Deutschlandjahr in Mexiko Einmal Jenseits und Zurück

 Für die Ausstellung „Einmal Jenseits und zurück“ packten Deutsche und Mexikaner je einen Koffer für ihre „letzte Reise“.
Für die Ausstellung „Einmal Jenseits und zurück“ packten Deutsche und Mexikaner je einen Koffer für ihre „letzte Reise“. | Foto: José Jasso

Im Juni begann das Deutschlandjahr in Mexiko – und parallel dazu das Mexikojahr in Deutschland. Einige der Veranstaltungen kreisen um das Thema Tod und die Frage, wie extreme Gewalt künstlerisch aufgearbeitet werden kann.

Auf dem Xilotepex-Friedhof in Xochimilco sieht es aus wie auf einem Volksfest: Die Gräber sind mit orange leuchtenden Cempasúchil-Blumen geschmückt. Dazu haben viele die Lieblingsspeisen und -getränke der Verstorbenen mitgebracht. Es ist der zweite November, und heute wird in Mexiko der legendäre „Día de los Muertos“ begangen. Es heißt, dass an diesem Tag die Seelen der Toten ihren Angehörigen einen Besuch abstatten, und mit Speis, Trank und Musik wird ihnen ein feierlicher Empfang bereitet.
 


Xochimilco liegt am Rande von Mexiko-Stadt. Es ist ein Stadtteil, in dem man bis heute die Geschichte eines Landes spüren kann, die lange vor der „Conquista“ begonnen hat. Aber auch in den schickeren, erstaunlich grünen Innenstadtbezirken von Mexiko-Stadt, in Vierteln wie Roma und Condesa, kann man dem Tod in diesen Tagen nicht entgehen. Motiven von Totenköpfen, Skeletten und Sensenmännern begegnet man an fast jeder Straßenecke. Es ist ein frivoles Spiel mit dem Tod und seinen Symbolen. Uns mag solch ein Umgang befremdlich erscheinen, wo wir den Tod weitgehend tabuisiert und aus unserem Alltag verbannt haben. Doch in Mexiko hat er eine lange Tradition. Sie hat auch mit präkolumbianischen Vorstellungen zu tun, nach denen Leben und Tod Phasen eines unendlichen Kreislaufs sind, der sich unaufhörlich wiederholt.

Koffer packen für das Jenseits

Bei allen kulturellen Unterschieden sollte man allerdings mit Pauschalisierungen vorsichtig sein. Denn den Mexikanern gehe der Tod von guten Freunden oder Familienangehörigen natürlich auch sehr nahe, sagt Walther Boelsterly, der Direktor des Museo del Arte Popular in Mexiko-Stadt. Dort ist seit Ende Oktober die Ausstellung „Einmal Jenseits und zurück“ zu sehen. Sie ist nur eine von mehreren vom Goethe-Institut unterstützten Veranstaltungen im Rahmen des „Deutschlandjahres“ in Mexiko, bei denen die Themen Gewalt und Tod im Fokus stehen.

Ein Koffer für das Jenseits. Ein Koffer für das Jenseits. | Foto: José Jasso Für die Ausstellung haben Deutsche und Mexikaner je einen Koffer für ihre „letzte Reise“ gepackt. Entstanden sind liebevoll zusammengestellte Gepäckstücke, die neben persönlichen Erinnerungen häufig Fotos, Kerzen, Blumen und Bücher enthalten. Den beigefügten Erklärungen merkt man an, dass die Auseinandersetzung mit dem Tod alle Beteiligten zum Nachdenken über essentielle Fragen angeregt hat. Manche verzichteten dann auch auf materielle Gegenstände – in einem Koffer liegt etwa nur ein weißes Kissen auf dem in schwarzen Lettern „Nichts“ steht. Daneben ist ein Zitat von Kurt Schwitters zu lesen: „Die Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache.“ Laut Walther Boelsterly zeigt die Ausstellung vor allem eines: „Der Tod ist ein universelles Ereignis, dem keiner entgehen kann.“

Konferenz zu Kunst und Gewalt

Ganz in der Nähe des Museo del Arte Popular fand Anfang November die Konferenz „Dunkle Materie“ statt. Kuratiert von der deutschen Kulturwissenschaftlerin Anne Huffschmid und der mexikanischen Künstlerin Mariana Castillo Deball waren dazu forensische Anthropologen, Künstler und Kuratoren aus aller Welt in das Nationale Kunstmuseum MUNAL eingeladen. In einem transdisziplinären Dialog ging es darum, wie die Künste extreme Gewalt verarbeiten können.

Die Konferenz „Dunkle Materie“ lud forensische Anthropologen, Künstler und Kuratoren aus aller Welt in das Nationale Kunstmuseum MUNAL ein. Die Konferenz „Dunkle Materie“ lud forensische Anthropologen, Künstler und Kuratoren aus aller Welt in das Nationale Kunstmuseum MUNAL ein. | Foto: Goethe-Institut Zu den vorgestellten Arbeiten gehörte das Projekt „MenschenDinge“, mit dem Esther Shalev-Gerz in der blutgetränkten Erde des KZ Buchenwald gefundene Alltagsgegenstände durch Fotos und Videointerviews wieder zum Sprechen gebracht hat. Laura Valencia wickelte dagegen Statuen von mexikanischen Nationalheiligen aus dem 19. Jahrhundert mit einer dicken schwarzen Kordel ein. Die mexikanische Künstlerin brachte die Denkmäler zum Verschwinden – und gedachte so der Zehntausenden von „Verschwundenen“ in ihrer Heimat.

Der mexikanische Historiker und Anthropologe Mario Rufer brachte bei der Konferenz den Begriff „Nekropolitik“ ins Spiel. Er beschreibt systematische Gewalt in postkolonialen Zeiten wie sie in Mexikos „Krieg gegen die Drogen“ seit 2006 herrscht. Den Begriff hat der kamerunische Philosoph Achille Mbembe in Anlehnung an Foucault entwickelt und als „Unterwerfung des Lebens unter die Macht des Todes“ definiert. Gemeint ist damit die durchaus einer rationalen Logik folgende Ausübung von direkt auf die Körper zielende Gewalt zur Demonstration von Macht und deren Erhalt.

Erste Otto Dix-Ausstellung in Mexiko

Die Arbeiten von Otto Dix sind im „Deutschlandjahr“ erstmalig in Mexiko zu sehen. Die Arbeiten von Otto Dix sind im „Deutschlandjahr“ erstmalig in Mexiko zu sehen. | Foto: Mario Dominguez Dass die Gewalt, die den Alltag in einigen Regionen Mexikos beherrscht, nicht nur eine Ursache hat und vor allem keine anthropologische Konstante ist, die allein Mexiko betrifft, ließ sich im MUNAL gleich neben der Konferenz beobachten. Dort sind die verstörenden Arbeiten von Otto Dix zum „Deutschlandjahr“ erstmalig in Mexiko zu sehen. In der großen, noch bis Mitte Januar laufenden Werkschau des Künstlers zeigt sich, wie stark Dix die traumatischen Fronterlebnisse im Ersten Weltkrieg geprägt haben. „Totentanz“, „Granattrichter“, „Zerschossene“: Dix‘ Zeichnungen im Eingangsbereich der Ausstellung führen einem vor Augen, wie schnell das Menschliche in der Barbarei eines Krieges zerfallen kann.

Von Ole Schulz


Das Deutschlandjahr in Mexiko wird von der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt. Unter Leitung des Auswärtigen Amts wirken im Lenkungsausschuss das Goethe-Institut und der BDI (Bundesverband der Deutsche Industrie e.V.) partnerschaftlich zusammen. Die Projektleitung und -durchführung liegt beim Goethe-Institut Mexiko.

Koordiniert durch die Deutsche Botschaft findet eine intensive Zusammenarbeit im engen Netzwerk deutscher Organisationen vor Ort statt (Deutscher Akademischer Austauschdienst, Deutsche Zusammenarbeit in Mexiko, Deutsch-Mexikanische Industrie- und Handelskammer, Kulturstiftung der Deutschen Industrie und weitere Kulturmittler).

Hinzu kommt ein Kuratorium aus hochrangigen Vertretern von Wirtschaft und Kultur. Weitere Akteure und Beteiligte beim Deutschlandjahr sind die Bundesressorts, Deutscher Bundestag, Bundesländer, Verbände, Universitäten, Institute, MPG, DFG, AvH, Stiftungen, Kirchen, die Deutsche Welle und Organisationen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.