Publikumspreis Mein Ort in Deutschland

1.200 Menschen aus 100 Ländern haben am Wettbewerb „Mein Ort in Deutschland“ teilgenommen und Geschichten über ihre deutschen Lieblingsorte verraten.
1.200 Menschen aus 100 Ländern haben am Wettbewerb „Mein Ort in Deutschland“ teilgenommen und Geschichten über ihre deutschen Lieblingsorte verraten. | Foto: rubinmedia © Goethe-Institut 2016

Eine Liebesgeschichte aus Augsburg hat den Publikumspreis des internationalen Wettbewerbs „Mein Ort in Deutschland“ gewonnen. Das Goethe-Institut hatte online nach Lieblingsorten in Deutschland gesucht. Dabei sind 1.200 Geschichten aus 100 Ländern zusammengekommen. Wir stellen drei Orte vor – neben der Unibibliothek in Augsburg eine Straßenecke in Berlin-Neukölln und einen Uhrenpark im Schwarzwald.

Die Texte von Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden, konnten seit dem Start von „Mein Ort in Deutschland“ im Februar 2016 auf Deutsch oder in der Landessprache eingereicht werden. Sie sind auf einer interaktiven Deutschlandkarte der Website verortet. Eine sechsköpfige Fachjury, zu der Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik gehören, wählte die zehn herausragendsten Beiträge aus. In der anschließenden Online-Abstimmung hatte das Publikum die Möglichkeit, seinen Favoriten zu küren und damit den Hauptgewinn zu vergeben.

Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts und Mitglied der Jury: „Wir haben uns sehr über die zahlreichen und originellen Wettbewerbsbeiträge gefreut. Sie zeigen das große Interesse an unserem Land in ganz unterschiedlichen Facetten. Die Blicke aus der Welt auf Orte in Deutschland sind geprägt von Sympathie und Zuneigung, sie spiegeln Geschichte und Gegenwart Deutschlands und fördern ganz neue Perspektiven auf uns bekannte Orte. Der Gewinnerin des Publikumspreises gratuliere ich im Namen des Goethe-Instituts herzlich und wünsche ihr noch viele weitere schöne Erlebnisse in Deutschland.“ Dieu Linh Bui hat den Publikumspreis per Onlineabstimmung gewonnen – und damit eine einwöchige Reise nach Deutschland für zwei Personen an den Ort ihrer Wahl. Alle Finaltexte gibt es auf der Website des Projekts zum Nachlesen.

„Warum findest du mich?“ von Dieu Linh Bui aus Vietnam

Dieu Linh Bui Dieu Linh Bui | Foto: privat „In der Bibliothek der Uni Augsburg gibt es einen Platz neben dem Fenster. Dort schien die Sonne jeden Morgen. Das war sicher ein idealer Platz für mich, als ich am Anfang meines Aufenthalts in Deutschland noch keine Freunde hatte. Augsburg im Herbst war kühler als Südostasien. Ich wollte unter der Sonne sitzen, weil mir ein bisschen kalt war, obwohl ich schon meinen Pullover angezogen hatte. Eines Tages kam ein Junge zu mir. Er fragte mich, ob ich mit ihm den Platz teilen könnte. Ich stimmte zu und las mein Lieblingsbuch weiter. So saßen wir ruhig nebeneinander. Von Tag zu Tag. Beim Mittagessen war es laut und kühl innerhalb der Mensa. Daher aß ich immer auf der Terrasse, wo es warm war und es nicht viele Leute gab.

Plötzlich kam er zu meinem Esstisch. Ich war sehr überrascht und fragte ihn: ‚Warum findest du mich hier?‘ ‚Ganz einfach! Ich suche, wo die Sonne scheint‘ – Er sah mich an. Sein helles Lächeln war wie Sonnenschein und machte mein Herz wärmer. Er verstand sich mit mir sehr gut, noch bevor ich etwas sagte. Dieser Moment ist so süß, dass ich manchmal den Wunsch habe, die Zeit zu stoppen und nach Augsburg zu fliegen, damit wir uns noch einmal kennen lernen können.“

„Das Ende des Abenteurers Mackay“ von Paul Diamond aus Neuseeland
 
Paul Diamond vor der Werbellin Apotheke in Berlin Paul Diamond vor der Werbellin Apotheke in Berlin | Foto: privat „Eine Straßenecke in Neukölln ist für mich besonders, da hier 1929 ein Neuseeländer getötet wurde. Charles Mackay wurde von einem Scharfschützen der Polizei erschossen, als er für eine britische Zeitung über die Mai-Unruhen zwischen Kommunisten und Polizeikräften berichtete. Mackay kam nach Berlin, nachdem er für Furore in Whanganui, einer großen Stadt in der er Bürgermeister war, gesorgt hatte. 1920 hatte Mackay auf einen Erpresser geschossen, der drohte seine Homosexualität öffentlich zu machen, wenn er nicht zurücktrat. Der Erpresser überlebte und Mackay kam ins Gefängnis wegen versuchten Mordes. Nach 6 Jahren wurde er jedoch entlassen, unter der Bedingung Neuseeland zu verlassen. Mackay reiste nach London und erreichte 1928 Berlin.
 
Beide Städte zogen homosexuelle Männer an, aber es ist nicht bekannt, ob dies für Mackay eine Motivation war. Die in Berlin veröffentlichten Nachrufe beschrieben ihn als Abenteurer und Weltenbummler. Immer wenn ich in Berlin bin, versuche ich den unscheinbaren Platz vor der Werbellin Apotheke zu besuchen, an dem das aufregende Leben des Abenteurers Mackay endete.“

„Chronokultur“ von Valentín Di Leone Xavier aus Uruguay
 
Valentín Di Leone Xavier findet seinen Ort in einem Uhrenpark. Valentín Di Leone Xavier findet seinen Ort in einem Uhrenpark. | Foto: privat „Wir Uruguayer sind berühmt für unsere Unpünktlichkeit und ich selbst bin die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ich bin so pünktlich, dass ich immer bereits 30 Minuten zu früh überall ankomme, was mich im Kern auch unpünktlich macht … Das ist aber eine positive Unpünktlichkeit. Seit ich zwölf Jahre alt war sammle ich Uhren und habe im Moment 40 Stück. Diese Sammlung teile ich sehr gerne, denn immer weniger Menschen verwenden aufgrund der vielen Mobiltelefone noch Uhren. So kann ich meine Sammlung in der Mission, die Pünktlichkeit zu verbreiten, mit anderen teilen.
 
Wenn wir Uruguayer unpünktlich sind, dann ist der Rest der Welt ja mit Sicherheit nicht anders, oder? Das glaubte ich, bis ich vor vier Jahren mit einem Deutschkurs begann und eine pünktliche Kultur kennenlernte. Dort erzählte mir meine Lehrerin nun auch noch, dass es in Deutschland einen Park gäbe, der Uhren gewidmet sei, den ‚Eble Uhren Park‘ (solch einen Park könnte es in Uruguay niemals geben). Ein erstaunlicher Ort, aufgrund seiner selbst und aufgrund seines Ursprungs (denn er wurde von einer Uhrmacherfamilie gegründet). Teilte diese Familie vielleicht meine Mission und hatte damit Erfolg?“