„Open Minds: Adapting to the Future“ Technik, die lebt

Die Leiterin des Design Research Lab der UdK in Berlin, Gesche Joost
Die Leiterin des Design Research Lab der UdK in Berlin, Gesche Joost | Foto: privat

Farben in Töne verwandeln, lebende Labore und Jacken mit Alarm erschaffen, das kann Design-Fiction. In einer Reihe des Goethe-Instituts Toronto diskutierten Kulturschaffende und Futuristen über digitale Zukunftsentwürfe. Gesche Joost sprach zur Eröffnung. Ein Interview.

Frau Joost, ich bin skeptisch, wenn es darum geht, ob Kunst und Design etwas bewirken können, um die massiven Probleme der Gegenwart und Zukunft zu lösen. Arbeiten Sie derzeit an etwas, das einen anderen Schluss zulässt?

Als Designerin arbeite ich sehr viel mit sogenannter Design-Fiction. Sie basiert auf der Idee, dass Design nicht nur schöne Dinge hervorbringt, sondern dass durch diese Dinge auch mögliche Zukunftsentwürfe entwickelt werden können. Damit ist es irgendwo zwischen Wissenschaft und Politik, zwischen Technologie und dem Menschen anzusiedeln. Mithilfe von Design-Fiction müssen wir uns nicht länger nur mit Argumenten über die Zukunft auseinandersetzen – wir können konkrete Vorschläge liefern.

Zweiter Abend „Open Minds: Adapting to the Future” in Toronto Zweiter Abend „Open Minds: Adapting to the Future” in Toronto | Foto: Marko Kovacevic © Goethe-Institut e.V. Können Sie ein Beispiel nennen?
 
In Europa wird zurzeit viel über unser Verhältnis zu Robotern diskutiert. Es gibt viele Bedenken, zum Beispiel, dass sie Arbeitsplätze kosten könnten. Aber sehen Sie sich den Kunstdesigner Neil Harbisson an. Er ist farbenblind, besitzt jedoch eine auf dem Kopf einen Sensor, der Farben in Töne verwandelt. Damit kann er die Farben, die er vor sich hat, hören.
 
Als Harbisson auf einem Passfoto für einen neuen Ausweis diesen Sensor tragen wollte, wurde das zunächst abgelehnt. Er bestand aber darauf, dass die Technologie als Teil seines Körpers anzusehen sei, da sie ihn zu einem Cyborg gemacht habe. Daraufhin durfte er sie tragen. Diese Art von Objekten lässt Diskussionen über die Beziehung zwischen Robotertechnik und menschlichem Körper sehr viel konkreter werden.
 
Sie beraten politische Entscheider in der EU über digitales Design und alles, was damit zusammenhängt. Wie sieht Ihre Arbeit aus?
 
Als Professorin an der Universität der Künste Berlin leite ich ein Forschungslabor; meine Tätigkeit als Beraterin für die Europäische Kommission beruht auf vielen Erfahrungen, die ich im Rahmen meiner Forschung zu neuen Technologien mache. Wann immer ich mit Politikern über Digitalisierung rede, nehme ich einige der Objekte mit, an denen wir im Labor arbeiten. Technologische Ideen können sonst sehr abstrakt wirken – beispielsweise Datensicherheit, Datenschutz und E-Health.
 
Dann zeige ich einen „tragbaren“ Computer, den wir in unserem Labor entwickelt haben: eine Jacke mit eingebautem Alarmsystem. Sie verfügt über einen Open-Source-Microcontroller und ist mit einem Smartphone verbunden. Wenn man als älterer Mensch allein lebt und ein Notfall eintritt, muss man nur am Ärmel der Jacke ziehen, und schon werden die GPS-Daten verschickt und ein Familienmitglied benachrichtigt. Das ist für mich ein Beispiel einer inklusiven digitalen Gesellschaft – etwas, das nützlich ist, eine intuitiv bedienbare Schnittstelle hat, noch dazu tragbar ist und nicht stigmatisiert, denn die Daten bleiben privat.

Gesche Joost zu „Soziales und kritisches Design“ in Toronto Gesche Joost zu „Soziales und kritisches Design“ in Toronto | Foto: Marko Kovacevic Und was glauben Sie, können Bürgerinnen und Bürger tun, um durch solche Projekte dazu beizutragen, eine bessere Zukunft zu gestalten?

Das Engagement in der Gemeinschaft ist sehr wichtig. Meine Vision neuer Technologie beruht auf den Nutzern und deren Erkenntnissen im Alltag. Citizen Science oder auch partizipatorisches Design sind für uns große Themen. So haben wir in einem Stadtviertel Berlins ein „lebendes Labor“ geschaffen. Wir wollten mit Bewohnern des Viertels in Kontakt kommen, um zu erfahren, wie sie ihr Zusammenleben gestalten möchten.

Eines der Projekte in diesem Viertel trägt den Titel „Hybrid Letterbox“. Es wurde ins Leben gerufen, weil viele ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger gesagt haben, „wir haben keine Computer, wie sollen wir die neuen digitalen Plattformen denn nutzen?“ Also haben wir einen kleinen Kasten aufgestellt, in den die Leute Postkarten einwerfen konnten, auf denen stand, was sie in ihrem Viertel gern ändern würden.

Die Postkarten wurden automatisch fotografiert und auf einem Blog online gestellt, damit alle das Feedback sehen konnten. Gleichzeitig wurden diese Posts über Twitter geteilt. Das ist eine simple Art der Interaktion und eine einfache Technologie, und doch ist es für mich ein Ausgangspunkt für das Engagement in einer Gemeinschaft.

„Muniz0“ präsentierte Stücke, die von Beziehungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Fragmentierung handeln „Muniz0“ präsentierte Stücke, die von Beziehungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Fragmentierung handeln | Foto: Marko Kovacevic © Goethe-Institut e.V. Die Gesprächsreihe „Open Minds“ in Toronto findet im Freien statt. Das erinnert mich an die alltägliche Frage, ob ich mich zu sehr mit dem Gegensatz zwischen Digitalem und Natürlichem beschäftige. Aber gibt es da überhaupt ein Missverhältnis?

Ich denke schon. Wir fangen gerade erst an, die Grenzen unserer digitalen Nutzung abzustecken. In Deutschland gibt es einige Unternehmen, die versuchen, dies künstlich zu erzwingen: Sie schalten um 17 Uhr ihre Mailserver ab. Das ist nicht der richtige Weg, denn viele Leute, die kleine Kinder haben, gehen vielleicht früher nach Hause, würden aber abends gern weiterarbeiten.

Das Veranstaltungsgelände „Toronto Music Garden“ am Lake Ontario Das Veranstaltungsgelände „Toronto Music Garden“ am Lake Ontario | Foto: Marko Kovacevic Auch Einzelpersonen beginnen damit, Grenzen zu ziehen. Wenn meine Promotionsstudenten an ihrer Doktorarbeit schreiben, verordnen sie sich eine E-Mail- und Facebook-Fastenkur. Sie checken sie nur morgens und abends einmal, das war’s – quasi eine digitale Entgiftung. Ich finde, über all das sollten wir mehr diskutieren, um an einem gemeinsamen Verständnis zu arbeiten.


Die Fragen stellte Leah Sandals, Managing Online Editor beim Kunstmagazin „Canadian Art“ in Toronto. Die Originalfassung erschien am 12. Juli 2016 in „Canadian Art“, sie wurde redaktionell bearbeitet und gekürzt. Übersetzung ins Deutsche von Gaby Gehlen.