Journalistenaustausch Delmenhorst und der Ost-West-Konflikt

Elena Taxidou erkundet Berlin.
Elena Taxidou erkundet Berlin. | Foto: Elena Taxidou

Wie sieht eine estnische Journalistin Bremen? Welche Entdeckungen macht ein Berliner Journalist in Riga? Der Journalistenaustausch „Nahaufnahme" widmet sich in diesem Jahr den Ländern des Baltikums und Griechenland. Zehn Journalistinnen und Journalisten berichten vier Wochen lang aus einem anderen Land, wo sie auf Fremdes und Vertrautes stoßen.

„Nicht jede Hundehütte hat Wände mit Wandfliesen!“ Das steht unter einem Schnappschuss von Greete Palmiste, den sie in Delmenhorst aufgenommen und im Blog gepostet hat. Im Rahmen des Journalistenaustauschs „Nahaufnahme“ war die aus Tallinn stammende Journalistin von Estonian Public Broadcasting (ERR) vier Wochen zu Gast bei der taz in Bremen. Die Redaktion hatte sie unter anderem deswegen nach Delmenhorst geschickt, weil dort 14 Prozent der Wähler für die AfD gestimmt hatten – eine negative Überraschung. Zudem schien aus Sicht der Hansestädter Delmenhorst eine arme und hässliche Stadt zu sein. Greete Palmiste erwartete „Bettelkinder, verfallene Blockhäuser, verfilzte Straβenhunde“.

Doch was sie vorfand, war eine höfliche, wenn auch verschlafene Stadt im Sonnenschein. Ihr eigenes Verständnis von Hässlichkeit verbindet sie mit den Plattenbauten der 80er-Jahre: „Diese Häuser weinen, wenn es regnet, und alle ihre Tränen sammeln sich im Keller. In diesen Häusern hörst du, ob in der Nachbarwohnung geliebt oder gehasst wird.“ Solche Häuser, wenn sie für ihre Heimat auch nicht charakteristisch seien, gebe es in Estland viele, nicht aber in Delmenhorst.

Der Hauptbahnhof von Bremen. Der Hauptbahnhof von Bremen. | Foto: Greete Palmiste Perspektivwechsel

Das Beispiel zeigt, worum es bei der „Nahaufnahme“ geht: eine andere Stadt, ein anderes Land aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen, über die eigene und über die andere Kultur nachzudenken, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, auch in professioneller Hinsicht.

Der Journalistenaustausch des Goethe-Instituts existiert bereits seit 2008. Inzwischen haben mehr als 60 Journalistinnen und Journalisten, ganz gleich ob aus dem Bereich Print, TV, Radio oder Online daran teilgenommen. Deutsche Journalistinnen und Journalisten sind für einen Monat zu Gast in Redaktionen in anderen Ländern; im Gegenzug bekommen sie Besuch von ihren Austauschpartnern. Während dieser Zeit werden sie in den Redaktionsalltag vor Ort eingebunden; für das Gastmedium und zum Teil für ihr Heimatmedium berichten sie über ihre Eindrücke in der fremden Stadt.

Elena Taxidou, die aus Griechenland zum Austausch nach Berlin reiste. Elena Taxidou, die aus Griechenland zum Austausch nach Berlin reiste. | Foto: Elena Taxidou In Form eines Mentorings stehen sich die Austauschpartner während des Aufenthalts in der Gast-Redaktion zur Seite. Die Artikel und Beiträge (in der Muttersprache der Journalisten verfasst) erscheinen nach Übersetzung durch das Goethe-Institut regelmäßig im Gastmedium. Zusätzlich werden alle Texte und Beiträge auf der Nahaufnahme-Website publiziert. Dort gibt es zudem einen Blog, in dem persönliche Beobachtungen und Begegnungen festgehalten werden können.

„I am Russian! We have the best fish!"

In diesem Jahr widmet sich die „Nahaufnahme" den Ländern des Baltikums sowie Griechenland. Zehn Journalistinnen und Journalisten, unter anderem von der Deutschen Welle in Berlin, von LRT Televizija in Vilnius oder vom Magazin Parallaxi in Thessaloniki nehmen daran teil. Sie berichten von einer „Faust"-Premiere an der Lettischen Nationaloper, vom estnischen Verhältnis zum Thema Geflüchtete oder von der Stationierung deutscher Soldaten in Litauen.

Zu Gast bei Latvijas radio in Riga. Zu Gast bei Latvijas radio in Riga. | Foto: Cornelius Wüllenkemper Aber auch die Geschichte des jeweiligen Landes, die aus der Ferne nicht immer leicht zu entdecken ist, tritt in ihren dichten Beschreibungen des Alltagslebens zu Tage. „Nie zuvor habe ich die Spuren des früheren Ost-West-Konflikts so deutlich gesehen wie hier. Architektonisch. Sprachlich. Medienpolitisch. Zwischenmenschlich“, hält der freie Journalist Cornelius Wüllenkemper in seinem Blog aus Riga fest. „Die Fischverkäuferin auf dem Zentralmarkt, die mir voller Stolz verkündet: ‚I am Russian. We have the best fish!’ […] Olga, die junge russische PR-Managerin, die mir versichert: Wer den russischen Medien in Lettland traut, hat keine Verwandten in Russland, die ihm über die Armut und Korruption im Land erzählen können.“

Auf dem Zentralmarkt von Riga. Auf dem Zentralmarkt von Riga. | Foto: Cornelius Wüllenkemper Dort, wo wir nicht sind

Die ungefilterten Beobachtungen, der unverstellte Blick der Journalistinnen und Journalisten der „Nahaufnahme“ bergen großes Potenzial. Sie schärfen den Blick für alltägliche Situationen, für sich widersprechende Meinungen, bringen aber auch Themen zu Papier, von denen man sonst wenig hört. Sie bringen uns das nahe, was wir selbst nicht kennen, im Großen wie im Kleinen, wobei jedes Vorurteil hinterfragt wird. Sie sind dort, wo wir nicht sind. Wie hieß es in einem Lied von Element Of Crime so schön? „Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist / und das ist immer Delmenhorst“.

Von Alexander Behrmann