Zeug hält. Babylon, glaubt man bald, war nichts dagegen.

Staunen, bewundern, verzweifeln ...

Lyrik spielt als Ausdrucksform seit je eine herausragende Rolle auf dem Subkontinent. Hierzulande sind indische Gedichte nahezu unbekannt, anders etwa als die weltweit gelesene Prosa indischer Schriftsteller. Aber auch die deutsche Gegenwartslyrik ist in Indien ein unbeschriebenes Blatt, Übersetzungen gibt es nicht, bislang jedenfalls. Das wird Poets Translating Poets ändern. Denn nicht nur sollen die Ergebnisse während Lyrikfestivals in Berlin und Bombay vorgestellt werden, sondern auch als Publikation erscheinen.

Wie lässt sich ein Experiment wie Poets Translating Poets überhaupt verwirklichen? Auch die aus Deutschland entsandten Autoren wie Jan Wagner, Ulrike Draesner, Hendrik Jackson, Ulrike Almut Sandig, Ulf Stolterfoht, Tom Schulz und Sylvia Geist, um bloß einige zu nennen, sehen sich ja nicht nur mit Englisch konfrontiert, sondern auch mit Tamil, Bengali, Gujarati, Kashmiri oder Sindhi. Den Sprachentransfer möglich gemacht haben interlineare Übersetzer, die die Gedichte zunächst Wort für Wort transkribierten sowie Bedeutungszusammenhänge und linguistische Finessen erläuterten. Erst danach setzten sich die Lyriker immer zu zweit daran, im (ebenfalls gedolmetschten) Gespräch aus der Rohfassung neue Dichtung entstehen zu lassen.

Dichten ohne Sprachgrenzen – ein schwieriges Unterfangen: Tom Schultz und Sharayu Ghurye Dichten ohne Sprachgrenzen – ein schwieriges Unterfangen: Tom Schultz und Sharayu Ghurye | Foto: Goethe-Institut Mumbai / Vivek Muthuramalingam „Wir übersetzten Ideen, hielten unsere unterschiedlichen poetischen Traditionen gegeneinander, staunten wieder darüber, wie schwer es ist, Komik zu übersetzen, bewunderten einander, verzweifelten, erkannten uns selbst kaum wieder“, erzählt Ulrike Draesner. Jan Wagner, der an der Werkstatt in Kalkutta teilnahm, spricht von einer „herrlichen, siebentägigen Überforderung aller Sinne“.

Nach Treffen in Neu-Delhi, Chennai, Dhaka, Colombo und Karachi fand nun eine neuerliche Begegnung in der Millionenmetropole Hyderabad in Zentralindien statt. Die Berliner Lyriker Tom Schulz und Sylvia Geist trafen im von Palmen und Bougainvillea eingewachsenen Goethe-Zentrum auf ihre indischen Kollegen Jameela Nishat, Jayaprabha, Jeet Thayil und Sridala Swami. Die zu übersetzenden Sprachen waren Deutsch, Englisch, Telugu und Urdu.

Telugu trifft Deutsch

Das Sprachengewirr dauerte oft bis in die späten Abendstunden an. Schon die Frage, wie sich „Zeitgeist“ in Telugu ausdrücken lässt, verwickelt Sylvia Geist und ihre Kollegin Jayaprabha in intensive Diskussionen. Welche Rolle spielt es für Sridala Swami, dass sie in ihrem Gedicht G_h_ngt_, das sich vorwärts wie rückwärts lesen lässt, Zeilen von Paul Celan eingewoben hat? Während die Klimaanlage verlässlich rauscht, schwitzt Jeet Thayil über dem Wort „Erlebnishungerkäfig“ und sucht nach einer Entsprechung für dieses deutschtypische Kompositum.

Lyriker so hautnah bei der Arbeit zu erleben ist eine seltene Erfahrung. Wie wollte man ihnen auch zuschauen, denkend am Schreibtisch? Hier aber, da sie im Gespräch mit dem Kollegen übersetzend Gedichte neu erschaffen, erhält man wie von selbst Einblicke in eine sonst verschlossene Welt.

Das traditionell von indischen Muslimen verwendete Urdu, das als „Sprache der Dichtkunst“ viele bedeutende Werke der indischen Literatur hervorgebracht hat, ist nicht zufällig eine der Sprachen in der Übersetzerwerkstatt von Hyderabad. Mit gut 30 Prozent der Einwohner leben hier mehr Muslime als in jeder anderen indischen Stadt. Nach und nach begreift der Berliner Autor Tom Schulz, während er zusammen mit Jameela Nishat an deren Urdu-Gedicht Ich zog die Burka an und ging fort arbeitet, die soziopolitischen Hintergründe.

Sylvia Geist war zunächst vor allem auf das Fremde in einem Gedicht in Urdu oder Telugu gefasst. „Aber wenn etwa Jameela Nishat als Dichterin der mittleren Generation ein Bild aus der kalligraphischen Tradition ihrer Muttersprache bezieht und das mit Beobachtungen und Aktivitäten aus den sozialen Medien verbindet“, dann, so Sylvia Geist, habe sie einen Moment unerwarteter Vertrautheit erlebt – nicht so sehr hinsichtlich der Lebenswirklichkeit, sondern des poetischen Ansatzes wegen. „Das Überraschende war für uns nicht, was uns unterscheidet, sondern dass wir in unseren Vorstellungen darüber, was ein Gedicht heute leisten soll, so viel gemeinsam haben.“

Auch der Englisch schreibende Jeet Thayil, einer der bekanntesten Autoren Indiens, dessen fiebriger Bombay-Roman Narcopolis tief hineinführt in die Welt der Prostituierten, Dichter und Dealer, hat ganz ähnliche Erfahrungen gemacht: „Anders als ich es erwartet hätte, haben wir uns in den Übersetzungen nicht verloren, sondern gefunden.“ Seine Heroinsestine hat Sylvia Geist so prägnant übersetzt, dass ihm eine Passage im Deutschen nun noch sinnfälliger erscheint als im eigenen Original.

Wir haben diesen Artikel gekürzt. Die Originalfassung erschien am 13. Februar in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.