Seitenwechsel Ein deutsch-polnischer Rollentausch

Seitenwechsel
Seitenwechsel | © Goethe-Institut e.V.

Was passiert, wenn die Leiterin des Polnischen Instituts in Berlin und der Leiter des Goethe-Instituts in Warschau ihre Arbeitsplätze tauschen? Katarzyna Wielga-Skolimowska und Georg Blochmann haben das Experiment gewagt und berichten, was sie dabei dabei erleben.

Wer bisher daran gezweifelt hat, dass es Fußballgötter gibt, sollte spätestens seit der Auslosung der Spielpaarungen für die aktuelle EM eines Besseren belehrt sein: Deutschland - Polen am Vorabend des 25. Jahrestags der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags über gute Nachbarschaft! Und dann auch noch das 0:0 unentschieden! Ist das nicht der beste Beweis, dass wir in der gleichen Liga spielen?

Katarzyna Wielga-Skolimowska, die Leiterin des Polnischen Instituts in Berlin, und Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts in Warschau, wissen das schon länger, genaugenommen, seit sie sich vor fast zehn Jahren in Tel Aviv kennenlernten. Sie bereitete damals gerade das polnisch-israelische Kulturjahr vor, er leitete das Goethe-Institut, und schnell stellten sie fest, dass ihre Vorstellungen von dialogischer Kulturarbeit geradezu identisch waren. Was lag da näher, als dass er danach nach Warschau ging und sie das Polnische Institut in Berlin übernahm.

Es ist Zeit, dachten sie im vergangenen Jahr, 2016 zum Vertragsjubiläum einen Schritt weiter zu gehen: „Wir tauschen einfach unsere Jobs“, beschlossen sie, „und rollen den Kulturdialog von der jeweils anderen Seite auf. Was ist uns wichtig in unseren Gastländern? Wo sehen wir Signifikantes aufscheinen? Kann so ein Rollentausch überhaupt funktionieren? Sind wir uns wirklich so nahe gekommen als Nachbarn in Europa?

Paralleles Programm in Warschau und Berlin

Seitenwechsel-Plakat in der Berliner U-Bahn Seitenwechsel-Plakat in der Berliner U-Bahn | Foto: Franziska Bauer Sie haben es einfach versucht. Unter dem Titel Seitenwechsel – Zamiana miejsc ist so in den letzten Monaten ein aufregendes Programm entstanden, das vom 18. bis zum 29. Juni parallel in Berlin und Warschau ablaufen wird. Es besteht aus Koproduktionen, die in beiden Instituten gezeigt werden, Kooperationen und Spiegelungen. Manch Überraschendes trat zutage, beispielsweise, dass die Fluchttreppenhäuser beider Institute ziemlich ähnlich sind.

So wurde gemeinsam eine Klanginstallation in Auftrag gegeben, bei Wojtek Blecharz, einem aufgehenden Stern unter den jungen polnischen Komponisten, und dem Berliner Künstler Karl-Heinz Jeron. Den Solopart der dreistündigen Performance mit dem Titel AXIS hat der Tel Aviver Cellist Dan Weinstein. AXIS hat das Programm am 18. Juni in Warschau eröffnet und beschließt die Veranstaltungen in Berlin. Die Klanginstallation markiert beide Institute als offene Orte kultureller Begegnung in den beiden Hauptstädten. Vom Innen geht es nahtlos ins Außen.

Vor den Instituten in Berlin und in Warschau sind identische Tische aufgebaut, die der Recycling-Designer Jan Körbes entworfen hat. Dort laden die Direktoren zum Gespräch mit ihren Gästen ein, zum Essen und Trinken auch, zur Begegnung jedenfalls. Reden will Georg Blochmann in Berlin beispielsweise mit der Stadtaktivistin Bogna Świątkowska von der Stiftung Bęc Zmiana und dabei der Frage nachgehen, was Warschau so besonders macht, und mit der Sängerin und Instrumentalistin Gaba Kulka, deren mitreißende Mischung aus Jazz, Pop und Lied dort ihre Wurzeln hat. Am Tisch wird man gemeinsam im Portfolio des bekannten Fotografen Wojtek Wieteska blättern und mit der jungen Theatermacherin Agnieszka Jakimiak der Frage nachgehen, was Polen und Island verbindet.

Experten an Recycling-Tischen

Die Auswahl der Gäste folgte einem einfachen Prinzip: Sie sollen dafür stehen, was aus der ganz persönlichen Sicht der beiden Institutsleiter die Städte ausmacht, in denen sie zur Zeit leben und arbeiten, Spezifika Berlins und Warschaus im 21. Jahrhundert. Für die Protagonisten wurden in der jeweils anderen Stadt Gesprächspartner gesucht, die ihre Erfahrungen dem lokalen Publikum näherbringen und sie übertragen können.

So trifft Tobias Rapp, Musikjournalist für den Spiegel, auf Bartek Chacinski von der Zeitschrift Polityka, um die Parallelen und Unterschiede in der Entwicklung der populären Kultur in Polen und in Deutschland zu erörtern. Murat Suner von 60 pages und Agnieszka Wojcinska von Rekolektyw, Journalistenkollektiven, beschäftigen sich mit den Veränderungen im Journalismus und stellen konkrete mögliche Zukunftsmodelle aus der eigenen journalistischen Arbeit vor. Jan Körbes von refunc.nl, der den Tisch entworfen hat, an dem alle sitzen, und auf Recycling spezialisiert ist, spricht mit Malgorzata Kuciewicz von der Architektengruppe Centrala über einen verantwortungsvollen Umgang mit Materialien.

Kochen und Diskutieren

Conflict Food: Mit Ayham Majid Agha, Olga Grjasnowa, Agnieszka Walter-Drop, Joachim Bleicker und Dagna Jakubowska Conflict Food: Mit Ayham Majid Agha, Olga Grjasnowa, Agnieszka Walter-Drop, Joachim Bleicker und Dagna Jakubowska | © Grzegorz Karkoszka Und natürlich darf Essen, Trinken und Kochen an solch einem Tisch nicht fehlen. Ayam Majid Agha, Berliner syrisch-armenisch-tschetschenischer Herkunft spielt am Berliner Maxim-Gorki-Theater, für das er auch seine interaktive Koch-Show Conflict food entwickelte. Am Eröffnungswochenende in Berlin diskutierte er in diesem Format mit Agnieszka Walter-Drop und Joachim Bleicker, beide Experten in polnisch-deutschen Beziehungen, über Spannung und Annäherung. Dagna Jakubowska, Spezialistin in Politik der Küche, erzählte eine kurze Geschichte der grenzüberschreitenden Migration verschiedener Unkräuter in Europa. Alles spielte sich vor dem hinreißenden Hintergrund der Museumsinsel und des Berliner Doms ab und wird am Wochenende darauf in Warschau vor dem Goethe-Institut stattfinden.

Erste Schritte als neuer Institutsleiter machte Georg Blochmann wortwörtlich bei einem Parcours durch das Gebäude des Polnischen Instituts, einer von Büro Milk entwickelten Performance, in der die 60-jährige Geschichte des Instituts durch Augen der Mitarbeiter und Besucher aus Ost und West geschildert wurde. Ein perfekter Einstieg in Leitungswechsel. In Warschau ist derweil alles im „grünen Bereich“. Katarzyna Wielga-Skolimowska erkundet als erstes die neue Bibliothek des Goethe-Instituts, ein Projektraum und Begegnungsraum, der sich derzeit dem Thema „Grüne Stadt“ widmet. Der Recycling-Tisch vor der Tür ist die logische Erweiterung dieses Raumes und seiner Funktion als Treffpunkt und Plattform der Verständigung.

Polen und Deutschland, Warschau und Berlin, Goethe-Institut und Polnisches Institut – das Ganze ist mehr als nur die Summe seiner Teile.

Von Katarzyna Wielga-Skolimowska und Georg Blochmann