Digital Access To Knowledge Feuerbälle und Flaschenraketen

Die Teilnehmerinnen von „I Am Science“.
Die Teilnehmerinnen von „I Am Science“. | Foto: Miora Rajaonary

Um mehr Frauen für Technikberufe zu begeistern, hat das Goethe-Institut Südafrika die „I Am Science“-Kampagne ins Leben gerufen, die sich vor allem an Schülerinnen zwischen 13 und 15 Jahren aus sozial benachteiligten Stadtgebieten richtet.

In einem Workshop für junge Kampagnenbotschafterinnen in Johannesburg erinnerte Projektkoordinatorin Victoria John kürzlich daran, dass der Technologiesektor weltweit einen Frauenanteil von lediglich 30 Prozent aufweise.

Großen Anteil an dieser Zahl hat in Südafrika ein Bildungssystem, das vor zahlreichen Herausforderungen steht: An vielen öffentlichen Schulen fehlt es im Bereich Naturwissenschaften an der entsprechenden Ausstattung. Zudem sind viele Lehrkräfte auf diesem Gebiet schlecht ausgebildet. Einem Bericht vom Juni 2016 zufolge verfügen nur 18 Prozent aller staatlichen Schulen über ein Labor, weshalb viele Kinder noch nie ein Experiment miterlebt, geschweige denn selbst eines durchgeführt haben.

Zwei Teilnehmerinnen von „I Am Science“ experimentieren. Zwei Teilnehmerinnen von „I Am Science“ experimentieren. | Foto: Noemie Njangiru Bathabile Mpofu, eine der Referentinnen des Workshops, ist Wissenschaftlerin und Unternehmerin. Ihre Firma Nkazimulo Applied Sciences vertreibt einen Schüler-Experimentierkasten mit 52 Versuchen für das heimische Wohnzimmer.

Neugierde, kritisches Denken und kreatives Lernen fördern

In ihrem Vortrag ließ Mpofu vor den rund 30 Mädchen ihre eigene Schulzeit Revue passieren. Da es an ihrer Schule kein Labor gegeben habe, hätten ihre Freundinnen und sie die Dinge buchstäblich selbst in die Hand genommen – als sie zum Beispiel einen Frosch sezieren wollten, fingen sie kurzerhand einen im Garten und baten dann ihren Lehrer um Hilfe.

Laut John möchte das Goethe-Institut mit der „I Am Science“-Kampagne nicht nur einen Beitrag zur Gleichberechtigung leisten, sondern auch die wissenschaftliche und technologische Entwicklung in Afrika vorantreiben.

Noemie Njangiru, Leiterin der Abteilung Kultur und Entwicklung am Goethe-Institut Johannesburg, erklärt dazu: „Im demografisch sehr jungen Afrika südlich der Sahara möchten wir Neugierde, kritisches Denken und kreatives Lernen fördern. Deshalb hat das Goethe-Institut dort zahlreiche Initiativen gestartet, etwa um unter der weiblichen Bevölkerung für mehr digitale Kompetenz zu sorgen, oder durch den Einsatz von Mobilgeräten im Schulunterricht die Alphabetisierungsrate zu steigern. Aber ‚I Am Science‘ ist unser bislang ehrgeizigstes Projekt.“

Victoria John, Projektkoordinatorin von „I Am Science“. Victoria John, Projektkoordinatorin von „I Am Science“. | Foto: Miora Rajaonary In der Planungsphase hatten Njangiru und ihr Team von Anfang an die soziokulturellen Besonderheiten Südafrikas im Blick. „Auf dieser Grundlage wurden die inhaltlichen Schwerpunkte der Kampagne abgesteckt: Es sollten digitale Medien zum Einsatz kommen, sich alles um naturwissenschaftliche Themen drehen, und in erster Linie Mädchen dafür begeistert werden. Dabei war uns auch die Zusammenarbeit mit Vertretern der Bildungs- und E-Learning-Branche wichtig, um von deren Erfahrungen auf dem Gebiet zu profitieren.“

Im Hinblick auf den Einsatz digitaler Medien im Rahmen von Bildungsprojekten lasse sich aus der Vergangenheit nämlich allerhand lernen, so Victoria John.

Trotz üppiger Fördermittel von staatlicher und privater Seite seien dabei viele Fehler gemacht worden, ganz abgesehen von den finanziellen Verlusten:

„Bei vielen gutgemeinten Regierungs- und Unternehmensinitiativen wurden die Schulen mit Smartphones, Tablets und E-Readern regelrecht überhäuft“, sagt John.

Die Angst, irgendwann vom Computer ersetzt zu werden

„Auf diesen Geräten befanden sich meist unglaublich hochwertige, gut gemachte Lehrinhalte, aber die Schulen konnten damit nichts anfangen, da den Lehrkräften – für die sie in erster Linie gedacht waren – niemand gezeigt hatte, wie man solche Hilfsmittel im Unterricht effektiv einsetzt.“

„Ganz abgesehen davon wurde bei der Planung oft nicht bedacht, wie misstrauisch und zynisch die meisten Lehrenden dem technischen Fortschritt gegenüberstehen, aus Angst, irgendwann von einem Computer ersetzt zu werden“, fügt John hinzu.

„Das ist natürlich Unsinn; ein Klassenzimmer ohne Lehrer ist schlichtweg undenkbar, aber versuchen Sie mal, das einer überforderten Lehrkraft an einer finanzschwachen Dorfschule zu erzählen, die es dank Personal- und Kapitalmangel kaum schafft, aktuelle Lehrpläne umzusetzen, und dann mitansehen muss, wie Millionen in schicke neue Gerätschaften gesteckt werden.“

Bis zum eigentlichen Kampagnenziel, den Frauenanteil in Wissenschafts-, Technik- und Umweltberufen zu erhöhen, sei es noch ein langer, steiniger Weg.

„Deshalb konzentrieren wir uns auf eine Altersgruppe, in der die Mädchen entweder gerade von sich aus ihr Interesse an Naturwissenschaften entdecken, oder aber dem Druck herkömmlicher, veralteter Lehrmethoden und geschlechtsspezifischer Vorurteile nicht mehr gewachsen sind und diese Themen für sich abhaken“, so John.

Aus Umfragen im Vorfeld der Kampagne geht hervor, dass viele Mädchen Naturwissenschaften als langweilig, kompliziert und lebensfern empfinden.

Wissenschaft kann sehr spannend sein - das vermittelt „I Am Science“. Wissenschaft kann sehr spannend sein - das vermittelt „I Am Science“. | Foto: Miora Rajaonary An diesem Punkt will „I Am Science“ ansetzen. „In Südafrika gehören digitale Medien inzwischen zum Alltag, doch wenn es um die Anschaffung neuer Geräte geht, haben Mädchen oft das Nachsehen“, sagt Noemie Njangiru. „Genau das will unsere Initiative verhindern. Deshalb haben wir diese 30 Mädchen eingeladen – wir wollten wissen, was unsere künftigen Kampagnenbotschafterinnen interessiert, und sie spielerisch ans Experimentieren heranführen.“


Mit einer digitalen Plattform Interesse an Naturwissenschaften wecken

Im Rahmen der Kampagne soll vor allem die Lern-App LevelUp zum Einsatz kommen. In Zusammenarbeit mit ihren Entwicklern – dem Reach Trust – ist ein Onlineportal mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen für spannende, ungefährliche und einfache Versuchsreihen mit Alltagsgegenständen entstanden. Die Nutzer sollen sich beim Experimentieren mit dem Handy filmen, und die Videos anschließend mit Hilfe der App ins Netz stellen. Eigenes Ausprobieren und der Austausch mit Gleichaltrigen soll den Jugendlichen auf zwanglose Weise die Scheu vor dem wissenschaftlichen Arbeiten nehmen.

Doch Videoinhalte sind extrem datenlastig und in Südafrika ist Speicherplatz vergleichsweise teuer. Ausgerechnet der Zielgruppe der Kampagne – sozial benachteiligten schwarzen Mädchen – wird der Zugriff auf diese Inhalte dadurch erheblich erschwert.

„Deshalb wurden nutzerorientierte Anreize geschaffen. Im Gegenzug dafür, dass sie die Lern-App verwenden, erhalten die Mädchen Speicherplatz und Telefonguthaben, und in Zukunft sollen auch noch andere Prämien hinzukommen, Hygieneartikel etwa“, erklärt Maru Fourie, Produktmanagerin bei Reach Trust.
  • Foto: Miora Rajaonary Foto: Miora Rajaonary
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Zu den Höhepunkten des Workshops im Goethe-Institut gehörte fraglos der Auftritt von Sibongile Twala vom Sci-Bono Discovery Centre in Johannesburg, die auf der Bühne nicht nur diverse Substanzen in Brand steckte, sondern auch vor den Augen des staunenden Publikums eine Flaschenrakete in die Luft jagte.

Die Mädchen waren natürlich begeistert. „Am besten war, als Sibongile die Rakete gezündet hat!“, erzählt die fünfzehnjährige Refiloe Seshoka. Sie wurde beim Workshop zur offiziellen Kampagnenbotschafterinnen gekürt und findet die LevelUp-App „sehr gut“.

„Für mich ist die App eine große Hilfe, weil ich in Naturwissenschaften immer Probleme hatte. Die Aufgaben sind eine tolle Übung, und wenn ich doch mal nicht weiterkomme, hilft mir immer jemand. Die Experimente machen mir auch richtig Spaß; so etwas kannte ich bisher gar nicht, weil in der Schule immer nur der Lehrer irgendetwas vorführt, und wir zuschauen und mitschreiben.“

Mit tradierten Rollenbildern hat Seshoka nichts am Hut: „Wo ich herkomme, dürfen Jungs zum Beispiel kein Rosa tragen, weil das angeblich nur was für Mädchen ist, und Mädchen haben gefälligst brav zu sein. Wir werden unterschiedlich behandelt, dabei sind wir doch vollkommen gleich, vom Körperlichen mal abgesehen. Lasst uns doch einfach selbst entscheiden!“ Nach den Auftritten von Twala und Mpofu wurden die Mädchen in Gruppen eingeteilt, um bei eigenen Experimenten ihr Forschertalent unter Beweis zu stellen. Ein Riesenspaß, wie die dreizehnjährige Alexina Ngwira bestätigt.

eurozentrische, hyperwestliche Strukturen aufbrechen

„Es war sehr interessant und hat mir echt was gebracht. Ich will demnächst an meiner Schule den naturwissenschaftlichen Zweig wählen, vielleicht hilft mir das, was ich gerade lerne, dann bei den Prüfungen. Mein Traumberuf ist Pilotin, ich will später mal was von der Welt sehen!“

Zum Abschluss des Workshops richtete Projektkoordinatorin Victoria John noch einmal das Wort ans Publikum: „Unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern liegt diese Kampagne sehr am Herzen. Es geht um Gleichberechtigung, darum, eurozentrische, hyperwestliche Strukturen aufzubrechen, und das ganze Potenzial von Afrikas Frauen zu heben. Wir sind mit Feuer und Flamme dabei, denn wir glauben fest daran, dass die Kampagne ein Erfolg wird.“


Von Louise Ferreira


Louise Ferreira arbeitet als freie Autorin und Journalistin in Johannesburg, Südafrika. Ihre Themenschwerpunkte sind Feminismus, Genderpolitik und soziale Gerechtigkeit im Allgemeinen. Sie hat Journalismus und Englische Literatur studiert.