Residenz New York Zwischen Garküchen, Concept Stores und New Museum

Eröffnung der Ausstellung Natural Flavor in der Ludlow Street 38: Die junge Kunstszene belebt das Viertel
Eröffnung der Ausstellung Natural Flavor in der Ludlow Street 38: Die junge Kunstszene belebt das Viertel | © Gareth Smith / Goethe-Institut New York

Christoph Bartmann hat sich mit den beiden Kuratorinnen in residence, Vivien Trommer und Nina Tabassomi, zu einem Spaziergang in Manhattans hipstem Viertel getroffen, der Lower East Side. Ein Gespräch über Kunstszenen und Kunsträume, Projekte und Pioniere und über den Wandel des Stadtteils. Beide Frauen haben für das Ludlow 38 gearbeitet – die Adresse hat sich herumgesprochen, speziell in Chinatown. Es ist einer der ersten Projekträume im Quartier, für den das Goethe-Institut gemeinsam mit BMW/MINI Stipendien vergibt.

Dort, im ehemaligen Milchladen in der Ludlow Street 38, haben wir uns mit Vivien Trommer und ihrer Nachfolgerin, Nina Tabassomi, zu einem Gang durch die Umgebung verabredet. Am Abend zuvor hat hier Trommers letzte Eröffnung stattgefunden, wie immer waren viele Leute da. Inspiriert von der Funktionsweise deutscher Kunstvereine und getragen von zwei langfristig engagierten Geldgebern kann der Projektraum sich Dinge leisten, die hier sonst schwierig sind. Ludlow 38 muss kein Geld einspielen. Die Künstler und Künstlerinnen schätzen das, es bleibe die Freiheit zum Experimentieren, sagt Vivien Trommer. In einem Land, in dem Kultur sich vorwiegend selbst finanzieren muss, macht das Ludlow 38 die Vorzüge öffentlicher und privater Kulturförderung sichtbar. „Anders als etwa in Berlin, wo man bei gefühlt 100.000 Projekträumen schon mal den Überblick verlieren kann“, sagt Tabassomi, „gibt es in Manhattan nicht viele Orte, an denen es die Möglichkeit gibt, ein experimentelles und nicht-kommerzielles Programm zu realisieren.“

Beim Gang durch Chinatown versteht man schnell, warum dies jetzt der Ort ist, an dem alle leben und arbeiten wollen. Noch schaut man durch manche Hauseingänge in fremde, dunkle Welten, aber gleich neben dem 99-Cent-Shop haben sich jetzt Concept Stores und Coffee Shops eingerichtet und viele neue Galerien. Wir steigen eines der typischen Treppenhäuser, die früher einmal Sweat Shops mit Arbeiterwohnungen verbanden, hoch zu Gavin Brown‘s Enterprise. Ein lichter, hoher Raum mit zwei langen Fensterzeilen und prächtigem Ausblick, der Wohnungsneid auslöst, mit dem der Chelsea-Großgalerist Gavin Brown den Anschluss an die junge Szene sucht.

Chinatown Chinatown | © Jacobia Dahm / Goethe-Institut New York Gekonnt spielt der Galerist mit der Lust des Publikums auf diesen großzügigen Raum und diese Aussicht. Die Kunst spielt dann nur eine Nebenrolle. Browns Chinatown-Galerie kündet vom Willen der etablierten Kräfte, die Lower East Side nicht den Hipstern zu überlassen. Von den neuen Galeristen will hier keiner mehr weg. Alle hoffen, sich den Standort noch eine Weile leisten zu können. Seit 2011, als sie in Chinatown anfing, erzählt die aus Wien stammende Simone Subal, habe sich ihre Galeriemiete bereits verdoppelt. Wenn es hier nicht mehr bezahlbar bleibe, bleibe in New York nicht viel übrig. Das viel gepriesene Brooklyn sei in manchen Gegenden noch teurer, liege aber zu weit entfernt, jedenfalls für die Sammler. Ohne Sammler geht nichts und die wohnen nun einmal in den geldnahen Bezirken TriBeCa und Upper East Side.

Trotz aller kommerziellen Zwänge herrscht unter den Galeristen auf der Lower East Side ein besonderer Gemeinschaftsgeist, erzählt Subal. Man kennt sich, hilft sich und gönnt einander das Überleben.

Kein besserer Ort für die Kunst

Fast schon überstrapaziert ist in der Kunstwelt die Idee, dass Kunstwerke und Ausstellungen site specific sein sollen, also bezogen auf die räumliche und historische Situation des konkreten Orts. In Chinatown liegt das besonders nahe. Die Gegend war und ist in Teilen noch immer berüchtigt für ihre Textil-Manufakturen, was läge also näher als künstlerische „Recherchen“ zum Generalthema Ausbeutung? Auch das Ludlow 38 hat sich mit solchen Phänomenen beschäftigt, aber Vivien Trommer hat einen anderen Weg eingeschlagen.

Die beiden Kuratorinnen Vivien  Trommer und Nina Tabassomi vor Kay Rosens Arbeit  „This  means war ...“ an der Fassade  der Galerie Ludlow 38 Die beiden Kuratorinnen Vivien Trommer und Nina Tabassomi vor Kay Rosens Arbeit „This means war ...“ an der Fassade der Galerie Ludlow 38 | © Jacobia Dahm / Goethe-Institut New York In dem sich rapide wandelnden Viertel sei der Geist des Ortes, sagt sie, in nur einem Jahr nicht mehr verständlich. Statt die Gentrifizierungskritik voranzutreiben, haben sie und ihre Künstler sich mit anderen, nicht weniger politischen Themen beschäftigt: mit Selbstoptimierung, Schusswaffenkontrolle und dem Klimawandel. „Warming“ stand unübersehbar das ganze Jahr hindurch in großen Lettern auf einem gelben Schild über dem Eingang, eine Arbeit von Kay Rosen.

Später schauen wir noch bei Prem Krishnamurthy in seinem Kunstraum P! vorbei. Prem, der fließend Deutsch spricht und sich nebenbei sehr für DDR-Design interessiert, ist ein anderer Pionier der Chinatown-Kunstszene. P! ist alles auf einmal, Projektraum, Galerie, „Mom- and Pop-Kunsthalle“. Gerade hat Prem wunderschöne, farbige Postkarten von Vahap Avşar aus dem Istanbul der Siebzigerjahre ausgestellt, die man einfach mitnehmen und zum Bedauern mancher Besucher nicht kaufen kann. Am Ende unseres Spaziergangs sitzen wir noch auf einen Kaffee im New Museum auf der Bowery.

Früher einmal war das die armseligste Meile von New York, jetzt findet man hier in krassem Kontrast Obdachlosenasyle neben post modernen Museumsbauten. Wie das New Museum, das 2007 an die Bowery zog und mit seinem spektakulären Neubau aus Container-Elementen das Startsignal für alles gab, was hier jetzt angesagt ist. Nichts wird in dieser Gegend bleiben, wie es ist, aber in diesem Moment, finden die beiden Kuratorinnen übereinstimmend, kann man sich für die Kunst kaum einen besseren Ort denken.



Vivien Trommer Vivien Trommer | © Jacobia Dahm / Goethe-Institut New York Vivien Trommer, geboren 1986 in Berlin, studierte Curatorial Studies an der Städelschule und der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. 2012 bis 2014 arbeitete sie als kuratorische Assistentin an der Kunsthalle Wien. Im Ludlow 38 kuratierte sie 2015 Einzelausstellungen mit u. a. Anna Sophie Berger und Zuzanna Czebatul sowie die Gruppenausstellung „Natural Flavor“.

Nina Tabassomi Nina Tabassomi | © Jacobia Dahm / Goethe-Institut New York Nina Tabassomi, geboren 1977 in Berlin, war zuletzt als Kuratorin am Fridericianum in Kassel tätig, wo sie u. a. die erste Einzelausstellung von Maha Maamoun weltweit und die erste von Eric Baudelaire in Deutschland verantwortete. Von 2011 bis 2013 war sie Projektleiterin am Berliner KW Institute of Contemporary Art und hat davor kuratorisch an der Überblicksausstellung „Based in Berlin“ mitgearbeitet.

Christoph Bartmann Christoph Bartmann | © Jacobia Dahm Christoph Bartmann arbeitet seit 1988 beim Goethe-Institut mit Stationen in München, Santiago de Chile, Düsseldorf, Prag und Kopenhagen. Zurzeit leitet er das Goethe-Institut New York und die Region Nordamerika. Als Literaturkritiker schreibt er für die „Süddeutsche Zeitung“, „Literaturen“, „Die Presse“ und den Deutschlandfunk. Im Hanser Verlag erschien von ihm zuletzt 2012 „Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten“.