Residenzen Basislager für Künstler und Intellektuelle

Präsentation der Residenzarbeit der Goethe-Institute im Berliner Kulturquartier silent green.
Präsentation der Residenzarbeit der Goethe-Institute im Berliner Kulturquartier silent green. | Foto: Bernhard Ludewig

Vom Wert des Reisens: Mit der Veranstaltung „Perspektivwechsel“ im Berliner Kulturquartier silent green gibt das Goethe-Institut Einblicke in die Vielfalt seiner weltweiten Residenzarbeit. Die Auslandsstipendien für Künstlerinnen und Künstler schaffen Dialoge, die wechselseitig bereichern.

Goethe wäre der ideale Stipendiat einer Künstlerresidenz gewesen, davon ist Klaus-Dieter Lehmann überzeugt. Schließlich sei der Verfasser des „West-östlichen Divan“ ein erklärter Freund der Begegnung mit anderen Kulturen und der Bildung durch Reisen gewesen. Von ihm stammt auch das Zitat: „Die Existenz fremder Menschen sind die besten Spiegel, worin wir die unsrige erkennen können“. Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, erinnert an diese Philosophie des Namenspatrons in seiner Rede im Berliner Kulturquartier silent green. Unter dem Titel „Perspektivwechsel“ wird hier vor 200 Besuchern die weltweite Residenzarbeit des Goethe-Instituts vorgestellt.
 
Die Besucherinnen und Besucher der Präsentation der Residenzprogramme des Goethe-Instituts. Die Besucherinnen und Besucher der Präsentation der Residenzprogramme des Goethe-Instituts. | Foto: Bernhard Ludewig Das Schwammprinzip der Inspiration
 
Rund 130 Aufenthalte von Künstlerinnen und Künstlern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern werden jährlich in fast 50 Programmen auf verschiedenen Kontinenten ermöglicht – in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt und Kulturpartnern im Ausland. Die Stipendien fördern den Austausch, schaffen nachhaltige Vernetzungen und setzen „kulturpolitische Impulse im Ausland und im Gastland“, so Lehmann. „Weltformeln bieten keine Lösung, eher die persönlichen Begegnungen und Erfahrungen, die zu Lerngemeinschaften führen“. Die Residenzen seien daher eben keine „arkadischen Refugien“, sondern „Basislager für Künstler und Intellektuelle“. 
 
Präsident Klaus-Dieter Lehmann im Gespräch mit Staatsministerin Maria Böhmer. Präsident Klaus-Dieter Lehmann im Gespräch mit Staatsministerin Maria Böhmer. | Foto: Bernhard Ludewig „Allein der Dialog kann es ermöglichen, dass wir zu einem friedvollen Miteinander finden“, betont Maria Böhmer, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, die Bedeutung der zumeist dreimonatigen Auslandsaufenthalte. Ihr gefällt, was die Schriftstellerin Lucy Fricke, 2011 Stipendiatin der Villa Kamogawa in Kyoto, einmal über ihre Zeit in Japan gesagt hat: „Es gilt das Schwammprinzip: aufsaugen und auspressen“. Wobei auspressen in diesem Sinne so zu verstehen sei, dass man noch lange von der gewonnenen Erfahrung zehren kann. 
  
Staatsministerin Maria Böhmer. Staatsministerin Maria Böhmer. | Foto: Bernhard Ludewig Ehrgeizige Orte, die Zukunft schaffen
 
Im Fokus des Programms „Perspektivwechsel“ steht zum einen die Residenz in der Kulturakademie Tarabya in Istanbul mit ihren sieben Künstlerappartements, die von der Deutschen Botschaft in Ankara betrieben und vom Goethe-Institut kuratorisch verantwortet wird. Und zum anderen die bereits erwähnte Villa Kamogawa, die malerisch zwischen Kaiserpalast und Kyoto-Universität liegt und momentan ihr fünfjähriges Jubiläum als Residenz feiert.
 
Dabei erweitert sich das weltweite Angebot an Residenzorten stetig. Im November 2016, auch darauf verweist Goethe-Präsident Lehmann, eröffnet im brasilianischen Salvador-Bahia die Villa Sul, die sich vor allem dem Thema „Globaler Süden“ widmen und sowohl deutschen als auch internationalen Residentinnen und Residenten offen stehen wird. Zudem gibt es konkrete Pläne, in New York eine „German Academy“ mit bis zu 15 Residenzen im früheren Sitz des Goethe-Instituts an der 5th Avenue, gegenüber des Metropolitan Museum of Art einzurichten. 



Solidarität in turbulenten Zeiten

Natürlich sind auch die Residenzen nicht vor weltpolitischen Wechselfällen geschützt. Ein Thema, das auch im Dialog zwischen dem Schriftsteller David Wagner, 2015 Resident in der Villa Tarabya, und Johannes Ebert, dem Generalsekretär des Goethe-Instituts, anklingt. Ebert unterstreicht: „Gerade in turbulenten Zeiten, wie wir sie aktuell in der Türkei erleben, ist die Arbeit des Goethe-Instituts gefragt, um Freiräume zu erhalten. Die Solidarität, die dort im Gespräch zwischen türkischen und deutschen Kulturschaffenden entsteht, ist ein wichtiges Zeichen“. 
 
Schriftsteller David Wagner, Moderatorin Amira El Ahl und der Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert im Gespräch. Schriftsteller David Wagner, Moderatorin Amira El Ahl und der Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert im Gespräch. | Foto: Bernhard Ludewig Ebert rief 2004 in seiner Zeit als Goethe-Institutsleiter in Kairo ein den Residenzen verwandtes Stadtschreiber-Projekt ins Leben. Dabei habe er erlebt, welche „starke Reflexion über die Wahrnehmung des Fremden“ dadurch ermöglicht wurde. 
 
Kunst aus Erfahrung  
 
Wie sich die Residenzen – die eben nicht unmittelbar zweckgerichtet sind – künstlerisch niederschlagen können, zeigt das Kulturprogramm im silent green: Die Tänzerin und Objektkünstlerin Antje Töpfer, 2015 Stipendiatin in der Villa Kamogawa, zeigt Szenen ihres Stücks „3 Akte“. Sie hat in Japan eine besondere Form des Origami studiert und vollführt eine figurenreiche Performance mit einer kunstvoll gefalteten Papierbahn.
 
Auch die Musikerin Ulrike Haage hat 2012 in Kyoto etliche Inspirationen gefunden und „im Gehen die Gedanken für eine Komposition wachsen lassen“, wie sie erzählt. Eindrücke davon vermitteln Ausschnitte aus ihrem Klavierzyklus „For All My Walking“. Zudem hat die Residenz eine Zusammenarbeit mit der Regisseurin Doris Dörrie gefördert, für deren Film „Grüße aus Fukushima“ Haage die Musik schrieb. 
 
Der Lyriker und Romancier Matthias Göritz schließlich trägt Passagen aus seinem Buch „Die Sprache der Sonne“ vor, an dem er in der Villa Tarabya zu arbeiten begann. Es sei wichtig für Künstler, findet Göritz, „ihre Vision von der Welt mit der anderer abzugleichen“. Er betont, dies sei „ein Prozess, der in beide Richtungen wirkt“. 
 
Die Musikerin und ehemalige Stipendiatin Ulrike Haage. Die Musikerin und ehemalige Stipendiatin Ulrike Haage. | Foto: Bernhard Ludewig Freiräume auch für die Bedrohten 
 
Staatsministerin Böhmer wünscht sich darüber hinaus, dass die Residenzen angesichts der Verwerfungen durch Krieg und Flucht auch Orte der Zuflucht sein mögen: „Gerade Künstler, die in bedrohter Situation sind, brauchen Freiräume“.
  Einblicke in die Tanzperformance „3 Akte Einblicke in die Tanzperformance „3 Akte" von Antje Töpfer. | Foto: Bernhard Ludewig Von Patrick Wildermann