Didacta 2016 Wo Bildung aus allen Nähten platzt

Referendarin Christine Otte (rechts) und Sozialarbeiterin Miriam Falke freuen sich über das Info-Material vom Stand des Goethe-Instituts.
Referendarin Christine Otte (rechts) und Sozialarbeiterin Miriam Falke freuen sich über das Info-Material vom Stand des Goethe-Instituts. | © Lea Albring

Digitales Lernen und Bildungsangebote für Geflüchtete – pausenlos werden die Betreuer am Messestand des Goethe-Instituts zu diesen Themen befragt. Beim Rundgang auf Europas größter Bildungsmesse wird klar: Auch zwischen Lehrbüchern und Schulmobiliar spielen beide Themen eine zentrale Rolle.

Von Lea Albring

Auf der Didacta herrscht ein Treiben wie auf einem Bahnhof, nur dass sich die Besucher hier nicht für Züge, sondern für den nächsten Stand, das neueste Schulbuch, den aktuellen Vortrag interessieren. Um mit vollen Händen wieder gehen zu können, kommen viele von ihnen mit leeren Koffern her. „Da kann man schon neidisch werden“, sagt Grundschullehrerin Annika Goertz lachend, während sie mit ihrem Rucksack kämpft, der fast zu platzen scheint, und einem vorbeiziehenden Rollkoffer hinterher schaut.

Sprache verbindet

Grundschullehrerin Annika Goertz (links) und Kollegin Melanie Greßer müssen sich kurz vom Messetrubel erholen. Grundschullehrerin Annika Goertz (links) und Kollegin Melanie Greßer müssen sich kurz vom Messetrubel erholen. | © Lea Albring In vier Messehallen präsentieren knapp 800 Aussteller neueste Trends und diskutieren über Zukunftsperspektiven
rund um das Thema Bildung. An fünf Messetagen können sich circa 90.000 Besucher auf Dialogforen austauschen, Diskussionen besuchen und an Fachtagungen teilnehmen.

Auf der Didacta findet man Malbücher für Kleinkinder neben Weiterbildungsseminaren für Senioren; Klassische Bildungsinstitutionen sind hier genauso vertreten wie Einrichtungen, die erst auf den zweiten Blick etwas mit Bildung zu tun haben: „Beim Klimaschutz ist Abgucken erlaubt“, wirbt das Bundesamt für Strahlenschutz an seinem Stand. Bildung, so vermittelt jeder Stand, hört nicht auf, wenn man ein Buch zuschlägt oder ein Lernprogramm ausschaltet. Bildung ist etwas Ganzheitliches, versichern bunte Container zur Mülltrennung genauso glaubhaft wie die meterlangen Auslagen der Schulbuchverlage.

Mit Espresso konnten sich die Besucher am Messestand des Goethe-Instituts stärken. Mit Espresso konnten sich die Besucher am Messestand des Goethe-Instituts stärken. | © Lea Albring Noch immer mit ihrem Rucksack hantierend, erzählt Lehrerin Annika Goertz, viele Kinder in ihrer Klasse seien DaZ-Lerner – also Kinder, die Deutsch erst als zweite Sprache lernen. „Bei so unterschiedlichen Voraussetzungen funktioniert Frontalunterricht oft nicht mehr“, meint die Lehrerin. Deshalb durchforste sie die Messestände heute vorrangig nach Unterrichtsmaterialien für das eigenständige Arbeiten.

In der nächsten Halle, am Stand des Goethe-Instituts, wird Espresso an Besucher mit ersten Ermüdungserscheinungen ausgeschenkt. Zwei Sonderpädagogen aus Düsseldorf greifen gerne zu. Einige Schritte weiter erkundigt sich Referendarin Christine Otte nach Lernangeboten für Schüler aus anderen Kulturkreisen. Zwar unterrichtet sie Englisch und Mathematik, ihre Inhalte kann sie aber nur vermitteln, wenn die Schüler sie auch verstehen. Am Stand wird ihr die Broschüre „Sprache verbindet“ empfohlen. Sie informiert detailliert darüber, wie und wo sie im Netz Materialien zum Deutschlernen finden kann, zum Beispiel einen digitalen Vokabeltrainer oder eine Wortschatz-App. Das sind nur einige von vielen Selbstlernangeboten, die das Goethe-Institut kostenlos zur Verfügung stellt.

Smartphone plus Sprachunterricht

Über Sprachlern-Apps für Geflüchtete diskutierten (v.l.n.r.): Ernst Schatz, Stefanie Janke, Dr. Heike Uhlig, Ines Paland. Über Sprachlern-Apps für Geflüchtete diskutierten (v.l.n.r.): Ernst Schatz, Stefanie Janke, Dr. Heike Uhlig, Ines Paland. | © Lea Albring „Es sollte aber klar sein, dass Apps nicht ausreichen, um eine Sprache zu lernen“, sagt Dr. Heike Uhlig, Leiterin der Abteilung Sprache am Goethe-Institut. Noch bis vor wenigen Minuten moderierte sie eine Podiumsdiskussion und fragte: „Deutsch für Flüchtlinge mit Smartphones und Apps – reicht das aus?“

Ein Konsens war unter den Diskutierenden schnell gefunden: Apps und Selbstlernprogramme können das Lernen unterstützen, einen Lehrer ersetzen werden sie nicht. Zustimmung bekam sie auch von Stefanie Janke, die im Goethe-Institut Madrid Deutsch unterrichtet. „Die Lehrer sind auch immer Kontaktpersonen zur Zielkultur, die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern ist etwas ganz Zentrales beim Lernen einer Sprache“, sagte sie auf dem Podium vor rund 70 Zuschauern.

Bereits am Vormittag sprach mit Sascha Lobo einer der berühmtesten Digital-Denker auf einer der zahlreichen Didacta-Bühnen. Er ist davon überzeugt, dass es unter den Pädgagogen zwei Lager gebe: Das eine halte Smartphones und Co. für Teufelszeug, das andere meine, es müsse eine Klasse nur mit Tablets ausstatten, und alles laufe von selbst. „Ich bin dafür, dass beide Seiten abrüsten und sich in der Mitte treffen“, meinte Lobo.

Klassischer Sprachunterricht und die ergänzende Nutzung von digitalen Vokabeltrainern und Wortschatz-Apps: Zum Gelingen eines möglichen Mittelwegs trägt das Goethe-Institut nicht nur auf der Didacta einen wichtigen Teil bei.