Fights und Fictions „Öffentlicher Raum! Wir müssen ihn uns zurückholen“

Futureland, Tokyo, 2015
Futureland, Tokyo, 2015 | © Nuno Cera

Seit März finden in der Berliner Akademie der Künste Ausstellungen und Veranstaltungen unter dem Titel „DEMO:POLIS - das Recht auf Öffentlichen Raum“ statt. Am vergangenen Wochenende lud das Goethe-Institut gemeinsam mit der Akademie unter dem Titel „Public Space: Fights and Fictions“ zu einer Denkfabrik ein. Warum wir den öffentlichen Raum verteidigen müssen, erläutert Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, im Gespräch mit Ulrich Biermann.
 

Public Space Fights and Fictions ist der Titel der 36-Stunden andauernden Denkfabrik im Rahmen der Ausstellung DEMO:POLIS. Herr Lehmann, was ist eine Denkfabrik?

In der Denkfabrik hat das Goethe-Institut viele unterschiedliche Akteure zusammengebracht: Künstler, Architekten, Stadtplaner und Vertreter der Wirtschaft, die gemeinsam versuchen, ein Problem zu lösen oder es zumindest zu analysieren.

Was ist der öffentliche Raum in Ihrer Definition?

Klaus-Dieter Lehmann bei der Eröffnung des Pop Up Pavillons in Breslau Klaus-Dieter Lehmann bei der Eröffnung des Pop Up Pavillons in Breslau | Foto: Marcin Oliva Soto Der öffentliche Raum kann ein friedlicher Versammlungsort sein, er kann aber auch ein Ort sein, der mit Terror überzogen ist. Er ist ein Ort, der repräsentativ ist, der zum Feiern da ist. Es gibt allerdings immer weniger öffentlichen Raum, weil die Megastädte in einer Weise wachsen, dass nur noch Investorenmodelle Platz haben. Das bedeutet, dass öffentliche Plätze, also Plätze zum Versammeln oder zum Feiern, immer seltener werden und es mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, überhaupt Öffentlichkeit herzustellen.

Sie haben im letzten Jahr mit der Veranstaltung „Urban Places Public Spaces“ schon einmal nach dem öffentlichen Raum gefragt, in einer weltweiten Debatte in München, Istanbul, São Paulo, Madrid, Rotterdam, New York und Johannesburg. Was ist dem Goethe-Institut so wichtig an diesem Thema?

Wir erleben momentan drei unterschiedliche Entwicklungen: Zum einen sind da die Megastädte, die wir bei Urban Places Public Spaces in den Fokus genommen haben – São Paulo oder die chinesischen Metropolen. Zum anderen zeigt sich, dass neben diesen verstädterten Betonklötzen, die ja im wesentlichen Investorenmodelle sind und keinen öffentlichen Raum haben, gleichzeitig Slums, Townships und Favelas wachsen, sodass die Gesellschaft gespalten ist und eine große Sprengkraft an sozialen Problemen besteht.

Und das dritte, was jetzt verstärkt in die Entwicklung mit eingreift, ist der Zustand, dass es in der Welt sehr viele Regime gibt, die sehr kritisch auf die öffentlichen Räume schauen, weil sie versuchen, dort Kontrolle auszuüben und versuchen, das friedliche Demonstrieren, das „sich Einsetzen für gemeinsame Ziele“, zu verhindern. Die Gesetze gegen die Zivilgesellschaft werden immer weiter verschärft.

Das ist einerseits ein Problem, andererseits aber auch eine Aufgabe. Sicherheit, Kontrolle Überwachung – denken wir nur an die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln, oder auch an den Karneval der Kulturen in Berlin: Da wünscht sich so mancher Bürger Kontrolle.

Wie kann der öffentliche Raum in Zukunft aussehen? Das diskutierten die Teilnehmer der Denkfabrik Fights and Fictions. Wie kann der öffentliche Raum in Zukunft aussehen? Das diskutierten die Teilnehmer der Denkfabrik Fights and Fictions. | Foto: Ivar Veermäe Aber genau das ist der Punkt! Wir dürfen den öffentlichen Raum nicht naiv heiligsprechen und sagen: Dieser Raum ist ungeschützt und wird in die Zuständigkeit derer gegeben, die ihn besetzen. Wir wollen vielmehr unterscheiden: Welche Räume werden in welcher Weise genutzt, nicht fehlgenutzt oder überbeansprucht.

Der Gezi-Park in Istanbul zum Beispiel ist so ein Ort, oder der Tahrir-Platz in Kairo. Das sind Erinnerungsorte, an denen zunächst friedliche Demonstrationen stattgefunden haben. Dann wurde der Protest durch eine massive Kontrolle unterbunden. Diese Art der Auseinandersetzung – das Militärische, das Terroristische – muss man genauso belegen wie das Friedliche. Und damit kommen wir auch erst zu einer Diskussion über den öffentlichen Raum. Einen öffentlichen Raum per se gibt es nicht.

Sie formulieren das auf Ihrer Website so: Eigentlich ist der öffentliche Raum das verbindende Element bürgerlichen Protestes. Sie haben den Tahrir-Platz und den Gezi-Park erwähnt – wenn die Debatte so global ist, warum haben die Bürger dann überall das Gefühl, der öffentliche Raum gehöre uns nicht mehr, wir müssen ihn zurückerobern?

Weil die Verstädterung den öffentlichen Raum tatsächlich massiv vernachlässigt. Früher war in den europäischen Städten der öffentliche Platz ein Platz, wo sich das Geschehen abspielte – ob das nun der Markt war, oder Bürgerversammlungen – doch dieser Raum wird immer stärker zurückgedrängt.

Futureland, Dubai, 2009 Futureland, Dubai, 2009 | © Nuno Cera Außerdem erleben wir heutzutage einen Druck auf die Gesellschaft, der eine anonyme Möglichkeit des Demonstrierens erlaubt. Damit hat der öffentliche Platz der Zukunft eine zentrale Bedeutung für eine demokratische Gesellschaft. Insofern wird der öffentliche Raum wieder sehr viel stärker akzentuiert als ein Raum, der für die Gemeinschaft ganz wesentlich ist.

Millionen Flüchtende sind nach Europa gekommen. Wo finden diese Menschen Platz im öffentlichen Raum?

Hier kann die Funktion des öffentlichen Raumes greifen, dass man sich begegnet, dass man die Möglichkeit hat, Flüchtende mit den Bürgern zusammenzubringen. Ich nenne ein Beispiel: Wir haben in Breslau auf dem Plac Nowy Targ vor ein paar Wochen einen großen gläsernen Pavillon eröffnet. Breslau ist zurzeit europäische Kulturhauptstadt.

Diesen Pavillon bespielen wir mit Ausstellungen, Diskussionen, Performances oder anderen Veranstaltungen. Hier haben wir bei einem diskursiven Abendessen syrische Flüchtlinge mit den Einwohnern von Breslau zusammengebracht. Weil es in Breslau keine syrischen Flüchtlinge gibt, haben wir, so seltsam das klingen mag, Flüchtlinge aus Berlin eingeladen. Der Effekt war enorm. Zum ersten Mal hörten die Menschen in Polen authentische Berichte über die Schicksale der Flüchtenden und fingen an, über deren Situation und Möglichkeiten nachzudenken. Der öffentliche Platz bietet die Chance eines gegenseitigen Dialogs und auch die Möglichkeit, aus einem „Willkommen“ wirkliche Teilhabe zu machen.

Transkript des Gesprächs von Klaus-Dieter Lehmann mit Ulrich Biermann im Deutschlandfunk.