Public Space: Fights and Fictions „Das, was nie ganz auf ein Foto passt“

Eine Straße ist ein Park: Parque Minhocao.
Eine Straße ist ein Park: Parque Minhocao. | © Associação Parque Minhocao

Unter dem Titel „Public Space: Fights and Fictions” diskutierten Wissenschaftlerinnen, Künstler und Urbanistinnen über den öffentlichen Raum: Was macht ihn aus, wem gehört er und lohnt es sich um ihn zu kämpfen? Die 36-stündige Veranstaltung wurde von einem umfassenden Kulturprogramm, wie Ausstellungen und Performances, begleitet. Positionen und Gespräche der Denkfabrik sind nun in einer Publikation nachzulesen – und Auszüge daraus hier.
 

Wilfried Wang/Berlin: Kurator der Ausstellung „DEMO:POLIS: Das Recht auf Öffentlichen Raum“, die parallel zur Denkfabrik in der Akademie der Künste zu sehen war

„Unsere Absicht bei der Planung dieser Ausstellung war, der Öffentlichkeit Mut zu machen, sich bei der Gestaltung des öffentlichen Raums einzubringen und damit die Grundlage für eine partizipatorische Gestaltung zu schaffen. Das erklärt auch den Titel DEMO:POLIS. Ziel war es, unserem Recht auf den öffentlichen Raum und grundlegende Freiheiten Nachdruck zu verleihen, damit wir uns ohne Angst vor Überwachung bewegen und äußern können. Der physische öffentliche Raum und unser politisches Engagement sind dort wichtiger denn je geworden. Es gibt praktische partizipatorische Modelle, die den Raum definieren und als Inspiration für künftige Projekte dienen können.“

Eine Straße ist ein Park: Parque Minhocao. Eine Straße ist ein Park: Parque Minhocao. | © Associação Parque Minhocao Tentative Collective/Karachi: Ein Kollektiv von Künstlerinnen, Lehrern und Architektinnen

„Wenn wir über das Urbane sprechen, möchten wir auch die ökologischen Aspekte sowie die Elemente des Inorganischen und des Nichtmenschlichen miteinbeziehen. Dabei machen wir gleichzeitig darauf aufmerksam, dass der Boden immer dünner und die Luft immer dicker wird. Den Diskussionen zum Trotz, dass wir uns den öffentlichen Raum wieder aneignen müssen, möchten wir auf die „Entterritorialisierung“ des Bodens hinweisen: auf die unablässige Ausbeutung seiner Bestandteile, die unser modernes Leben erst möglich machen. Um Jussi Parrikka und Benjamin Bratton zu zitieren: ‚Wir [alle] tragen kleine Stückchen von Afrika in unseren Taschen.‘

Heute reflektieren wir über den unsichtbaren Raum unter unseren Füßen, die Regionen, die uns erhalten und nähren – ein Raum, der mit der global verteilten billigen Arbeit einhergeht, welche den sichtbaren Räumen unseres Konsums zugrunde liegt.

Wir müssen unsere Bedürfnisse und Wünsche sowie unsere Darstellung von Öffentlichkeit neu bewerten und endlich auf die unsichtbaren Produktionsräume verweisen, die sie überhaupt erst ermöglichen.“


Nana Adusei-Poku/Rotterdam: Professorin für Kulturelle Vielfalt an der Universität Rotterdam und Dozentin für Mediale Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste

„Hinsichtlich Toleranz gibt es Diskrepanzen: ‚Ich bin nicht deiner Meinung, aber das ist schon in Ordnung.‘ Das sagen oder denken wir bei Auseinandersetzungen doch immer wieder: ‚Ja, o.k., geht in Ordnung‘, wenn es eindeutig nicht in Ordnung geht – so meine persönliche Erfahrung. Und dann fängt man an zu nörgeln, und das Thema taucht immer wieder auf der Tagesordnung auf.

Genau das passiert auch, wenn Toleranz in unserer Gesellschaft als grundsätzlicher Wert oder als Schlüsselstrategie propagiert wird. Allein aufgrund der Organisation des urbanen Raums macht sich die Bruchstelle der Toleranz immer wieder bemerkbar, denn letztlich ist es für das System nicht in Ordnung, dass diese Menschen da sind. Ich denke, Intransparenz kann einen sowohl faszinieren als auch zum Teilen anregen.

Ich definiere das Konzept so: ‚Du verstehst das nicht. Das verstehe ich zwar nicht, aber es ist schon in Ordnung. Ja, es ist anders, und das Anderssein ist in Ordnung, und im Grunde ist es auch eine Bereicherung, und ich kann etwas daraus lernen.‘ So verstehe ich den Gedanken der Intransparenz: ich kann nie alles richtig beurteilen. In der Philosophie gehen wir von der Maxime aus: ‚Ich weiß, dass ich nichts weiß.‘ Das ist ein wunderschöner Ausgangspunkt, der die Vorstellung von Wachstum und Fluss, von Austausch und Neugier ohne Exotik umfasst.“

Eine Straße ist ein Park: Parque Minhocao. Eine Straße ist ein Park: Parque Minhocao. | © Associação Parque Minhocao Kathrin Röggla/Berlin: Journalistin und Autorin

„Wäre ich vor einigen Jahren gebeten worden, den öffentlichen Raum zu definieren, hätte ich gesagt, dass er das ist, was nie ganz auf ein Foto passt. Ob ein Kinderspielplatz oder ein Marktplatz – irgendwie fehlt auf Aufnahmen immer eine Ecke, ein Stück davon. Der Wunsch, Plätze in Fotos aufzunehmen, gehört mittlerweile der Vergangenheit an, es ist der Wunsch einer älter werdenden – sehr schnell älter werdenden – Generation.

Die einzigen Fotos, die heute noch gemacht werden, sind Selfies, die keinen öffentlichen Raum mehr zeigen oder zumindest nicht mehr Raum als denjenigen, der für die Präsenz in den sozialen Medien notwendig ist. [...] Der politische Raum vergangener Tage ist zu einer Bühne der Selbstdarstellung und Politik der Gesten geworden. Und da sich die Politik heute zunehmend in reine Gesten auflöst, ist ihr Raum ein schmückendes Beiwerk geworden, ein Nicht-Ort, der im Postkartenformat verschwindet.

„Den Rest besorgt die Wirtschaft‘, könnte man sagen. Aber auf dem Pariser Platz in Berlin ist vom Privatsektor nach wie vor kaum etwas zu sehen: nicht einmal Graffiti in dem neuen „grass-roots“-Stil, der in der Stadt mittlerweile fast omnipräsent ist und der im Grunde nichts Anderes als Werbung für Großunternehmen darstellt. Zunehmend wird deutlich, dass die politische Bedeutung des öffentlichen Raums in der Stadt kaum „in realiter“ an diesem Ort vorhanden sein kann und vor allem nicht von ihrer Vermarktbarkeit zu trennen ist.“

 

Der öffentliche Raum ist kein Luxusproblem. Als Plattform gesellschaftlicher Auseinandersetzung ist er weltweit ein Grundpfeiler demokratischer Lebensform.

Mit „Public Space: Fights and Fictions” luden das Goethe-Institut und die Akademie der Künste vom 19. bis zum 21. Mai zu einer 36-Stunden-Denkfabrik ein. In Vorträgen, Denkräumen, Interviews, Filmscreenings und künstlerischen Interventionen beleuchteten internationale Diskursgeber und Künstler Herausforderungen und Möglichkeiten im öffentlichen Raum. Daraus entstanden ist nun eine Publikation, die in Texten und Fotos von unter anderem Eyal Weizmann und Omar Nagati die Idee des öffentlichen Raums weltweit spiegelt.

Die hier veröffentlichten Zitate und Bilder sind der Publikation „Public Space: Fights and Fictions“ entnommen.