Frankfurter Buchmesse Die Vermessung der Literatur

„Dies ist, was wir teilen“ heißt das Motto der diesjährigen Buchmesse: Die Ehrengäste Flandern und die Niederlande verbindet die Sprache, aber auch die Nordsee (Foto: Thierry Renauld, mit freundlicher Genehmigung der Fondation Folon)
„Dies ist, was wir teilen“ heißt das Motto der diesjährigen Buchmesse: Die Ehrengäste Flandern und die Niederlande verbindet die Sprache, aber auch die Nordsee | Foto: Thierry Renauld (mit freundlicher Genehmigung der Fondation Folon)

Königlicher Besuch und göttliche Literatur: Drunter macht's die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr nicht. Auch das Goethe-Institut ist wieder dabei und wagt in diversen Gesprächsrunden den einen oder anderen Perspektivwechsel.

Am Anfang war das Wort. Oder im Anfang? Da geht es nämlich schon los. Wie übersetzt man die Bibel korrekt ins Deutsche? Martin Luther hat sich dieser großen Aufgabe angenommen, aber auch seine Fassung unterlag im Laufe der Jahrhunderte zahlreichen Anpassungen. Nun ist es mal wieder so weit: Nicht weniger als 70 Germanisten, Exegeten und Liturgieexperten haben sich sechs Jahre lang daran gemacht, Luthers Übersetzung zu überarbeiten. Das Ergebnis wird nun passend zum bald beginnenden Luther-Jahr auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

Doch ist die Bibel auch „das Buch der Bücher“, ist sie gleichzeitig ein Buch von Tausenden und Abertausenden, die die Verlage mit nach Frankfurt geschleppt haben. Allein aus den Niederlanden und Flandern, den diesjährigen Ehrengästen der Buchmesse, kommen knapp 400 Neuerscheinungen. 70 Autoren von dort werden sich persönlich auf den Weg zum Main machen und – drei königliche Hoheiten. Der niederländische König Willem-Alexander, der belgische König Philippe und die belgische Königin Mathilde werden die Frankfurter Buchmesse am kommenden Dienstag eröffnen. Danach haben dann auch Fachbesucher und an den letzten Tagen das breite Publikum Gelegenheit, die Literatur des doppelten Ehrengastes besser kennenzulernen.

„Wenn schon kennenlernen, dann richtig“, lautete im Februar das Motto des mairisch Verlags aus Hamburg. Er verlegte seinen Sitz deshalb für einen Monat nach Amsterdam. Über ihre dortigen Erfahrungen und Eindrücke, aber auch über ihre niederländischen Lieblingsautoren sprechen Verleger Daniel Beskos und Herausgeber Daniël van der Meer bei einer von zahlreichen Veranstaltungen, zu denen das Goethe-Institut die Messebesucher in die Halle 3 lädt.

Gehen, kam, geblieben ist der Titel einer weiteren Diskussionsrunde des Goethe-Instituts. Inwieweit sind die heutigen großen Flucht- und Migrationsbewegungen nach Europa tatsächlich so außerordentlich, wie sie angesichts akuter organisatorischer, gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen erscheinen? Die Diskutanten versuchen, die modernen Wanderbewegungen in eine Geschichte von Flucht und Migration in Europa einzuordnen.

Die Flüchtlingsthematik wird freilich auch von den nationalistischen und fremdenfeindlichen Kräften instrumentalisiert, die derzeit in nahezu ganz Europa Aufwind haben. Populistische Strömungen und Parteien arbeiten mit Vereinfachungen und Zukunftsängsten. Das ist in Deutschland so, aber auch in Dänemark, Polen oder Großbritannien, wo die Skepsis der Europäischen Union gegenüber im Brexit mündete. Auch die Kultur wird dabei gern als nationaler Abgrenzungsbegriff benutzt statt als Möglichkeit zum Dialog oder Bereicherung durch die Impulse unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen. In Deutschland etwa erfährt der Begriff der „Leitkultur“ in breiten Teilen der Bevölkerung eine Renaissance. Wie können Kulturinstitutionen in dieser Situation agieren und Zeichen setzen? Kann, ja, muss die Kunst diesen Tendenzen etwas entgegensetzen? Um diese Frage geht es bei der Podiumsdiskussion Populismus in Europa – Zur Rolle von Kunst und Kultur. Johannes Ebert, der Generalsekretär des Goethe-Instituts, diskutiert darüber mit der slowakischen Kuratorin Lenka Kukurova, der polnischen Historikerin Ruth Leiserowitz sowie dem dänischen Schriftsteller Carsten Jensen. Eine weitere Gesprächsrunde beschäftigt sich mit der Wahrnehmung Europas aus der Sicht der Nachbarn. In diesem Fall geht es speziell um die nordafrikanische und die libanesische Perspektive.

Von Trollen und Türmen

Eine besonders beliebte Form des internationalen Austauschs sind nach wie vor Residenzprogramme. Die Münchner Autorin Lena Gorelik verbrachte im Sommer sechs Wochen in Island. Dort hat sie zwar weder Trolle noch Kobolde gesehen, aber zahlreiche unerwartete Begegnungen gemacht und neue Inspirationen gefunden, über die sie in Frankfurt erzählt.

Aber auch mit der Zukunft Afrikas, oder besser: mit afrikanischen Zukünften beschäftigt sich das Goethe-Institut schon lange, jetzt auch auf der Buchmesse. Wie schauen Kulturschaffende in Afrika in die Zukunft? Bieten sie Gegenvisionen zu den verbreiteten, aber sehr extremen Sichtweisen, die für den Kontinent wahlweise den Niedergang oder den großen Investitionsboom voraussagen. African Futures heißt die Podiumsdiskussion, die diesen Perspektivwechsel versucht.

Außerdem geht es um deutsche Kriminalliteratur in Großbritannien, Künstler im Exil und Schriftstellerinnen im Irak. Das gesamte Programm des Goethe-Instituts auf der Buchmesse finden Sie hier.

Die Buchmesse findet vom 18. bis 25. Oktober statt. Auf der mehr als 500 Jahre alten Messe werden rund 7.000 Aussteller und 300.000 Besucher erwartet. Hunderte Autoren werden ihre Werke persönlich vorstellen – von Cees Nooteboom bis Wolf Biermann. Die Frankfurter Buchmesse ist die größte ihrer Art und ein ermutigendes Indiz dafür, dass das schon so oft prophezeite Ende des Buches noch ein wenig auf sich warten lässt. Allein in Deutschland sind im vergangenen Jahr 76.547 neue Titel erschienen. Würde man sie alle aufeinanderstapeln, würde ein Turm entstehen, der sieben mal so hoch wäre wie der Eiffelturm.

-db-