Lesereisen Ulla Lenze „Sind Ihre weiblichen Figuren typisch deutsch?“

Ulla Lenze
Ulla Lenze | © privat

In jedem Jahr sind zahlreiche Autorinnen und Autoren auf Lesereisen mit dem Goethe-Institut unterwegs – und tragen so ein aktuelles Deutschlandbild in die Welt. Die Schriftstellerin Ulla Lenze war mit ihrem neuen Roman unter anderem im Irak, in Ägypten und zuletzt in Indien. Dabei hat sie über ihr eigenes „Deutschsein“ nachgedacht. Und ihre Eindrücke aufgeschrieben. Diesen und andere Texte finden Sie im Jahrbuch des Goethe-Instituts 2015/2016 oder zum Download unter goethe.de/publikationen.

Mit einem Roman, der Die endlose Stadt heißt, auf Lesereise zu gehen in Städte, die ebenso endlose Städte sein könnten – wuchernde Megacities zwischen Kairo, Delhi oder Jakarta – das ist, als würde das Netz meines Istanbul-Mumbai-Berlin-Romans noch einmal neu ausgeworfen, und diesmal in der Realität. Und zuweilen geht er, gehe ich ihr ins Netz.

Dem Doppelberuf des Schriftstellers – zwischen der Einsamkeit des Schreibens und dem Exponiertsein des öffentlichen Auftritts – fügt sich im Ausland ein dritter hinzu: Ich bin hier auch Kulturvermittlerin, ja Verkörperung deutscher kultureller Identität: „Sind Ihre weiblichen Figuren typisch deutsch?“ (Yogyakarta) „Was denkt man in Deutschland nach dem Kölner Silvestermob jetzt über den nordafrikanischen Mann?“ (Rabat) „Welche Lösungen haben Sie in Deutschland für die Umweltprobleme?“ (Basra) „Finden Sie nicht, dass der linke Diskurs in Deutschland, der den arabischen Mann verteidigt, unserer feministischen Bewegung in den Rücken fällt?“ (Kairo)

Im Ausland sind die Fragen also zusätzlich mit der Erwartung aufgeladen, anhand meiner Person stichprobenhaft etwas über Deutschland herausfinden zu können. Und genau hier beginnen die recht interessanten Ambivalenzen: Meinem Deutschsein, sofern ich darauf verpflichtet werde, verwehre ich mich (meist für eine universalere Perspektive werbend), wobei sich paradoxerweise gerade diese Distanznahme jedes Mal sehr deutsch anfühlt. Obendrein wird Deutschsein oft mit schlichtweg westlich assoziiert – womit wir dann mitten in meinem Roman Die endlose Stadt wären, der über die alten Dichotomien Orient und Okzident hinauszudenken versucht, insofern sie lebendige Echtwahrnehmungen blockieren. Bei dieser Kritik geht übrigens oft ein zustimmendes Seufzen durch die Sitzreihen, ob in Casablanca, Alexandria oder Bangkok. Dann ist es, als verlängere sich der Roman in die Realität hinein.

Die Schriftstellerin Ulla Lenze auf einer Konferenz irakischer Dichterinnen in Basra Die Schriftstellerin Ulla Lenze auf einer Konferenz irakischer Dichterinnen in Basra | © privat

Der Sinn hinter durchökonomisierter Realität

„Endlos“ – eine Frage, die in jedem Land gestellt wird – bezieht sich übrigens einerseits auf die faktischen Exzesse heutiger Megacities (Verkehrschaos, Armenviertel, Gated Communities und Shoppingmalls im Stil einer globalisierten Kultur) und andererseits auf die im utopischen Sinn bestehenden Möglichkeiten hinter der durchökonomisierten Realität: die Freiheit des Einzelnen, den Verstrickungen zu widerstehen. Das versuchen meine Figuren.

In Delhi wurde mir vom Publikum jedoch vorgeworfen, mit meinen Beschreibungen der vermüllten Straßen Mumbais in die Fußstapfen Günter Grass’ zu treten, der 1988 mit seiner Polemik über Kalkutta („den Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte“) die indische Bildungselite aus der Fassung gebracht hatte. Da ich 1990 als 16-Jährige sechs Monate in Indien lebte, war ich sogar Augenzeuge dieses Zorns, mir wurde bei jeder Gelegenheit die neokoloniale Arroganz meines Landsmanns vorgehalten.

Damals war Indien noch Dritte Welt. Heute ist es stolzer neuer Star der Weltwirtschaft. Der Müll aber vermehrte sich nach der Liberalisierung des Marktes 1991 ebenso unaufhaltsam wie die neuen Autos der finanzstarken indischen Mittelklasse, die heute die Straßen verstopfen.

„Die Kritik ist ja berechtigt. Aber es tut weh, wenn Besucher aus dem Westen sie vorbringen“, räumte man schließlich ein, als ich erklärte, es gehe im Roman auch um die Selbstkritik der Erzählerin als westlich urteilende Wahrnehmende und um die Frage, wem eine Stadt gehört, wem moralische Kategorien oder wem überhaupt etwas gehört auf dieser Welt. Mir hing die Empörung allerdings nach. Vielleicht, weil sich plötzlich die tatsächliche Differenz und Ferne zwischen uns offenbarte: Selbst dass es sich vorübergehend schlecht anfühlte, dort zu sitzen, schien mir in jenem Moment irgendwie in Ordnung („So erfahren wir etwas über den Anderen, genau hier beginnt doch der Dialog!“, sagte ich). Aber noch mein Befürworten der Kontroverse schien als westliche Dominanzrhetorik empfunden zu werden, und vielleicht war es das auch. Es sind keine angenehmen Situationen, aber es passiert in ihnen für beide Seiten manchmal mehr als im scheuen Respekt des Abnickens und Applaudierens.

„Ich wollte nicht das Stereotyp des Orients über den Westen bedienen“

Die gleiche Stelle fand einen Abend später in Pune großen Beifall. „Es ist wichtig, dass wir uns von außen gespiegelt bekommen!“, sagte eine Germanistikprofessorin. Eine Woche vorher in Chennai meldete sich ein junger Deutschlernender zu Wort: Meine Deutung des allgegenwärtigen Mülls als Prestige, da ein Zeichen des Fortschritts, das hätte er so noch nie gedacht, aber es leuchte ihm sofort ein. Er gehörte einer Generation an, die nicht vom Nobelpreisträger beleidigt worden war, und sah in mir etwas Ähnliches wie in sich selbst: eine Teilnehmerin eines gemeinsamen globalen Kulturraums, der man nach der Veranstaltung eine Facebook-Freundschaftsanfrage schickt.

Die Furcht vor den reduktionistischen Bildern besteht jedoch auf beiden Seiten. In Indien wird selbst aus den James-Bond-Filmen jeder Kuss herausgeschnitten. Die mit „adult content“ versehenen Erlebnisse meiner weiblichen Heldinnen wurden mir vor Ort plötzlich als vermittlungsbedürftig bewusst. Kurz vor der Lesung in Chennai teilte ich dem Moderator mit, dass ich statt „he got a hard on the moment he heard her voice“ doch lieber „he got excited“ vorlesen würde. Er nickte erst indisch (ein gütiges Kopfwackeln), doch dann mahnte er: „Nun mach es denen aber auch nicht zu leicht!“ Ich wollte nicht das Stereotyp des Orients über den Westen bedienen: die westliche Frau als sittenlos und promisk. Und ich wollte nicht mit meiner Figur verwechselt werden. Mit den Intellektuellen, den Autoren und den Künstlern vor Ort verläuft die Verständigung meist völlig befreit von diesen diplomatischen Erwägungen, sei es über politische und kulturelle Themen oder über Literatur, Handwerkliches und die Bedingungen des Schreibens.

Publizieren sie nur im eigenen Land (meistens), was ihnen einen Brotjob nebenher aufzwingt, kommt mir der deutsche Kultur- und Literaturbetrieb zwischendurch wie das Schlaraffenland vor. Einerseits genießt der Dichter als beinah mythische Figur in diesen Ländern ein hohes Ansehen, andererseits tut man wenig für ihn und drohen denen, die zu kritisch oder freizügig schreiben, Gefängnisstrafen (wie kürzlich wieder in Ägypten).

Auch das wird Thema in den Diskussionen, dieser Abgleich der Bedingungen von Literaturproduktion. In Rabat fragte ein junger Marokkaner in akzentfreiem Deutsch, welchen Rat ich ihm geben könne, er schreibe Erzählungen und er wolle veröffentlichen. Später in unserer Korrespondenz stellte sich heraus, dass er in Deutschland studiert hat, aber nach dem Abschluss seine Aufenthaltserlaubnis nicht mehr verlängert bekam.

Am schönsten sind jene Momente, in denen ein Austausch über Literatur und über die ästhetische Erfahrung stattfinden kann; als Erfahrung so universal, dass wir uns darin ähneln und verbunden wissen. Räume, die sich öffnen und wieder schließen, und man war kurz in ihnen und kann nicht genau sagen, was das war.

Schreiben als Rettung vor dem täglichen Irrsinn

Im Irak etwa bedeutete das Schreiben den Dichterinnen, die ich auf einer Konferenz traf, alles. Es rette sie vor dem täglichen Irrsinn, der Lebensgefahr. Dass ich mich überhaupt nach Basra gewagt hatte, eine einst kosmopolitische, heute fundamentalistische Stadt, in der eine Kidnapping-Industrie blüht, wurde mir hoch angerechnet. Ich schämte mich ein bisschen, gerade weil wir uns so ähnlich waren, so nah, und doch mit ganz anderen Bedingungen zurechtkommen müssen. Basra lehrte mich, die Liebe und Wertschätzung zur Literatur neu zu empfinden, auch tiefe Dankbarkeit, dass es die Möglichkeit gibt, sich über so viele Grenzen hinweg mit Anderen ihrer zu vergewissern.

Fast immer ist Presse vor Ort. Da die Beiträge in Sprachen erscheinen, die ich nicht verstehe (Arabisch, Indonesisch, Thailändisch), weiß ich meist nicht, was man da über mich schreibt. Doch in Indien erschien in der Tageszeitung The Hindu kürzlich ein Bericht mit dem Titel „Ulla’s love for India“. Ich hatte auf der Veranstaltung in Chennai von meiner Schulzeit in Indien erzählt. Eine der schönsten Publikumsfragen erhielt ich dann auch dort: „Glauben Sie, dass Sie in Ihrem letzten Leben eine Inderin waren?“ Auf diese Frage konnte ich nur mit „Ja!“ antworten.


Ulla Lenze veröffentlichte zuletzt den Roman „Die endlose Stadt“ (2015). Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, zuletzt 2016 den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Sie lebt in Berlin.