Andreas Ströhl über das Kultursymposium Weimar „Wir brauchen einen Rauschzustand“

Fastenbrechen am ersten Tag des Ramadans  in der Nähe des Taksim-Platzes in Istanbul.
Fastenbrechen am ersten Tag des Ramadans in der Nähe des Taksim-Platzes in Istanbul. | Foto: Tolga Bozoglu / EPA

Teilen und Tauschen – drei Tage lang geht es in Weimar fast nur darum. Schuld daran ist das Kultursymposium des Goethe-Instituts. Andreas Ströhl erklärt im Interview, was das Einmalige an der Veranstaltung ist, warum Carsharing auch Kultur ist und weshalb er nur mit Orgelpfeife nach Weimar reist.

Herr Ströhl, das Goethe-Institut veranstaltet vom 1. bis 3. Juni ein Kultursymposium in Weimar. Klingt nach vielen klugen Vorträgen von klugen Menschen …

Projektleiter Andreas Ströhl: Projektleiter Andreas Ströhl: "Wir setzen auf die Unberechenbarkeit" | Foto: Loredana LaRocca Machen Sie sich da bitte kein falsches Bild! Natürlich wird es spannende Vorträge geben, aber das Wort Symposium führt da vielleicht etwas in die Irre; man sollte es ganz wörtlich nehmen: als Zusammentreffen. Da wird nicht nur geredet. Im Grunde ist es ein Festival. Da wird Musik gemacht, getanzt, Theater gespielt. Es gibt auch mehrere Ausstellungen.

Das Symposium steht ja unter einem großen Thema: „Teilen und Tauschen“. Wie kam es dazu?

Wir wollten ein Thema, das Anknüpfungspunkte an Wirtschaft, Kultur und Politik hat. Da waren wir recht schnell beim Tausch. Der Soziologe Marcel Mauss hat den Tausch einmal eine „totale soziale Tatsache“ genannt, weil er sich durch alle gesellschaftlichen Teilsysteme zieht. Für ein Kultursymposium, das von der Wirtschaft finanziert wird – in unserem Fall von Merck, Siemens und Volkswagen –, ist er ein ideales Thema. Das Teilen wiederum ist sehr zeitgemäß und eine perfekte thematische Ergänzung. In Weimar schauen wir auf die Wirtschaft aus kultureller Perspektive. Wir fragen uns: Warum tauschen oder teilen Menschen? Die These ist, dass sie es in der Regel nicht tun, um materielle Güter anzuhäufen. Wir sehen wirtschaftliches Handeln vielmehr als ein anthropologisch basiertes Zeichensystem. Leute tauschen Dinge, weil sie kommunizieren wollen. Und so kommt es dann auch, dass wir uns als Kulturinstitut mit Dingen wie Carsharing beschäftigen.

Ist Eigentum denn out?

Zumindest dient Eigentum nicht mehr uneingeschränkt der sozialen Positionierung. Vor 20 Jahren war ein fettes Auto noch ein Statussymbol. Heute macht man sich damit in einigen Kreisen völlig unmöglich. Da ist es mitunter schicker, Tauschringen anzugehören und Carsharing zu machen.

Was wird nun in Weimar so alles passieren während der drei Tage?

Enorm viel. Es finden nämlich immer fünf oder sechs Veranstaltungen gleichzeitig statt. Das ist auch gewollt. Alle sollen wie in einem Rausch sein. Wir setzen auf die Unberechenbarkeit. Es soll etwas passieren, was sonst nicht passieren würde. Das ist etwas anderes als eine Lehrveranstaltung an der Uni. Wir brauchen einen gewissen Rauschzustand, der die Leute aus sich heraustreten und mit anderen anders kommunizieren lässt.

Wie sollen die Teilnehmer sich denn da zurechtfinden?

Zunächst muss sich jeder seinen eigenen Pfad durch das Programm schlagen. Dafür bieten wir eine App an. Am Schluss wird in einem Plenum alles zusammengeführt. Wir werden vorher einzelne Teilnehmer bitten, von allen Veranstaltungen in einem Zwei-Satz-Fazit als Korrespondent zu berichten. Damit keine Ergebnisse verloren gehen. Das könnte sonst leicht passieren, da es auch viele partizipative Diskussionsformen wie Fish Bowls gibt.

Fish Bowls?

Das ist eine Diskussionsanordnung, bei der Leute kurz einen Platz auf dem Podium einnehmen und dann wieder ins Publikum zurückgehen. Die Grenze zwischen Panel und Publikum ist hier aufgehoben.

75 Veranstaltungen an 15 Orten in drei Tagen – für Sie als Projektleiter muss das besonders frustrierend sein: Sie können ja selbst nur einen kleinen Teil davon besuchen.

Ja, das ist wirklich hart. Ich habe acht Jahre lang das Münchner Filmfest geleitet. Da habe ich auch immer viel verpasst, aber die Filme konnte ich mir wenigstens hinterher noch anschauen. In Weimar geht das nicht. Da ist alles live. Ich habe schon mal versucht, mir meinen eigenen Pfad zu konstruieren, und bin sofort gescheitert.

Was werden Sie sich auf keinen Fall entgehen lassen?

Tomas Sedlacek Tomas Sedlacek | © Perper tui Ich werde mir auf jeden Fall den Auftritt von Tomáš Sedlácek ansehen. Das ist ein tschechischer Ökonom und Bestsellerautor – und einer der schärfsten Kritiker der heutigen Wirtschaftswissenschaft. Und das, obwohl er der Chefökonom der größten Bank Tschechiens ist. Jeremy Rifkin spricht gleich am ersten Abend. Den Vortrag will ich unbedingt hören. Und am Ende gibt es eine lange Nacht des Teilens und Tauschens. Das ist eine wilde Party mit viel Musik, aber auch mit 16 verschiedenen künstlerischen Interventionen.

Kann man in Weimar auch selbst teilen und tauschen?

Ja. Wir bitten alle, einen Kulturgegenstand aus ihrer Heimat mitzubringen. Die Sachen werden dann ausgestellt und können nach bestimmten Regeln getauscht werden. Ich bringe beispielsweise eine oberbayerische Orgelpfeife mit. Dann gibt es auch noch eine Kleidertauschparty. Und eine Kölner Aktivistin hilft einem dabei, probeweise das Geschlecht zu tauschen. Die schminkt beispielsweise Männer so, dass sie die Erfahrung machen können, wie es ist, als Frau die Straße entlangzugehen.

Die Flüchtlingskrise macht gerade wieder in besonderem Maße bewusst, wie ungleich die Lebensbedingungen in der Welt sind: Was bedeutet die Notwendigkeit des Teilens vor diesem Hintergrund?

Wir wollen keine Konferenz zur Flüchtlingskrise machen, aber die Krise zeigt, wie dramatisch wichtig unser Grundthema ist. Da wird die Frage an unsere Gesellschaft gestellt: Wie weit sind wir bereit zu teilen? Wir arbeiten übrigens bei vielen Performances auch mit Flüchtlingen zusammen. Das Thema wird präsent sein.

Warum ist „Teilen und Tauschen“ eigentlich ein Thema für das Goethe-Institut?

Man muss anders fragen: Wer sonst könnte das. Nur das Goethe-Institut hat tatsächlich die Möglichkeit, zu einem solchen Phänomen einen umfassenden internationalen Sachstandsbericht zu liefern. Wir haben da ganz interessante Sachen aufgetan. In Westafrika etwa gibt es einen Tauschringprinzip namens Tontine: Da kommen rund 30 Leute zusammen und finanzieren einmal im Monat einer Person aus ihrem Kreis eine Sache, die gerade als besonders dringlich eingeschätzt wird. Das führt zu einer Stabilisierung von Gemeinschaften, die dann auch kulturell relevant ist. So etwas gibt es inzwischen auch schon in New York. In Nullzins-Zeiten ist das möglicherweise ein Modell, dass auch für den Westen interessant sein könnte.



Was bedeutet das Thema für den internationalen Kulturaustausch?

Das ist sehr schwierig. Wir tauschen ja gar keine Kulturen. Wir tauschen uns allenfalls über Kulturen aus. Das ist das eigentliche Geheimnis des Goethe-Instituts und seiner Arbeit: Der Gegenstand ist wichtig, aber die Kommunikation darüber ist noch wichtiger. Der Dialog, den wir beispielsweise über eine Kulturveranstaltung im Ausland mit unseren dortigen Partnern führen, scheint mir bedeutender als die Veranstaltung selbst. Wer miteinander spricht, schießt normalerweise nicht aufeinander. Dieses Immer-im-Gespräch-Bleiben ist wahrscheinlich der eigentliche Zweck von Kulturaustausch – ein unglaublicher Beitrag, den man gar nicht überschätzen kann.

Die Digitalisierung macht den Austausch immer mehr ohne Mittler möglich. Wenn Postämter und Buchhandlungen zunehmend ihre Funktion verlieren, was heißt das dann für Kulturmittler wie das Goethe-Institut?

Wir haben auf jeden Fall nicht mehr das Monopol für den Kulturaustausch wie vielleicht noch vor 50 Jahren, als es für einen deutschen Künstler sehr schwer war, ins Ausland zu kommen. Aber ich bin überzeugt, dass wir auch im digitalen Zeitalter noch eine Existenzberechtigung haben, denn die persönlichen Begegnungen, die wir ermöglichen, sind durch nichts zu ersetzen.

Wer kann den an den persönlichen Begegnungen in Weimar teilnehmen? Ist das Kultursymposium eine geschlossene Gesellschaft?

Überhaupt nicht. Wir haben zwar viele Teilnehmer eingeladen und auch Reisestipendien vergeben. Aber darüber hinaus kann sich jeder Interessierte einfach anmelden.

Dieses Jahr ist ja nur der Auftakt. Künftig wird es alle zwei Jahre ein Kultursymposium geben. Was wird uns künftig in Weimar erwarten?

Darüber machen wir uns später Gedanken. Jetzt konzentrieren wir uns erstmal auf dieses Jahr.

-db-