Tag der offenen Tür des Auswärtigen Amtes IN FREMDHEIT VEREINT

Kunststücke auf Stelzen: Ein kulturelles Programm für geflüchtete Kinder und Jugendliche Foto: Bernhard Ludewig
Kunststücke auf Stelzen: Ein kulturelles Programm für geflüchtete Kinder und Jugendliche | Foto: Bernhard Ludewig

Stelzenlauf in Mardin, DJ-Austausch in Karachi: Beim Tag der offenen Tür des Auswärtigen Amtes hat das Goethe-Institut Einblicke in die Vielfalt seiner internationalen Kulturarbeit gegeben. Am Wochenende des 27. und 28. Augusts konnten die Besucher in Berlin erfahren, welche ungewöhnlichen Wege Verständigung findet.

Im Keller des Auswärtigen Amtes steht Andi Teichmann vor den Plattenspielern seines DJ-Pults und erläutert als Workshop-Leiter den Musikinteressierten ringsum, wie gekonntes Auflegen funktioniert: „Das ist wie beim Schach. Man muss immer zwei, drei Platten voraus denken“.

Der gebürtige Regensburger bildet zusammen mit seinem Bruder Hannes das Kollektiv Gebrüder Teichmann. 2004 waren die beiden erstmals im Auftrag des Goethe-Instituts unterwegs, damals in Sibirien. Die Idee war, ein deutsches Pendant zur populären „Russendisko“ von Wladimir Kaminer zu schaffen und auf Reisen zu schicken. Seitdem haben die Gebrüder Teichmann an etlichen internationalen Austauschprojekten teilgenommen: darunter die deutsch-kenianische DJ-Fusion BLNRB sowie das auf mehrere afrikanische Länder ausgedehnte Folgeprojekt Ten Cities. Auch im pakistanischen Karachi, wo das Album Karachi Files entstanden ist, haben die Künstler schon die elektronischen Welten zwischen Europa und Asien vereint.

Das Kollektiv „Gebrüder Teichmann“. Das Kollektiv „Gebrüder Teichmann“. | Foto: Berhard Ludewig Musik als universelle Sprache

Gerade die Fremdheit reizt Andi Teichmann: „In Afrika gab es 2008 noch keine entwickelte Szene für elektronische Musik“, erzählt er, „umso spannender ist es, wenn aus der Begegnung mit der dortigen Clubkultur Neues entsteht“. Musik ist für ihn „die universelle Sprache, die Menschen schneller zusammenbringen kann, als in anderen Kontexten möglich wäre“. Als DJs suchen die Gebrüder Teichmann dabei vor allem den Reibungsmoment, in dem „verschiedene Kulturen, Herkünfte und Generationen zusammenkommen“. Egal, ob in Berlin oder Nairobi, betont der Künstler.

Geflüchtete Jugendliche als Artisten

Auf dem Lichthof des Auswärtigen Amtes proben derweil sieben syrische und irakische Jugendliche auf Stelzen ihre Kunststücke. Sie jonglieren, machen gewagte Sprünge, kreuzen überdimensionale Stöcke. Was auf den ersten Blick vor allem circensische Attraktion zu sein scheint, ist tatsächlich ein kulturelles Programm für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Das Goethe-Institut Istanbul, die türkische NGO Her Yerde Sanat sowie das Landsberger Theaterensemble „Die Stelzer“ unter der Leitung von Wolfgang Hauck haben sich dafür zusammengeschlossen.

Hauck, der in der Türkei bereits im Rahmen eines PASCH-Projekts Stelzen-Workshops angeboten hat, konnte dazu sein besonderes traumapädagogisches Knowhow einbringen.

Erfolge und politische Verwerfungen

Syrische und irakische Jugendliche zeigen auf Stelzen ihre Kunststücke. Syrische und irakische Jugendliche zeigen auf Stelzen ihre Kunststücke. | Foto: Bernhard Ludewig „Es geht darum, dass die Kinder und Jugendlichen ihre eigene Balance finden, ihren Körper neu erfahren und sich im Hier und Jetzt spüren können“, beschreibt er. Im Dezember 2014 startete das Stelzen-Projekt im Nusaybin Flüchtlingscamp nahe der Stadt Mardin mit zehn Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren sowie annähernd 40 Kindern zwischen 6 und 14 Jahren. Die Idee war dabei von Anfang an, dass die Älteren auch zu Trainern ausgebildet werden, die ihr Wissen an die Jüngeren weitergeben. „Train the trainer“, fasst Hauck das Prinzip zusammen. Das Projekt hatte einen durchschlagenden Erfolg. Mittlerweile stehen in Mardin – nicht zuletzt dank der logistischen Unterstützung des Goethe-Instituts – rund 100 Stelzenpaare zur Verfügung.

Zukunftsperspektive Deutschland

Die sieben Jugendlichen, die beim Tag der Offenen Tür ihre artistischen Fertigkeiten vorführen, leben mittlerweile in Berlin und haben einen Antrag auf Asyl in Deutschland gestellt. Einer von ihnen ist der 21-jährige Syrer Ayad Milko, der momentan an einem Zirkusprojekt für Kinder aus dem arabischen Raum mitwirkt. Milko spricht bereits gut Deutsch und erzählt von dem Moment, als er zum ersten Mal auf Stelzen stand: „Es hat mir geholfen, den Stress loszuwerden. Ich hatte auf einmal weniger Angst“.

Spracharbeit als zentrale Säule

Diese und andere Projekte des Goethe-Instituts zeigen, dass Sprache nicht das einzige Bindeglied zwischen Kulturen ist. Sie hilft jedoch entscheidend dabei, Brücken zwischen den Kulturen und Nationen zu bauen. Dass die Spracharbeit nach wie vor eine zentrale Säule der Arbeit des Goethe-Instituts ist, ließ sich deshalb auch beim Tag der offenen Tür des Auswärtigen Amtes – dem Präsentationsforum für die weltweiten Allianzen in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik – erkennen.

Der Stand des Goethe-Instituts beim Tag der offenen Tür des Auswärtigen Amtes. Der Stand des Goethe-Instituts beim Tag der offenen Tür des Auswärtigen Amtes. | Foto: Bernhard Ludewig Am Goethe-Stand konnten die Besucher zum Beispiel eine Auswahl von Kinderbüchern deutscher Autorinnen und Autoren begutachten, die mithilfe des Übersetzungsprogramms „kutub:na“ jüngst auf Arabisch erschienen sind. Sie behandeln kindgerecht Themen, die auch in arabischen Familien und für arabische Kinder zum Alltag gehören: Reisen (Füchse lügen nicht), Geburtstage (Dr. Brumm), oder das Erwachsenwerden (Vintulato).

Patrick Wildermann
arbeitet als freier Kulturjournalist in Berlin