Jahrbuch 2015/2016 Fokus Flucht

Heute erscheint das neue Jahrbuch des Goethe-Instituts – mit dem Fokus-Thema Flucht. Auf dem Bild: Ein Konzert in einem Flüchtlingscamp in Istanbul 2015
Heute erscheint das neue Jahrbuch des Goethe-Instituts – mit dem Fokus-Thema Flucht. Auf dem Bild: Ein Konzert in einem Flüchtlingscamp in Istanbul 2015 | Credit: Enis Yücel

Migration und Flucht sind zentrale Themen für das Goethe-Institut. Nichts hat das vergangene Jahr derart bestimmt wie die weltweite Situation von Menschen auf der Flucht. Deshalb liegt darauf der Fokus des aktuellen Jahrbuchs, das heute erscheint. Zum Weltflüchtlingstag gibt dieser Beitrag Einblicke in das Engagement des Goethe-Instituts für Flüchtlinge – sowohl in Deutschland als auch in den Herkunftsregionen.

Die weltweite Situation von Menschen auf der Flucht hat die politische Landschaft in Deutschland und Europa verändert. Sie hat eine Hilfs- und Aufnahmebereitschaft zu Tage gebracht, die in diesem Ausmaß wohl niemand erwartet hätte. Und sie hat Ängste und Sorgen bei vielen Menschen erzeugt, die fürchten, dass die damit einhergehenden Herausforderungen unser Land überfordern könnten.
 
Die anstehenden Aufgaben sind jeder Mühe wert. Das Goethe-Institut mit seinen weltweit 159 Standorten, zwölf davon in Deutschland, kann einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Flüchtlingssituation leisten. Das gilt sowohl für die Integration der Geflüchteten in die deutsche Gesellschaft als auch für kulturelle Initiativen in den Krisengebieten selbst. So ist das Goethe-Institut beispielsweise in Flüchtlingslagern nahe der syrischen Grenze in der Türkei, im Libanon und Jordanien mit Bildungs- und Förderprogrammen für Kinder und Jugendliche tätig. Zusammen mit vielen anderen Partnern will es helfen, zu verhindern, dass hier eine verlorene Generation heranwächst.
 
Bratislava – Ausstellung „Die Angst vor dem Unbekannten“ Bratislava – Ausstellung „Die Angst vor dem Unbekannten“ | Foto: Zuzana Štibranyiova Das Goethe-Institut hat wie wenige andere Institutionen Erfahrung im Rechnen mit vielen Variablen. Zahlreiche Goethe-Institute arbeiten in Ländern mit schwierigen Rahmenbedingungen – von Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit über Klima- und Umweltprobleme bis zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Gleichzeitig beobachten unsere Gastländer sehr genau, wie Deutschland in der aktuellen Flüchtlingssituation handelt, wie es um seine Bereitschaft steht, die eigene Politik kritisch zu diskutieren und wie es mit den Kontroversen im eigenen Land umgeht.
 
Die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen in unseren Gastländern ist ein zentrales Anliegen, das nur gelingen kann, wenn wir selbst glaubwürdig, partnerschaftlich und lernbereit auftreten. Auf diese Weise ist das Goethe-Institut in vielen krisenhaften Regionen Vermittler, Partner, Anlaufstelle und Organisator in einem geworden. Es greift dabei auf seine jahrzehntelange internationale Expertise zurück, die es in der aktuellen Fluchtsituation zu einem konstruktiven Akteur macht, der einen spezifischen Beitrag leisten kann.
 
Sprache ist der Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe
 
Ohne Sprachkenntnisse haben Geflüchtete kaum eine Chance, sich in Deutschland zurechtzufinden. Die Sprache ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer haben sich bereitgefunden, Geflüchteten Grundlagen der deutschen Sprache beizubringen. Das allerdings ist leichter gesagt als getan. Das Goethe-Institut mit seiner langen Erfahrung im Bereich „Deutsch als Fremdsprache“ hat deshalb 2015 begonnen, ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen und Flüchtlingshelfern Kurse anzubieten, in denen sie lernen, wie sie Geflüchtete beim Deutschlernen unterstützen können. Für sie wurde außerdem eine Online-Informationsreihe bereitgestellt, die in die Grundlagen der Spracharbeit einführt und beim Sprachenlernen mit Flüchtlingen häufig auftretende Fragen beantwortet.
 
Deutschland – Ausflug in den Bundestag während eines Deutschkurses für Asylsuchende Deutschland – Ausflug in den Bundestag während eines Deutschkurses für Asylsuchende | Foto: Anne Schönharting / Agentur Ostkreuz Das Handy muss für Flüchtlinge nicht nur die Nabelschnur zur Heimat sein. Gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Bundesagentur für Arbeit und dem Bayerischen Rundfunk hat das Goethe-Institut die App „Ankommen“ entwickelt. Mit ihrer Hilfe werden Neuankömmlinge nach der Ankunft in Deutschland in die Lage versetzt, sich verständlich zu machen und zum Beispiel im Verkehr, beim Arzt und gegenüber Behörden besser zurechtzukommen. Sie wurde inzwischen mehr als 135.000 Mal heruntergeladen, das vom Goethe-Institut verantwortete Sprachprogramm in der App wurde von der Stiftung Warentest ausgezeichnet.
 
Deutschland mit Untertiteln
 
In Flüchtlingsunterkünften bot das Goethe-Institut Kindern und Jugendlichen Deutschkurse an, um die Wartezeit bis zur regulären Aufnahme in Schulen und Willkommensklassen sinnvoll zu überbrücken. Dabei wurden ihnen auch Eigenheiten der neuen Umgebung vermittelt, die ohne Übersetzung nicht leicht zu verstehen sind. Genau das, ein Deutschland mit Untertiteln, bietet das Projekt „Cinemanya“ an: ein Koffer mit arabisch untertitelten deutschen Filmen, die Kindern und Jugendlichen in den Flüchtlingsheimen und Kulturzentren dabei helfen, die hiesigen Eigenheiten, Lebensweisen und Wertvorstellungen zu verstehen. Beide Programme wurden finanziell von der Japan Art Association großzügig unterstützt.
 
Zur Integrationspolitik gehören auch Projekte wie „Muslimische Gemeinden als kommunale Akteure“ oder die „Interkulturelle Qualifizierung von Imamen“ – Initiativen, die die politische, landeskundliche und soziale Fortbildung in den islamischen Gemeinden vertiefen. Noch nicht finanziert, aber dringend geboten ist ein Programm, mit dessen Hilfe hochqualifizierte Flüchtlinge schneller in Deutsch geschult werden könnten, um ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern.
 
Traumabearbeitung durch Kulturarbeit
 
All diese Projekte helfen dabei, den Geflüchteten Perspektiven für ein Leben in Deutschland zu geben, sich nicht abzukapseln, sondern Beziehungen zu ihrer neuen Umgebung aufzubauen. Doch das Goethe-Institut macht mehr. Es trägt auch im Ausland dazu bei, dass unter schwierigen Bedingungen neue Perspektiven entstehen können.
 
Unter anderem in der Türkei, im Libanon, in Jordanien, Ägypten, Griechenland und der Slowakei engagiert sich das Goethe-Institut auf verschiedenste Weise: In der Absicht, traumatisierten Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, Abstand zu gewinnen und neuen Mut zu fassen, erzielt man im türkischen Lager Mardin nahe der syrischen Grenze mit Mitteln der Zirkuspädagogik erstaunliche Erfolge. Etliche Artistengruppen, darunter eine bayerische Gruppe von Stelzenläufern, bringen die Jugendlichen auf neue Gedanken und vermitteln ihnen positive Erfahrungen im Austausch mit fremden Kulturen. Es muss ein wunderbares Gefühl sein, sich nach all den erlebten Demütigungen einen Meter fünfzig über den anderen Menschen fortzubewegen.
 
Beirut – Kulturproduktionsfonds Beirut – Kulturproduktionsfonds | Foto: Simone Perolari Mit Stipendien aus dem „Kulturproduktionsfonds“ ermöglicht das Goethe-Institut syrischen Künstlerinnen und Künstlern, die in den umliegenden Ländern Zuflucht gefunden haben, ein Weiterarbeiten und vernetzt sie mit der deutschen Kulturszene.
 
Auf Initiative des Goethe-Instituts tauschen deutsche und libanesische Lehrerinnen und Lehrer bei wechselseitigen Besuchen ihre Erfahrungen mit der Integration von Flüchtlingskindern aus, eine Fotoausstellung in Athen dokumentiert die Flüchtlingsrouten, eine Veranstaltungsreihe in Bratislava belebt die Auseinandersetzung mit den Problemen der europäischen Flüchtlingspolitik.
 
All das mag im Einzelnen aussehen wie Tropfen auf einen sehr heißen Stein. Aber in der direkten Begegnung zwischen Menschen verändert sich die Welt. Das Goethe-Institut lehrt und lernt. Zusammengenommen vernetzen all seine Projekte Menschen in der ganzen Welt. Es verfügt über vielfältige Erfahrungen, wie man die Begegnung zwischen unterschiedlichen Kulturen fruchtbarer, friedlicher und gewinnbringender gestalten kann. Auch in Extremsituationen. Auch auf der Flucht.



Der Fotojournalist Nikos Pilos hat für das Goethe-Institut Athen seit 2015 Menschen auf der Flucht fotografiert – auf den griechischen Inseln Kos und Lesbos, in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze und auf der Balkanroute. Hier kommentiert er seine Bilder.
 

  • „Eine syrische Frau flüchtet, nachdem die mazedonische Polizei Tränengas gegen hunderte irakische und syrische Migrantinnen und Migranten einsetzte, die versuchten, den griechischen Grenzzaun in Idomeni zu durchbrechen, Februar 2016.“ Credit: Nikos Pilos Credit: Nikos Pilos
    „Eine syrische Frau flüchtet, nachdem die mazedonische Polizei Tränengas gegen hunderte irakische und syrische Migrantinnen und Migranten einsetzte, die versuchten, den griechischen Grenzzaun in Idomeni zu durchbrechen, Februar 2016.“
  • „Eine afghanische Mutter versucht, ihr Kind und sich vor den Konflikten mit der Polizei mit den Migrantinnen und Migranten, die auf Registrierung im Flüchtlingslager in der Nähe des Dorfes Moria auf Lesbos warten, zu schützen, 2015.“ Credit: Nikos Pilos Credit: Nikos Pilos
    „Eine afghanische Mutter versucht, ihr Kind und sich vor den Konflikten mit der Polizei mit den Migrantinnen und Migranten, die auf Registrierung im Flüchtlingslager in der Nähe des Dorfes Moria auf Lesbos warten, zu schützen, 2015.“
  • „Kurz nach seiner Ankunft auf Lesbos versucht ein syrischer Flüchtling auf die Hauptstraße zu gelangen.“ Credit: Nikos Pilos Credit: Nikos Pilos
    „Kurz nach seiner Ankunft auf Lesbos versucht ein syrischer Flüchtling auf die Hauptstraße zu gelangen.“
  • „Ein Frontex-Hubschrauber über einem Flüchtlingsboot, das gerade die Nordküste von Lesbos erreicht hat, September 2015.“ Credit: Nikos Pilos Credit: Nikos Pilos
    „Ein Frontex-Hubschrauber über einem Flüchtlingsboot, das gerade die Nordküste von Lesbos erreicht hat, September 2015.“
  • „Flüchtlinge drängen sich in einen Bus, der zum Bahnhof Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze fährt, September 2015.“ Credit: Nikos Pilos Credit: Nikos Pilos
    „Flüchtlinge drängen sich in einen Bus, der zum Bahnhof Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze fährt, September 2015.“
  • „Ein Kind aus Afghanistan im Flüchtlingslager von Eleonas, Athen.“ Credit: Nikos Pilos Credit: Nikos Pilos
    „Ein Kind aus Afghanistan im Flüchtlingslager von Eleonas, Athen.“