Eröffnung der Vila Sul in Salvador Basislager des Süd-Süd-Dialogs

Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin des Goethe-Instituts São Paulo und Regionalleiterin Südamerika; der deutsche Botschafter in Brasilien Georg Witschel; Klaus-Dieter-Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts; Bundestagspräsident Norbert Lammert und Manfred Stoffl, Leiter des Goethe-Instituts Salvador-Bahia bei der Eröffnung der Vila Sul (v.l.n.r.).
Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin des Goethe-Instituts São Paulo und Regionalleiterin Südamerika; der deutsche Botschafter in Brasilien Georg Witschel; Klaus-Dieter-Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts; Bundestagspräsident Norbert Lammert und Manfred Stoffl, Leiter des Goethe-Instituts Salvador-Bahia bei der Eröffnung der Vila Sul (v.l.n.r.). | Foto: Caroline Paternostro

Das Goethe-Institut eröffnet in Salvador da Bahia sein erstes Residenzhaus auf der Südhalbkugel. Künstler und Intellektuelle sollen in der Vila Sul zukünftig den Süd-Süd-Dialog vorantreiben. Die ehemalige Hauptstadt der Kolonie Brasilien bildet die spannende Kulisse dafür.

Die Welt auf den Kopf gestellt

Der brasilianische Außenminister empfängt Besucher meist vor einem riesigen Wandteppich. Es ist eine geknüpfte Weltkarte aus dem Jahr 1503, welche die Betrachter verwirrt. Denn darauf scheint die Welt auf dem Kopf gestellt: Der Süden der Weltkugel befindet sich oben, im Zentrum der Karte. So sahen die Portugiesen bei ihrer Ankunft in Brasilien die Welt. Aus dieser Perspektive sehen auch Brasiliens Diplomaten ihr Land global eingeordnet. Die Landkarte ist kein Wandschmuck, sie ist Programm: Seht her, lautet die überraschend aktuelle Botschaft, der Süden steht im Zentrum der Welt.

Die Aussage könnte auch als Leitmotiv für das neueste von weltweit drei eigenen Residenzhäusern gelten, welche das Goethe-Institut nun nach Kyoto und Istanbul in Salvador da Bahia eröffnet hat. „Vila Sul”, heißt es, also das „Dorf des Südens“.

Klaus-Dieter Lehmann, Norbert Lammert und Georg Witschel kurz vor dem symbolischen Scherenschnitt. Klaus-Dieter Lehmann, Norbert Lammert und Georg Witschel kurz vor dem symbolischen Scherenschnitt. | Foto: Caroline Paternostro

„Gesellschaften brauchen vor allem dann Veränderungen, wenn sie das am wenigsten wollen“

„In Salvador soll unser Süd-Süd-Dialog weltweit konzentriert werden“, sagte Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts bei der feierlichen Eröffnung. Jährlich werden bis zu 24 Kulturschaffende, Künstler sowie Wissenschaftler und Publizisten für zwei bis drei Monate dort leben und arbeiten. „Vila Sul soll ihr Basislager sein“, erklärte Lehmann. „Aus den persönlichen Begegnungen sollen anhaltende Lernprozesse und -gemeinschaften entstehen.“

Nicht nur deutsche, sondern Kunstschaffende aus aller Welt werden dort arbeiten und leben. Der ebenfalls zur Eröffnung angereiste Bundestagspräsident Norbert Lammert erinnerte daran, dass nicht Kulturen miteinander kommunizieren, sondern Menschen. „Gesellschaften brauchen vor allem dann Veränderungen, wenn sie das am wenigsten wollen“, analysierte Lammert die weltweit stattfindenden gesellschaftlichen Wandlungsprozesse. „Kunst und Kultur sind entscheidende Vermittler dieser Veränderungen für die Gesellschaft.“ Mit ihrer Kraft sei die Kunst in der Lage, grundlegende gesellschaftliche Prozesse in Gang zu setzen.

Ideentausch über Grenzen hinweg

Lammert erinnerte daran, dass vor genau 40 Jahren Wolf Biermann nach seinem Auftritt in Köln von der DDR ausgebürgert wurde. „Das war im Nachhinein gesehen der Anfang vom Ende des Regimes“, sagte Norbert Lammert. Georg Witschel, deutscher Botschafter in Brasilien, erklärte, dass Künstler, die „Hirn und Herz“ öffneten, also der Ideenaustausch über Grenzen hinweg, jetzt besonders wichtig seien – „in Zeiten der Bauernfängerei, wo mit dem anwachsenden Nationalismus versucht wird, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben“.
  • Foto: Aldren Lincoln Foto: Aldren Lincoln
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Seit Oktober 2016 wohnen und arbeiten in der „Vila Sul” die ersten Residentinnen und Residenten, darunter Adolphe Binder (designierte künstlerische Leiterin des Tanztheaters Wuppertal), Grada Kilomba (Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und interdisziplinäre Künstlerin), Christoph Bieber (Politikwissenschaftler) und Sigrid Garais (Dramaturgin und Kuratorin für Tanz). Jürgen Kirner, Bühnenbildner aus Berlin, präsentierte gemeinsam mit der Schauspielerin Iami Rebouças und dem Dramaturgen Aldri Anunciação zur Eröffnung ein deutsch-brasilianisches Gemeinschaftswerk: „Eine Frau auf dem Boden des Meeres“ hieß das eindrückliche Solostück, bei dem sich die Zuschauer im Studio-Theater des Goethe-Instituts tatsächlich auf den sandigen Meeresboden versetzt fühlten.

Auch der Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen hatte zu Jahresbeginn einige Monate im Auftrag eines Goethe-Projektes auf den Spuren des deutschen Schriftstellers Hubert Fichte in Südamerika geforscht. Er interpretierte in einem Vortrag Salvadors reiche Musiktradition als avantgardistische Sound-Art, bei der sich Klänge demokratisch vermischten ohne sich gegenseitig zu stören.

Wohnen zwischen Mangobäumen

Das Goethe-Institut eröffnet in Salvador da Bahia sein erstes Residenzhaus auf der Südhalbkugel. Das Goethe-Institut eröffnet in Salvador da Bahia sein erstes Residenzhaus auf der Südhalbkugel. | Foto: Aldren Lincoln Alle zwei Monate werden von nun an neue Residentinnen und Residenten nach Salvador de Bahia reisen. Das Institut bietet mit einem voll ausgestatten Studio-Theater, zwei Galerien, einem von riesigen Mangobäumen bewachsenen Innenhof und einer Präsenz-Bibliothek ideale Bedingungen für die Begegnungen der Kulturschaffenden. Die Künstler leben während ihres Aufenthalts in Appartements im Loftstil im obersten Stockwerk des Goethe-Instituts. Sie teilen sich eine geräumige Wohnküche, sodass sich die Teilnehmer auch untereinander austauschen können.

„Die Teilnehmer sollen ergebnisoffen und zweckfrei neue Sichtweisen von Kunst und Kultur ausprobieren“, sagt Katharina von Ruckteschell-Katte, Regionalleiterin der Goethe-Institute in Südamerika.

Das Institut ist auch wegen seiner Lokalisierung perfekt geeignet als internationale Begegnungsstätte der Kunstschaffenden im Süd-Süd-Dialog: Die renovierte Villa liegt im Zentrum der Drei-Millionen-Metropole. Salvador war die erste Hautstadt Brasiliens und über Jahrhunderte hinweg das Zentrum des weltweiten Sklavenhandels. Der Bundesstaat Bahia gilt wegen seiner afrobrasilianischen Wurzeln als die Wiege der brasilianischen Volkskultur.


Globale Machtstrukturen aus der Südperspektive

Das Goethe-Institut gibt es dort seit 1962. Unter der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) diente es der brasilianischen Opposition und Kunstszene als Rückzugsort gegenüber der staatlichen Repression – wofür das Goethe-Institut bis heute in Salvador einen legendären Ruf in der Kulturszene besitzt. „Es gibt wenig andere Orte weltweit, die so prädestiniert sind, globale Machtstrukturen aus der Südperspektive zu überdenken wie Salvador“, sagt Manfred Stoffl, Leiter des Goethe-Instituts.

Die engen Beziehungen zwischen dem Goethe-Institut und Brasilien lassen sich übrigens bis zu seinem Namensgeber zurückverfolgen: Zwar habe es Goethe nicht nach Brasilien geschafft, erklärte Klaus-Dieter Lehmann. Doch die letzten Jahre habe er sich als Geheimrat so intensiv mit Brasilien befasst, dass er in Weimar als „der Brasilianer“ gegolten habe. Es scheint, als sei das deutsche Kulturinstitut mit seinem Residenzprogramm in Salvador so im übertragenen Sinn zu seinen ideellen Wurzeln zurückgekehrt.

Von Alexander Busch


Partner der Residenz Vila Sul sind die Robert Bosch Stiftung, das Musicboard Berlin, die Kunststiftung Sachsen-Anhalt und CALQ (Conseil des Arts et des Lettres du Québec ).