Reinhard Kleist „Ich habe viel Zeit damit verbracht, Leute zu beobachten“

Eine Apotheke in Hanoi
Eine Apotheke in Hanoi | © Reinhard Kleist

Comic-Künstlerinnen und Comic-Künstler aus Deutschland geben an den Goethe-Instituten weltweit Workshops und zeigen ihre Arbeiten. Einer von ihnen ist Reinhard Kleist. 2015 arbeitete er an den Goethe-Instituten in Krakau, Minsk und Hanoi. Was er dort beobachtet hat, zeigen seine Skizzen und Notizen. Diesen und andere Texte finden Sie im Jahrbuch des Goethe-Instituts 2015/2016 oder zum Download unter goethe.de/publikationen.


VIETNAM

Reinhard Kleist Reinhard Kleist | © Reinhard Kleist Im Mai war ich auf Einladung des Goethe-Instituts in Hanoi und Saigon, um Workshops zu geben, Live-Drawing-Events zu machen und Zeichnungen für die Website anzufertigen. In den Workshops habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Meine Herangehensweise ist, alltägliche Situationen zeichnen zu lassen, die etwas über die Lebenssituation im Land erzählen. So erfahre ich viel über die Realität in dem jeweiligen Land, über das Leben, von dem ich sonst nicht viel mitbekomme, aber auch über den gesellschaftlichen Druck, dem viele junge Künstler ausgesetzt sind.

Hanoi Hanoi | © Reinhard Kleist Mein schönstes Erlebnis war eine Comic-Zeichenstunde in einer Schule für Straßenkinder in Saigon. Auch wenn wir über das Üben von Figuren kaum hinausgekommen sind, war es ein großesVergnügen für mich, zu beobachten, was für eine universelle Sprache das Zeichnen ist.

Live Drawing ist etwas, das ich mittlerweile schon mit verschiedensten Bands an vielen Orten in der Welt gemacht habe. Ich zeichne zu jedem Song, den eine Band spielt, ein Bild. Das sieht dann das Publikum per Beamer. In Vietnam konnte ich es dreimal zu Musik von Johnny Cash machen. Man glaubt gar nicht, wie beliebt Cash in Vietnam ist!

Ich habe viel Zeit damit verbracht, die Leute zu beobachten, die in den lauten und stickigen Straßen ihrem Tagewerk nachgingen. Was verkauft der Apotheker da alles in seinen Gläsern und Schubladen? Was haben die Frauen mit den Strohhüten in ihren Fahrradkörben? Was machen die Leute da in den Tempeln? Wie lässt es sich in diesen ausufernden Städten mit ihren lärmenden, überfüllten und chaotischen Straßen leben? Und wie ist das mit dem Kommunismus in einer Stadt, die manchmal so mörderisch kapitalistisch anmutet?

Hanoi Hanoi | © Reinhard Kleist Fragen, auf die ich auch nach einem Monat keine richtige Antwort fand. Aber genug Material, um am Straßenrand zu sitzen und zu versuchen, das Treiben mit dem Zeichenstift einzufangen. Bisweilen ein frustrierendes Erlebnis. Die Realität ist oft rauschhafter, überwältigender und flüchtiger, als man es auf dem Papier einfangen kann. Also hätte ich es besser öfter so machen sollen, wie die vielen älteren Damen und Herren, die man auf den kaum vorhandenen Bürgersteigen sitzen sieht und das wundervolle Chaos in aller Ruhe betrachten.

MINSK

Die Stadt erscheint auf den ersten Blick grau und kalt. Als ich dort war, um Workshops zu geben und ein Live-Drawing-Event zu machen, war es Februar und beim Zeichnen sind mir die Finger vor Kälte steif geworden. Aber die Stadt entwickelte irgendwann einen unheimlichen Charme. Sogar die sozialistischen Reliefs, von den Minskern „Robocops“ genannt. Mein Lieblingscafé ist das Café Central in der Nähe vom Kaufhaus GUM. Dort steht man am Fenster und trinkt seinen Kaffee oder ein Bier und schaut dem Treiben auf dem Prachtboulevard zu. Und wenn man weiter Richtung Osten marschiert, vorbei an den Wache stehenden Soldaten, kommt man in die Nähe der beeindruckenden Markthalle. Für die Minsker sind die Temperaturen vielleicht normal, sie stehen den ganzen Tag lang mit ihren Waren an der Straße. Für mich nicht.

Minsk Minsk | © Reinhard Kleist Bei den Workshops mit weißrussischen Studenten und Zeichnern stellte ich die Aufgabe „Erzählt mir etwas über euren Alltag!“. Im Vordergrund aller Workshops, die ich bisher in so vielen Ländern leiten durfte, stand immer die unterschiedliche Herangehensweise an das Erzählen. Mein geradliniges, professionelles Erzählen prallte dabei oft auf die ungebändigte Erzählwut der Studenten, und Verständnisschwierigkeiten mussten mit sanften Kompromissen aus dem Weg geräumt werden. Ein Beispiel: Im Comic arbeitet man viel mit Symbolen. Die Symbole haben aber nicht in allen Ländern die gleiche Bedeutung. In Indonesien zum Beispiel zeichnete ein Student eine Person, die einen Totenschädel mit der Zunge berührt. Ein Bild, das ich sehr verstörend fand. Es kam aber heraus, dass es für ihn etwas völlig anderes bedeutete als für mich: nämlich, dass man etwas über die Vergangenheit herausfinden möchte, indem man es schmeckt.

Minsk Minsk | © Reinhard Kleist Beeindruckt waren die Studenten immer wieder von der Möglichkeit, in Deutschland ein Publikum auch für ambitionierte Comic-Projekte zu finden. Das ist in Ländern wie Weißrussland nicht der Fall. Doch wenn ich zurückdenke, war es in Deutschland vor 15 Jahren auch nicht einfach. Da hat sich viel geändert. Und immer wieder ist es schön zu sehen, die Probleme sind überall dieselben, wie unterschiedlich die politischen Systeme auch sind, und aus einer Geschichte über den chaotischen Tagesanfang einer Studentin entwickelt sich schnell eine Erzählung über den unzulänglichen Personennahverkehr und den Druck, der auf jungen Menschen in einem leistungsorientierten System lastet.

KRAKAU / BIRKENAU

Birkenau Birkenau | © Reinhard Kleist Im Frühjahr 2015 war ich auf Einladung des Goethe-Instituts in Krakau, um im Rahmen einer Graphic-Novel-Woche einen Vortrag über meine Arbeit als Comic-Zeichner zu halten. Den Aufenthalt habe ich genutzt, um das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu besuchen. Dort war auch der Boxer Hertzko Haft gefangen, über den ich einen Comic gemacht habe („Der Boxer“, Hamburg 2012). Als ich am Bahnhof des Lagers stand, stellte ich mir vor, wie er dort angekommen sein muss. Ich habe ein paar Zeichnungen angefertigt. Das Wetter war schön, die Vögel zwitscherten. Vielleicht war es genau so, als er im Waggon eingepfercht diesen grauenvollen Ort erreicht hat und noch nicht wusste, was ihn erwarten würde.