Ukraine Was reimt sich auf Krieg?

Die Premiere von „Depeche Mode“ in Charkiw.
Die Premiere von „Depeche Mode“ in Charkiw. | Foto: Marharyta Kornyushchenko

Serhij Zhadan hat die junge Szene in seiner Heimatstadt Charkiw im russischsprachigen Ostteil der Ukraine wesentlich mitgeprägt. Das Goethe-Institut arbeitet eng mit ihm zusammen. Zuletzt unterstützte es im Rahmen der Sondermittel „Östliche Partnerschaft“ des Auswärtigen Amts die Inszenierung der Theaterfassung von Zhadans Roman „Depeche Mode“. Hier schreibt Zhadan über persönliche Schicksale und die Verantwortung von Schriftstellern in Kriegszeiten.

In der Ukraine erscheinen die ersten Kriegsromane. Subjektive, schmerzhafte Bücher mit realen Personen; manchmal erinnern sie an Reportagen, manchmal an gesammelte Einträge aus den sozialen Netzwerken. Sie lösen einen Hype unter den Lesern aus und füllen in den Buchhandlungen Regal um Regal. Sie sind schwer zu kritisieren. Auch wenn dir die Form nicht zusagt, wirkt die Ehrlichkeit der Autoren entwaffnend. Keiner weiß, wie man Kritiken dazu schreiben soll – seit der Unabhängigkeit hat es in der Ukraine keinen Krieg gegeben.

Serhij Zhadan Serhij Zhadan | Foto: Stephan Röhl Auf Kriegszeiten war hier niemand vorbereitet und erst recht war niemand – weder Autoren noch Kritiker – darauf vorbereitet, darüber zu schreiben. Die Literatur versucht zu erfassen, was in der Luft liegt. Sie reagiert auf die Ereignisse da draußen, versucht festzuhalten und zu bewahren, sucht nach neuen Wörtern. Sie versucht, neue Konstellationen zu erspüren, die mit denen der Vorkriegszeit nichts gemeinsam haben, weder in ihrer Sprache noch in ihrer Tragik noch in der hautnahen Begegnung mit dem Tod.

Wie man über Krieg schreibt

Wie kann man überhaupt über den Krieg schreiben – besonders wenn man sich in sicherer Entfernung von ihm befindet? Wie real ist die Sicht einer Person im Hinterland, wenn sie über Artilleriefeuer und Verletzungen schreibt? Trägt die räumliche Distanz zur Wahrung von Objektivität bei oder verhindert sie sie gerade? Lässt sich über Krieg überhaupt objektiv schreiben? Und ist das eigentlich wünschenswert? Zu ihrer eigenen Überraschung sieht sich die ukrainische Kultur mit vielen ernsten Fragen konfrontiert. Was gegenwärtig mit uns allen passiert, ist so eine Art Erwachsenwerden. Der Krieg treibt allen die Infantilität aus, auch den Dichtern.

Plötzlich siehst du dich mit einer Unmenge von Fragen konfrontiert – wie sollst du auf so viel Blut und Unglück in deiner nächsten Umgebung reagieren? Sollst du über Dinge reden, die ganz persönliche Tragödien und Schicksalsschläge betreffen? Ist es in Ordnung, darüber zu schreiben, und ist es ebenso in Ordnung zu schweigen? Ist Kultur in Kriegszeiten überhaupt nötig? Die Fragen scheinen recht allgemeiner und rhetorischer Natur zu sein, aber vielleicht ist der Krieg genau der Moment, in dem sich das Allgemeine ins Persönliche verkehrt, je nachdem, welche Erfahrungen du machst.

Kultur ermöglicht Widerstand und Überleben

In Kriegszeiten passieren mit der Kultur ohnehin merkwürdige Dinge. Manchmal trotzt sieden äußeren Bedingungen und der politischen Konjunktur. Politiker und Beamte können an Kulturprojekten sparen, so viel sie wollen, und den Sparkurs auf die Kriegsausgaben und die schlechte Wirtschaftslage schieben. Aber man braucht nur einmal in den zerbombten Kleinstädten des Donbass unterwegs gewesen zu sein und die Reaktion der örtlichen Bevölkerung auf Musik und Literatur miterlebt zu haben. Oder etwa die Reaktion der Armeeangehörigen, wenn Musiker und Autoren zu ihnen kommen und zu improvisierten Konzerten und Lesungen einladen.

Gedenken an die Opfer des Maidan:  Fotos und Kerzen erinnern an die Toten. Gedenken an die Opfer des Maidan: Fotos und Kerzen erinnern an die Toten. | Foto: Natalka Diacenko Die Menschen klammern sich an die Kultur wie an eine Sache, die sie geformt hat, mit der sie sich identifizieren können und die die inneren Deformierungen vergessen macht. Da lassen sich Parallelen zu widrigen Alltagsbedingungen ziehen: Auch wenn man kein heißes Wasser hat, muss man sich waschen. Die Kultur ermöglicht auf einmal Widerstand und Überleben, erkennt ihr Gewicht für die Gesellschaft, spürt die Verbundenheit mit Tausenden Schicksalen und Biografien. Du schreibst also nicht einfach Reime, sondern auf diese Weise verständigst du dich mit anderen, mit denen, die dir zuhören, die dich verstehen wollen. Das ist ein außerordentlich wichtiger und verantwortungsvoller Moment.

Alle gehen verändert aus derartigen Veranstaltungen heraus – sowohl die Leser als auch die Autoren. Die geschriebenen Romane oder vorgetragenen Gedichte, die patriotischen Videoclips und dokumentarischen Fotoausstellungen sind dabei zweitrangig. Es geht darum, dass aus all der Literatur, aus all den schwarz-weißen Frontfotografien, aus all der Wut, dem Pathos und der Verzweiflung ein neuer Held entsteht, dessen Stimme, dessen Intonation zu hören ist. Schön wäre es, wenn dieser Held so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren könnte. Und sei es nur, um über alles zu erzählen.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe.

Serhij Zhadan, 1974 in der Ostukraine geboren, lebt in Charkiw. Die BBC kürte sein Werk »Die Erfindung des Jazz im Donbass« zum »Buch des Jahrzehnts«. Das Goethe-Institut arbeitet seit vielen Jahren eng mit ihm zusammen – sei es als Dichter, Musiker oder als Stimme des Maidan.