Ausstellung in La Paz Lebt wohl!

Braucht ein „gutes Leben“ materiellen Wohlstand? Badewannen jedenfalls werden völlig überschätzt
Braucht ein „gutes Leben“ materiellen Wohlstand? Badewannen jedenfalls werden völlig überschätzt | Foto: Wara Vargas

Was ist ein gutes, ein richtiges Leben? Dieser elementaren Frage sind jetzt 15 lateinamerikanische Künstler nachgegangen. Leiten lassen haben sie sich dabei von einem Konzept der indigenen Andenbewohner. Die Antworten werfen nicht selten neue Fragen auf – und sind dennoch erhellend.

„In den Anden, 80 km von La Paz entfernt, gehe ich schwer atmend über Geröllfelder aus dunklem Gestein. Obgleich ich nur wenige Kilometer gelaufen bin, fühle ich das Ende meiner Kräfte kommen. Die dünne Luft in der großen Höhe macht mir zu schaffen, und in meinem Kopf dröhnt es wie in einer Maschinenhalle. Die Zeit steht still.“ Andreas Rost ist unterwegs auf einer Gipfeltour, die ihn und seine Mitstreiter auf das Projekt Vivir Bien – das gute Leben vorbereiten soll. Als Ausrüstung haben sie nichts als ihr künstlerisches Handwerkszeug dabei. Rost stößt an seine Grenzen. Der Fotograf und Kunstwissenschaftler versucht sich dennoch die „Erhabenheit“ dieser Naturerfahrung vor Augen zu führen, die Unermesslichkeit und Dauer, die die Felsbrocken unter ihm vermitteln.

Und doch: In Wirklichkeit ist diese Landschaft keine 30 Jahre alt. Vorher war hier ein meterdicker Gletscher. Er wurde eines der vielen Opfer der Erderwärmung. Und ist ein gutes Beispiel dafür, so findet Rost, dass es einer neuen ganzheitlichen Betrachtungsweise für Natur, Mensch, Leben, Gesellschaft bedarf. „Unsere Stimme ist die Stimme der schneebedeckten Berge, die ihre weißen Ponchos verlieren“, hat Boliviens indigener Präsident Evo Morales einmal gesagt.

Zum Fotoalbum Zum Fotoalbum auf Facebook | Natur, Mensch, Leben – genau darum geht es bei Vivir Bien. Um das gute, das richtige, das nachhaltige Leben. Vivir Bien ist eine Ausstellung – obwohl diese Bezeichnung eigentlich zu kurz greift. In Wirklichkeit ist es vielmehr ein Projekt, ein Prozess, der in einer Ausstellung mündet. Und die ist seit Samstag in der bolivianischen Hauptstadt La Paz zu sehen. Später wird sie auch noch an mehreren südamerikanischen Stationen und zu guter Letzt in Berlin Halt machen.

Entstanden ist das Projekt des Goethe-Instituts, das auch von der Kulturstiftung der bolivianischen Zentralbank unterstützt wird, aus einer früheren Zusammenarbeit mit Rost, der schließlich auch die Rolle eines von vier Kuratoren übernahm. Ausgangspunkt war das alte Konzept des „Suma Qamaña“ der indigenen Bewohner der andinen Hochebene, was sich ins Spanische am besten als „Vivir Bien“ übersetzen lässt. Ein Konzept, das es in ähnlicher Form auch in anderen Kulturen gibt – etwa als „Bruttonationalglück“ im Königreich Bhutan. 2008 fand dieses Prinzip Eingang in die ecuadorianische, 2009 in die bolivianische Verfassung. Vivir Bien ist nicht weniger als eine positive politische Utopie, die traditionelle Vorstellungen der Indio-Gesellschaften den Herausforderungen modernen, urbanen Lebens gegenüberstellt. Dabei geht es weniger um ein individuell gutes Leben, als vielmehr um ein Leben in der Gemeinschaft und ein neues Verhältnis zur Natur.



15 junge Künstlerinnen und Künstler aus fünf lateinamerikanischen Ländern widmen sich im Zusammenspiel mit Rost und drei weiteren Kuratoren in ihren Arbeiten diesem Thema; sie liefern – in Bildergeschichten, Videos, Tondokumente und Installationen – ihre ganz persönliche Interpretation der Vision des „Vivir Bien“ und laden so ein zu einer engagierten Debatte über die Zukunft.

Einige der Künstler unternahmen weite Reisen, andere wiederum fanden ihr Thema auf dem Marktplatz, den sie täglich besuchen. Wichtig war dabei nicht die Länge der Reise, sondern der Aufbruch – im physischen wie im künstlerischen Sinne. Fragen stellen, bedeutet auch, etwas in Frage zu stellen.

Kein leichtes Unterfangen, denn die Frage nach dem „guten Leben“ stellen wir uns im Alltag nicht allzu oft. Mitunter würden wir ihr sogar ausweichen, so Michael Biedowicz, der ebenfalls Kurator des Projekts ist. Denn: Eine Antwort könnte unter Umständen Konsequenzen nach sich ziehen. „Ist die Frage einmal im Raum, berührt sie schnell den Bereich des Existenziellen und Unausweichlichen, mit einem Wort: Es geht an die Substanz.“

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