Spiele des Südens „Aber wohin seinen Blick wenden?“

Ausschnitt einer Illustration von Daniela Rodrigues
Ausschnitt einer Illustration von Daniela Rodrigues | © Daniela Rodrigues

Gerade haben die Olympischen Spiele mit einer schillernden Eröffnungsveranstaltung in Brasilien begonnen. Doch wie sieht das Sujet abseits großer Stadien und Investoren aus? Die Reihe „Spiele des Südens“ des Goethe-Instituts sucht den Charakter des Spiels hinter dieser Fassade – unter anderem bei den Indigenen Weltspielen.

In der Theorie fördern die Olympischen und Paralympischen Spiele die Verständigung zwischen den Völkern und Nationen; In der Praxis stehen jedoch allzu oft Leistungen der Teilnehmenden und Konkurrenzverhältnisse im Vordergrund. Das Projekt „Spiele des Südens“ bietet bis zum 7. Oktober 2016 eine Plattform zur Reflexion über die sozialen und kulturellen Dimensionen sportlicher Großveranstaltung – mit einer Ausstellung, einem Schüler-Camp, einem App-Workshop sowie einer internationalen Konferenz. Zudem äußern sich auf der Website des Projekts zwölf Expertinnen und Experten zu Themen wie Nachhaltigkeit und Zivilrechte im Rahmen der Olympischen Spiele.

Auf Beobachtungsreise

Im Zentrum der Ausstellung, die bis zum 8. Oktober in Rio de Janeiro zu sehen ist, stehen die Ergebnisse der Reisen 13 brasilianischer, asiatischer und deutscher Wissenschaftlerinnen und Künstler, wie Paulo Nazareth, Antje Mejawski oder Igor Vidor, zu den Indigenen Weltspielen. Über zweitausend Athletinnen und Athleten aus über 30 Ländern nahmen in Palmas an den ersten Spielen indigener Völker teil. Die Sportlerinnen und Sportler begegneten sich dabei in traditionellen Disziplinen – beispielsweise Tauziehen oder Kanufahren – und die 13 Gäste der sportlichen Tradition Lateinamerikas.

Auf Einladung des Goethe-Instituts reiste die Gruppe nach Palmas, um sich auf künstlerische Art und Weise mit dem Wert des Sports in der Kultur indigener Völker auseinanderzusetzen. Was ist der eigentliche Charakter des Spiels? Wie kann das Spiel das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft formen? Und welchen Einfluss nimmt es auf die Sozialität einer Gesellschaft? Aus diesen Fragestellungen heraus entstanden Performances, Essays und Fotos.

Grafisches Tagebuch

Eine der Künstlerinnen, die die Indigenen Weltspiele während ihres Besuches in Palmas reflektierte, ist die Anthropologin Daniela Rodrigues. In ihren Illustrationen und Skizzen hält sie ihre persönliche Sicht auf die Ereignisse und deren Kommerzialisierung fest.

Illustration von Daniela Rodrigues © Daniela Rodrigues „Das Motto der Olympischen Spiele ruft in Großbuchstaben aus: „JETZT SIND WIR ALLE INDIGENE“. Was soll das überhaupt bedeuten? Ich hielt mich an diesem Ort auf, an dem sich jeder Besucher in einen imaginären Indianer in einer Synthese zu verwandeln schien – in eine Synthese aus Zubehör für lange Haare, Kopfschmuck mit vielen Federn, Armbändern aus bunten Perlen und schwarzen und roten Körperbemalungen. Ich setzte mich, um Kayapó-Mädchen zu beobachten, die mithilfe von Jenipapo und dunkler Kohle eckige geometrische Muster auf fremde Arme malten. Die Preise: von 10 bis 20 Reais.“

Illustration von Daniela Rodrigues © Daniela Rodrigues „Aber wohin seinen Blick wenden in dieser an unsichtbaren Schichten reichen Arena, gefüllt vom Schweigen vieler, in diesem unwirtlichen Raum, ohne Schatten der Bäume, der die zu starke Sonne von Tocantins filterte? Erste Skizzen über den Ort: das Heilige Feuer, eine stetige Flamme auf dem Gelände der Wettkämpfe.“

Illustration von Daniela Rodrigues © Daniela Rodrigues „Die Dynamik der digitalen Hütte, wo Indigene verschiedenen Alters ihre Facebook-Einträge mit bei den Olympischen Spielen aufgenommenen Selfies aktualisierten. Bildschirme voller Federn, Gesichtsbemalungen, Pfeil und Bogen und vielen, vielen Likes.“

Illustration von Daniela Rodrigues © Daniela Rodrigues „Ich kannte die Karajá-Puppen bereits. Ich kannte sie aus Ausstellungen über das immaterielle Erbe Brasiliens, habe sie in den TUCUM-Geschäften gesehen, die indigene Kunst in Santa Teresa vermarkten, wo ich in Rio de Janeiro lebe.

Ich habe Lukukui Karajá gefragt, vom Dorf Santa Isabel do Morro auf der Ilha do Bananal, ob es stimmt, dass sie dazu dienen, Kindern Geschichten, Mythen und Riten der Völker zu erzählen. Warum haben die Frauenpuppen keine Arme? Und was ist das für ein Tier, das die anderen frisst? Und er antwortete: „Früher haben wir das so gemacht. Aber jetzt leben wir in der Moderne, nicht wahr? Jetzt machen wir das alles für euch.“ Also habe ich eine Puppe Artxocô mit nach Hause genommen, diktierte mir Lukukui. Und einen Jaguar, der ein Wasserschwein frisst.“