Damaskus im Exil Die Kunst, vom Krieg zu sprechen

Heute startet „Damaskus im Exil“ in Berlin.
Heute startet „Damaskus im Exil“ in Berlin. | Foto: Bernhard Ludewig

Kultur in der Fremde. Oder doch schon in vertrauter Umgebung? Auf diese Frage versucht das Goethe-Institut in der Veranstaltungsreihe „Damaskus im Exil“ Antworten zu finden. Zwei Wochen lang erörtern syrische Künstlerinnen und Autoren die Auswirkungen von Krieg und Vertreibung auf ihre Arbeit.

Bilder. Von Menschen, die sich gegen das Regime erheben, protestierend auf die Straße gehen. Danach andere Bilder von Särgen, die Leichen bergen. Die der Demonstranten vermutlich, niedergeschossen von den Schergen des Assad-Regimes.

Bilder aus der Theaterproduktion „Während ich wartete“ des syrischen Dramatikers Mohammad Al-Attar, aufgeführt im Rahmen des Basler Theaterfestivals. Was stellen diese Bilder dar? Aus Sicht einer der Protagonisten, Taim, vor allem eines: Revolutionskitsch und sentimentalen Polit-Pathos für das Publikum in der Ferne.

Der Oudspieler Nabil. Der Oudspieler Nabil. | Foto: Bernhard Ludewig Taim war mit seiner Kamera einst Chronist des Bürgerkriegs, nach einer Prügelattacke ins Koma gefallen, aus dem er, muss man befürchten, nie wieder aufwachen wird. Und wenn er so etwas wie eine Botschaft hinterließe, dann vielleicht diese: Lasst euch nicht missbrauchen. Auch nicht für die gute Sache. Unausgesprochen schwingt ein weiterer Vorbehalt mit – nämlich der, dass man bei so viel Gewalt gar nicht mehr weiß, wer eigentlich für die gute Sache steht.

Über die Abgründe des Engagements werden Mohammad Al-Attar, Dramaturg Abdullah Al Kafri und Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, diskutieren.

Attars komplexes, kunstvoll von Widersprüchen und Vorbehalten durchzogenes Stück bringt zudem eine der zentralen ästhetischen und ethischen Fragen auf den Punkt: Wie spricht man von, wie zeigt man heute die syrische Revolution, oder besser das, was im sechsten Jahr von ihr übriggeblieben ist? Wie spricht man, gerade in räumlicher Distanz zu ihr, von einer entfesselten Gewalt, die für Außenstehende allzu leicht zum Schauspiel und zur Projektionsfläche durchaus auch erbaulichen Mitleids werden kann? Wie steht es um die Strategien politisierter Kunst?

„Ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei“

Wer den Krieg darstellt, läuft leicht Gefahr, jenen Umschlag von der Barbarei zum Biedermeier zu bedienen, den Goethe im „Faust“ mit scharfem Blick für die Abgründe deutscher, vielleicht auch europäischer Gemütlichkeit umrissen hat: „Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit, in der Türkei, / Die Völker aufeinander schlagen.“ Ja, das kann man sich durchaus mit Behagen anschauen, und fühlt sich gar nicht schlecht dabei: „Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus / Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten; / Dann kehrt man abends froh nach Haus, / Und segnet Fried und Friedenszeiten.“

Künstlerin Alina Amer. Künstlerin Alina Amer. | Foto: Bernhard Ludewig Krieg als Schauspiel – gerade Dramatiker und Dramaturgen dürften sich aufgerufen fühlen, sich der Zweideutigkeit des Begriffs „Schauspiel“ zu entsinnen und angemessen damit umzugehen. Denn allzu leicht laufen sie im Exil Gefahr, zu Verbündeten ihres Publikums zu werden: nämlich in der Produktion von Ergriffenheit, die niemals dagegen gefeit ist, eine inszenierte, stilisierte zu sein. Den Wein, zu dem Goethes „Nachbar“ im „Faust“ so gern greift, gibt es schließlich auch nach jeder Vorstellung. Läuft es schlecht, kippt die künstlerische Auseinandersetzung mit einem laufenden Kriegsgeschehen um in schlichten Voyeurismus.

Erzählen, was passiert ist

Sprechen aber muss man. Schon allein deshalb, weil eine Option sich nicht anbietet: die des Schweigens. „Zwei Millionen Menschen starben. Stell dir vor, du gehst durch deine Straßen nach Hause, und alle Menschen sind tot.“ So schreibt es die kambodschanische Autorin Kim Iklin in ihrem Roman „Die Vermisste“.

Für Iklin ist nach der Katastrophe nur eine Entscheidung folgerichtig: „Erzähl anderen, was passiert ist.“ Das tut sie nun auch auf Arabisch, dank des Engagements des Verlegers Marwan Adwan, Leiter von Mamdouh Adwan Publishing. Die arabische Sprache durch neue Autoren und Übersetzungen aus anderen Sprachen zu fördern, ist ein zentrales Anliegen Adwans. Ein weiteres Anliegen: jenen Debattenraum zu erweitern, dessen die arabische Kultur – wie jede Kultur – so dringend bedarf.

Filmregisseurin und -produzentin Diana El-Jeroudi. Filmregisseurin und -produzentin Diana El-Jeroudi. | Foto: Bernhard Ludewig Auch und gerade in Zeiten, in denen nicht nur in Syrien die politische Regie von Protagonisten übernommen worden ist, die zum gedruckten Wort ein eher distanziertes Verhältnis haben. Dafür jedoch ein umso innigeres zum gebrüllten Wort, dem scharf schneidenden Befehl, der Lust an der verbalen Erniedrigung. Über die syrische Verlagsszene werden sich Marwan, seine Kollegin Samar S. Haddad und der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, unterhalten.

Er leide weiterhin an Albträumen, bekennt der Schriftsteller Assaf Alassaf. In einem dieser Träume gerät er in Gefangenschaft eines Soldaten und wird abtransportiert. Wohin, verrät der Soldat ihm trotz inständiger Bitten mit keinem Wort. Irgendwann erreichen Wächter und Geisel das Ziel: einen abgedichteten Raum, dessen diensthabender Offizier den Gefangenen einer nicht endenden Orgie von Schlägen und Beschimpfungen aussetzt.

Damaskus ist zum Ort des Schreckens geworden.

Rückkehr nach Damaskus?

Brutalität lässt Zivilität hinwegschmelzen: Der Wille zur Verständigung hat keinen Ort mehr. „Worte sind weiße Zwillingslämmer / die in alle Richtungen laufen“. So hat der palästinensische Dichter Zakariya Muhammad die fragilen Bestandteile menschlicher Ausdrucksfähigkeit beschrieben, die nun, entschiedener denn je, in alle Richtungen davon streben und die kulturellen Räume vor Ort veröden lassen.

Sprache stirbt, zerschlagen von den Fäusten und Waffen ihrer Verächter. Darum muss sie ins Exil gehen. Wie aber stehen die Möglichkeiten, zurückzukehren? Darüber werden Assaf Alassaf und die Autorinnen Colette Bahna und Ulla Lenze diskutieren.

Und darum macht es zuletzt sehr wohl Sinn, der Sprache dieses Exil zu bieten. All jene Staaten, die den Opfern des Krieges nun Schutz bieten, schaffen auch der Zivilität einen Raum. Denn hier sind auch diejenigen sicher, die in der Zeit vor den Kriegen für das Wort eintraten, verstanden als vornehmste Fähigkeit des Menschen überhaupt, als (wenn man so will) sein transzendentes Organ, durch das er über sich selbst hinaustritt, den Radius des Denkens und Empfindens ins Unendliche erweitert.

Ein Raum für die Kultur

Auf der Pressekonferenz (von links): Jörg Schumacher, Pelican Mourad, Johannes Ebert, Diana El Jeroudi und Alina Amer. Auf der Pressekonferenz (von links): Jörg Schumacher, Pelican Mourad, Johannes Ebert, Diana El Jeroudi und Alina Amer. | Foto: Bernhard Ludewig Gewiss: Die Auseinandersetzung mit dem Exil und der Gewalt im Nahen Osten (einer Gewalt, der Europa, insbesondere Deutschland, nun tatsächlich immer näher kommt) kann schnell zum „Leidens-Porno“ werden, wie man es am Goethe-Institut einmal genannt hat. Aber das kann kein Grund sein, auf das Schweigen zu setzen. Kultur braucht Raum.

Diesen Raum zu stellen, ist, um das pathetische Wort zu gebrauchen, die Menschheit nicht nur den Syrern schuldig. Sie ist es sich selbst schuldig. Denn Damaskus im Exil bedeutet auch und vor allem die Zivilisation im Exil.

Nur dort kann sie derzeit überleben.

Von Kersten Knipp